Ich gebe zu, ich habe mich nie besonders um Kraken oder andere Tintenfische gekümmert, außer, dass ich sie mir gerne beim Griechen aus der Speisekarte wähle. Aber nach, ach was sage ich, schon während der Lektüre des "Roten" habe ich begonnen Fachbücher zu wälzen und im Internet zu recherchieren. Die lebendige Schilderung der seltsamen Geschöpfe in Bernhard Kegels "Der Rote" hatten meine Neugierde geweckt.
Natürlich geht es hier vordergründig nicht um Wissenschaft. Wie gesagt, es steht "Roman" drauf. Das ist listig, denn Bernhard Kegel weiß: "Seriöse Wissenschaft ist den Leuten zu anstrengend. Und zu langweilig. Sie wollen dieses dramatische Fressen- und Gefressenwerden ..." Und so entstand ein Roman, den man getrost als Wissenschaftsthriller bezeichnen kann.
*Authentisch*
Der deutsche Kalmarexperte Hermann Pauli versucht in Neuseeland seine familiären Probleme zu verarbeiten und wird mitten in ein Naturschauspiel gespült. Ein Erdrutsch verursacht einen mittleren Tsunami, der an Land schwemmt, was sonst in mehreren hundert Metern Tiefe im Meer lebt; in einer Tiefe, in der Pottwale jagen. Ein blutender junger Pottwal lässt ahnen, dass den Kalmarexperten noch einiges erwartet.
Die Romanfiguren sind erfreulich authentisch. Ihre Probleme, ihre Denke, ihre Begeisterungsfähigkeit und ihre Macken sind absolut glaubwürdig gezeichnet.
*Nachdenkenswert*
Einige Passagen regen zum Nachdenken an. Das, was die beiden Hauptprotagonisten am Schluss noch bewerkstelligen, unter Lebensgefahr, lässt die Frage diskutieren, die immer wieder auftaucht: War es das Risiko wert, angesichts eines doch fragwürdigen Nutzens? Oder das Problem, dass es kaum noch Biologen gibt, die unsere Artenvielfalt bestimmen können. Genau dies wäre aber wichtig, um die Ergebnisse der Molekularbiologie und der Evolutionsforschung in Einklang zu bringen zu können ("Systematiker wie John, die mit ihrer akribischen Arbeit die Grundlage für die gesamte Biologie schufen, würden bald wegrationalisiert werden. ... Was sie tun, gilt als altmodisch.")
*Das Beutetier: der Leser*
Ob nun ein kleiner Pottwal einen Riesenkalmar fängt, oder eher der Riesenkalmar einen Pottwal, bleibt offen. Klar ist hier nur, dass das Buch den Leser mit seinen Tentakeln erfasst und mit den Saugnäpfen starker Arme anzieht, aus denen es kein Entrinnen gibt.
Die Leser sind hier aber auch noch auf andere Weise "Opfer". Ähnlich wie es Frank Schätzing mit "Der Schwarm" gelang, so gelingt es auch Bernhard Kegel, den Lesern so ganz nebenbei eine Menge über das Leben unter Wasser beizubringen. Und wer die eindrucksvolle Beschreibung der pulsierenden Farbänderungen von Tintenfischen und ihrer erstaunlichen Verhaltensweisen nicht glaubt, der mag bei YouTube Videoclips nach "Octopus" durchsuchen: Kurzfilme von schnellen Farbänderungen, von cleveren Kalmaren, die an ihr Futter kommen, indem sie verschlossene Gefäße öffnen, durch engste Röhren fließen ... eine phantastische Welt. Oder sehen was passiert, wenn ein großer Kalmar einen etwa gleich großen Hai trifft!
*Das Buch: Eine Liebeserklärung*
Vielleicht bin ich ja berufsgeschädigt, da ich Biowissenschaften als solche schon packend finde (auch ohne Thriller). Aber es stimmt schon, für nicht-wissenschaftlich orientierte Zeitgenossen ist Wissenschaftliches oft nur spannend, wenn es riesengroß oder dramatisch ist. Fressen und Gefressen werden. Aber viele Wege führen zu einem Verständnis unserer Welt.
"Der Rote" ist Bernhard Kegels Liebeserklärung an das Leben im Meer. Ein Buch für Meeres-Begeisterte und für solche, die noch gar nicht wissen, was sie alles versäumen.