Die Schrift "Der Richtungsstreit in der SPD", ein Buch zur Parteigeschichte, behandelt den innerparteilichen Kampf zwischen den Konservativen und Sozialisten innerhalb der Sozialdemokratie; und sie ist ein hervorragendes Beispiel für ein rein ideologisches Machwerk, das formal jedoch wissenschaftlichen Kriterien genügt.
Dieser Kunstgriff gelingt Frau Gebauer, indem sie die Quellenlage "filtert". D.h. an den Leser werden nur die Informationen weitergeben, die den Standpunkt wiederspiegeln, den Frau Gebauer selbst vertritt. Und zwar, dass die Konservativen Recht hätten und dass die Sozialisten inkompetente Idioten und ein Gefahr für die Demokratie wären. Kein Wunder, dass Helmut Schmidt als intellektuelles Oberhaupt der Konservativen in der SPD ein Vorwort für dieses Werk verfasst hat.
Der erste Weg die Geschichte zu "filtern" besteht darin, dass das Werk erst in den 50er Jahren mit dem Beschluss des sog. Godesberger Programmes einsetzt, das zu einem Zeitpunkt entstand, als die Konservativen bereits die vorherrschende politische Kraft in der SPD waren. Indem man fast 100 Jahre vorangegangener Parteigeschichte ganz einfach ausblendet, gelingt's die Sozialisten als Fremdkörper darzustellen, der während der 68er Bewegung in die SPD eingedrungen ist, wohingegen die Konservativen die eigentlichen Sozialdemokraten wären. - Ebenso wird hierdurch die unrühmliche Vergangenheit der SPD-Konservativen, die sich ursprünglich als "nationale Sozialisten" bezeichnet hatten, vertuscht.
So schrieb z.B. der von Gebauer stets in den höchsten Tönen gelobte Eduard Bernstein 1899:
"Es ist weder nötig, dass Besetzung tropischer Länder durch Europäer den Eingeborenen Schaden an ihrem Lebensgenuss bringt, noch ist es selbst bisher durchgängig der Fall gewesen. Zudem kann nur ein bedingtes Recht der Wilden auf den von ihnen besetzten Boden anerkannt werden. Die höhere Kultur hat hier im äußersten Fall auch das höhere Recht. Nicht die Eroberung, sondern die Bewirtung des Bodens gibt den geschichtlichen Rechtstitel auf seine Benützung."
Unter anderem damit begründet er seine Zustimmung zum Imperialismus des Kaiserreiches. Um nicht auszuschweifen, seien hier nur Schlagworte genannt: Burgfrieden, Ebert-Groener-Pakt, Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg (durch Waldemar Pabst), Blutmai 1929.
Ebenso "gefiltert" wird auch der aggressive Sprachgebrauch der Konservativen: In ihren Reden gebräuchliche Begriffe, wie "Gesinnungsrusse", "Ostjudentum", "Deutschenhasser", "Bombenleger", "Bolschewist" oder "Spartakist", mit denen sie wohlgemerkt ihre innerparteilichen Gegner und nicht etwa die Anhänger der SED beschimpft haben, werden sorgsam verschwiegen. - Allerdings lässt's Frau Gebauer nicht aus, durch ihre eigene unpassende Ausdrucksweise vor Augen zu führen, dass sie ganz ähnliche Ansichten vertritt.
Es soll das Bild vermittelt werden, als wäre die SPD von Anfang an eine konservative Partei gewesen, und die Sozialisten wären nur deshalb Mitglieder der SPD, weil die KPD 1956 verboten worden war.
Wer sich für das Thema des Buches interessiert, sollte es unbedingt zusammen mit "Sozialismus und Nation" von Hermann Heller, "Die Voraussetzungen des Sozialismus" von Eduard Bernstein (besonderes Augenmerk auf die Kapitel zur Kolonialpolitik, Wehrfrage und Föderalismus) und einer Darstellung der Novemberrevolution 1918 durch einen seriösen Historiker lesen. Auf diese Weise wird aufgedeckt, was Frau Gebauer verbergen wollte.