Für die einen war er die "berühmteste literarische Quasselstrippe" seiner Zeit, für die anderen einer der bedeutendsten Chronisten der Kaiserzeit und der Weimarer Republik : Harry Graf Kessler (1868 bis 1937). Er war Sproß einer wohlhabenden, aber nicht ganz lupenreinen Adelsfamilie und vor allem ein wilhelminischer Weltbürger. Mit seinen vorzüglichen Fremdsprachenkenntnissen und seinem vornehmen Auftreten war der kosmopolitische Graf in London, Paris und New York genauso zu Hause wie in Berlin oder in seinem geliebten Weimar. Kesslers Sprunghaftigkeit bescherte ihm die unterschiedlichsten Berufe und Tätigkeiten : Kunstmäzen, Verleger, Politiker, Museumsdirektor, Pazifist, Journalist, Offizier, Schriftsteller und Diplomat.
Bis zu seinem Tod führte er 57 Jahre (!) lang Tagebuch. Auf ca. 10.300 Seiten werden mehr als 40.000 Namen erwähnt. Die Liste der Personen, mit denen er teils flüchtig, teils gut bekannt war, liest sich wie ein "Who is Who" der internationalen Kunst, Gesellschaft und Politik. Neben den Aufzeichnungen der Baronin Spitzemberg ist Kesslers Werk eines der wichtigsten Tagebücher dieser Zeit.
Mit "Der Rote Graf. Harry Graf Kessler und seine Zeit" liegt nun endlich eine Biografie dieser interessanten Persönlichkeit vor. Der amerikanische Historiker Laird M. Easton von der California State University beleuchtet auf literarisch höchst anspruchsvolle und auch unterhaltsame Weise das unstete und spannende Leben des adeligen Schöngeist.
An manchen Stellen unterlaufen dem Autor kleine Fehler. So bezeichnet Easton die beiden wilhelminischen Staatssekretäre des Auswärtigen Amtes Adolf Freiherr Marschall von Bieberstein und Richard von Kühlmann als Aussenminister, einen Posten, den es im Kaiserreich auf Reichsebene gar nicht gab.
Angesichts des höchstwahrscheinlich falschen Gerüchts, wonach Kessler ein unehelicher Sohn des alten Kaisers (Wilhelm I.) gewesen sei, "wäre Kessler" laut Easton "immerhin ein Halbbruder Wilhelms II. gewesen".
In diesem Falle wäre der Graf allerdings ein Halbonkel (!) Wilhelms II. gewesen.
Darüber hinaus sind einige Wertungen und Thesen des Autors nicht ganz unproblematisch.
Nach Easton unterließ es die Reichsleitung nach dem Kriegseintritt der USA 1917 im Ersten Weltkrieg "die notwendigen Konzessionen zu machen, um einen Seperatfrieden zu erreichen, der den Kriegsverlauf verändert hätte".
Bei aller berechtigten Kritik an der OHL, den Alldeutschen und der deutschen Kriegsführung ist es ziemlich blauäugig anzunehmen, daß 1917 noch irgendwelche deutschen Konzessionen die Koalition aus England, Frankreich und den USA im Sinne eines Seperatfrieden hätte spalten können.
Über den Beginn der Weimarer Republik erfahren wir von Easton, daß die Spartakisten die KPD deshalb gründeten, weil "das Zögern der Mehrheitssozialdemokraten immer deutlicher wurde, eine tiefgreifende Neuordnung und Demokratisierung der deutschen Gesellschaft zu betreiben". Angesichts der antiparlamentarischen und demokratiefeindlichen Grundeinstellung der KPD war es wohl keineswegs zu wenig Demokratisierungsbemühungen der MSPD, die die Spartakisten störte, sondern das zu Wenig an marxistischer Revolution.
Trotz einiger anfechtbarer Wertungen ist Eastons Kessler Biografie als Informationsquelle zu Harry Graf Kessler und seiner Zeit unerlässlich. Als weitergehende Lektüre sind natürlich die Tagebücher selbst zu empfehlen, die Klett-Cotta derzeit in mustergültig editierter Fassung in insgesamt neun Bänden herausbringt.