Stellen Sie sich folgende Situation vor: Sie liegen relaxt auf dem Sofa, die Beleuchtung ist gedimt, sonst befindet sich niemand im Haus. Die besten Voraussetzungen für den Genuss eines Hörbuches und da sie ein Gourmet sind, muss es H. P.Lovecraft sein. Wie der Zufall es will, haben sie gerade heute das neueste Hörbuch dieses Autors erhalten und nehmen die Gelegenheit zu gerne wahr. Sie legen die erste CD ein, schließen die Augen, lehnen sich zurück, und sie werden mitgenommen auf einen absoluten Horrortrip. Wohlig gegruselt beschließen Sie, ins Bett zu gehen. Doch, was ist das? Hat sich da in der Dunkelheit nicht was bewegt? Wo kommt dieses merkwürdige Scharren her, und vermeinen Sie nicht auch, einen merkwürdigen, bisher nie wahrgenommenen Geruch in der Luft wahrzunehmen?
Nein, leider gibt es keinen Kino-Film von Lovecraft, sondern der Lido-Verlag beweißt Mut und hat einen außergewöhnlichen Weg beschritten. „Das Orchester der Schatten“ inszeniert in Berlin schon seit längerem Lesungen von klassischen Horrorgeschichten mit Musikbegleitung und wurde vom Verlag verpflichtet, eigens für diese Produktion die Musikuntermalung zu gestalten. Was jedoch hier abgeliefert wurde, ist ein dynamischer Musikscore, der genauso gut einem amerikanischen Horror-Thriller entstammen könnte. Einige werden vielleicht den Charme der wabernden Synthi-Klänge der „Jason-Dark-Reihe“ vermissen oder die Klaviatur des Grauens der Hörspielreihe des Lübbe-Audio-Verlages, basierend auf Geschichten von Edgar Allen Poe.
Jedoch, wer einmal die auf dieser Doppel-CD hinterlegte Musik gehört hat, dem werden die Sounduntermalungen der anderen auf dem Markt erhältlichen Lovekraft-Produktionen vorkommen wie der Sound eines Kofferradio im Vergleich zum Soundtrack von Hitchcocks „Psycho“.
Dass Langeweile die merkwürdigsten Auswüchse haben kann, wissen wir alle. Aber wer kommt schon auf die Idee, just for fun Gräber auszurauben, um mit den gestohlenen Artefakten ein „Museum“ einzurichten. Doch genau davon handelt die erste Story und es geht auch alles „gut“, bis eines Tages die beiden Protagonisten aus dem Grab eines seit 500 Jahren toten Kapitäns ein Amulett entwenden. Danach geschehen grauenhafte Dinge, die zum Tod des Einen führen und den Zweiten zu Beginn des Hörbuchs sagen lassen: „… und dieses Wissen ist solcher Art, dass ich mir eine Kugel durch den Kopf jagen werde, aus Furcht, auf die gleiche Weise zerfleischt zu werden…“
Die zweite Geschichte namens „Das Fest“ handelt von der Teilnahme des Erzählers an einer schwarzen Messe in seinem Heimatort die darin gipfelt, dass unheimliche geflügelte Dämonen beschworen werden.
Simon Jäger, u. a. Synchronsprecher von Matt Damon, ist der Sprecher dieses Hörbuches, der von Simon Newby unterstützt wird.
Simon Jäger gelingt es, seiner Stimme den Ausdruck der Panik, Verzweiflung und Aussichtslosigkeit zu verleihen, die wohl jeden Sterblichen erfassen würden angesichts des Grauens, das Lovecraft herauf beschwört. Wie bereits oben ausführlich erwähnt, trägt der Musik-Score dergestalt viel zum Hörerlebnis bei, dass die Kombination aus Stimme und Soundtrack beim Hörer dazu führt, dass man „Mittendrin, statt nur dabei“ ist.
Neben den beiden Geschichten befinden sich noch drei Gedichte Lovecrafts auf den CDs, die im englischen Original belassen worden sind. Doch keine Angst, die vollständigen Texte liegen der wieder einmal hervorragend ausgestatteten Doppel-CD bei. Dieser liegt ein ausführliches Booklet bei und die CD ist, zum Schutz von Verschmutzungen, in eine Papphülle mit einem schaurig-schönen Cover gehüllt.
Dieses Hörbuch lässt alle anderen z. Zt. auf dem deutschen Hörbuchmarkt vorhandenen Adaptionen von Kurzgeschichten H. P. Lovecrafts weit hinter sich zurück und ist zweifellos geeignet, neue Standards in der Produktion von anspruchsvollen Horrorgeschichten zu setzen.