Mehrere Geschichten verflechtet Aitmatov in dieser Bestandsaufnahme der Sowjetunion der späten achziger Jahre. Eine alte Wolfsfamilie wird durch die Berge Kirgisiens gehetzt, ein junger Mann will Rauschgiftschmuggler bekehren, der Hirt Boston widersetzt sich bürokratischem Widersinn und Jesus diskutiert mit Pilatus über Schuld. Es überrascht beim Lesen, daß sich hier ein Autor findet, der ohne hohles Pathos die moderne Welt kompromißlos an moralischen Maßstäben mißt. Der Richtplatz ist der Ort, an dem die Menschen Stellung beziehen müssen. Awdi irrt nach seinem Studium ziellos durch sein Leben. In einem Chorkonzert, daß er zufällig besucht, begreift oder besser spürt er die Tragödie seines Landes und seine eigene. Aber mit dem Willen, etwas zum Positiven zu ändern, ist es nicht getan: Mit seiner Aufrichtigkeit sieht er sich erst dem Gespött und schließlich der brutalen Gewalt von Rauschgifthändlern ausgesetzt (bemerkenswert, daß so etwas in der damaligen SU erscheinen konnte), schließlich wird er, ähnlich wie zweitausend Jahre vor ihm Jesus, an einen Baum gebunden und hängengelassen. In den vielfältig verbundenen Geschichten geht es immer wieder um die Frage, an welchem Punkt ein Mensch sich widersetzen muß, um nicht seine Selbstachtung zu verlieren. Das alles geschieht vor einer überwältigenden Landschaftskulisse, getränkt mit Mythen und Sagen. Ich kenne keinen heutigen Autor, der wie Aitmatov zum großen Drama fähig ist. (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)