Chris Hamish (William Conrad) sieht eigentlich nicht wie der typische Gesetzeshüter aus, denn er neigt ein wenig zu Körperfülle, und eigenen Aussagen zufolge hapert es bei ihm auch mit seinen Fertigkeiten als schneller Schütze. Einzig die Selbstverständlichkeit, mit der er erwartet, jeder mexikanische Bauer müsse doch wohl Englisch verstehen und flink darauf zu antworten wissen, weist ihn als typischen Vertreter der amerikanischen Staatsgewalt aus. Warum er überhaupt in Mexiko ist? Weil er sich geschworen hat, einen berüchtigten Revolverhelden namens Roberto Kallen (Anthony Quinn) in die Stadt zurückzubringen, in der jenem ein Doppelmord zur Last gelegt wird.
Allen H. Miners Western "The Ride Back" (1957) hat, anders als viele Filme, nicht so sehr die Jagd des Marshals auf den Outlaw zum Gegenstand, sondern konzentriert sich auf den Weg, den der Gesetzeshüter zusammen mit dem Mann, dem er einem Gericht überantworten will, zurückzulegen hat, damit sich sein Auftrag erfülle. Und dieser Weg wird sich als eine wahre Odyssee entpuppen, in deren Verlauf wir als Zuschauer wohl mehrere Male an unseren Sympathien für den einen oder anderen der beiden Männer irre werden und sie auf seinen Gegenspieler übertragen. Es ist schon schwierig zu wissen, ob wir wirklich zu dem verbissenen, mit seiner Aufgabe kämpfenden Hamish halten sollen oder zu dem munteren, seiner Sache sicheren Kallen, der immer wieder versucht, seinem Bewacher ein Schnippchen zu schlagen, und dessen Frau Elena (Lita Milan) ihm voll blinder Vergötterung überallhin zu folgen bereit ist, während im Laufe der Zeit immer deutlicher wird, daß es außer einer gleichgültigen Ehefrau da niemanden gibt, mit dem Hamish verbunden wäre.
Die zwei Männer kommen auf ihrer Rückreise an einer verlassenen Farm an, auf der sie die Leichen eines älteren Paares und eines kleinen Mädchens finden - offensichtlich Opfer abtrünniger Apachen. Sie finden die völlig eingeschüchterte Zwillingsschwester des getöteten Mädchens, die sofort Zutrauen zu Kallen faßt, der sich auch wirklich rührend um sie zu kümmern beginnt, während Hamish mit hilfloser Distanziertheit zusieht. Da die vier Indianer immer noch in der Gegend sind und auch den beiden Männern schon mehrere Male aus dem Hinterhalt zugesetzt haben, ist es keine Frage, daß sie das junge Mädchen mit sich in die Stadt nehmen müssen, was die Reisegesellschaft zu einem noch leichteren Ziel für ihre Verfolger macht.
"The Ride Back" zeigt, daß ein guter Western nicht unbedingt von Stars und kostspieligem Tand lebt - auch ein Studio wie MGM machte seine billigen Filme -, sondern daß ein gutes Drehbuch, psychologisch interessante Charaktere und ein Schuß Dramatik das Ihre zu tun vermögen, um einen Film aufzuwerten. Die indianischen Verfolger sind kein halber Stamm, sondern vier heruntergekommen wirkende Streuner, die Handlung zentriert sich vornehmlich auf zwei Personen, und insgesamt bleibt es eher ruhig in "The Ride Back", doch ist es ein wahres Vergnügen, die psychologische Kriegsführung, die sich zwischen Hamish und Kallen abspielt, mit zu verfolgen - und auch den langsam sich vollziehenden Wandel ihrer Beziehung. Dabei bleibt, wie oben bereits gesagt, lange unklar, wer denn nun der Gute und der Böse ist - wenn man schon in solchen Kategorien denken möchte -, denn wenn dem selbstsicheren Kallen auch die Herzen seiner Mitmenschen bereitwilliger zufliegen als dem Marshal, der sich im Zustand tiefster menschlicher Einsamkeit befindet und sein Selbstwertgefühl mit seiner Mission zurückgewinnen will, so fragt man sich doch, ob Kallen am Ende nicht nur ein geschickt manipulierender Egomane ist, der andere Menschen für seine Zwecke einspannt, wie er dies - in einer sehr dramatischen Szene - denn auch mit dem geretteten Kind tut.
Ursprünglich war die Story für die Radio-Serie "Gunsmoke" geschrieben worden, in der William Conrad wegen seines kraftvollen Baritons die Rolle des Matt Dillon verkörperte. Als "Gunsmoke" dann seinen Weg ins Fernsehen machte, dachte man zwar kurzzeitig darüber nach, Conrad auch hier die Hauptrolle spielen zu lassen, doch sah man aufgrund der Statur des Schauspielers dann rasch von diesem Gedanken ab. Conrad brachte es dann allerdings später als orchideenzüchtender Nero Wolfe und als "Fatman" McCabe zu Serienruhm.
Auch auf das eingängige Titellied von Frank De Vol, das die Handlung an entscheidenden Stellen immer wieder kommentiert, sei an dieser Stelle hingewiesen.
Zur DVD: Dies ist meine erste DVD von KSM Klassiker, so daß ich nichts Generelles über dieses Label sagen kann. Was den vorliegenden Film betrifft, so bietet er aber eine sehr gute Bildqualität - der Film ist s/w - und auch die beiden Tonspuren (Englisch und Deutsch) sind in guter Qualität aufgespielt. Mit Wolf Martini und Arnold Marquis waren für Quinn und Conrad zudem zwei äußerst gute Synchronsprecher am Werk, die den Charakteren auch im Deutschen glaubhaft Leben einhauchen.