Alma, Juan, Lola und Tommy sind eine kleine glückliche moderne Patchworkfamilie. "Ohne die Vergangenheit, die Erinnerungen, die sich in den Weg stellen, könnte alles perfekt sein." Der bekannte Herzchirurg Juan hat nach dem Tod seiner ersten Frau Soledad in der jungen Aushilfskellnerin Alma zum zweiten Mal das Glück gefunden. Als sie sich kennenlernen trägt Alma bereits das Kind einer vergangenen Liebe unter ihrem Herzen. Für Juan ist dies kein Hinderungsgrund, denn er bringt den kleinen Tommy mit in die neue Verbindung. Das einzige Kind aus der Ehe mit Soledad. Der zwölfjährige Tommy hat einen angeborenen Herzfehler, mußte schon mehrfach operiert werden und führt daher ein stark behütetes und in seiner Mobilität eingeschränktes Leben als Einzelgänger. Freunde hat er keine, von seinen Klassenkameraden wird er gehänselt und zum isolierten Außenseiter abgestempelt. Seine Stiefmutter hat ihm einen MP3-Player geschenkt, mit dem er die belauschten Stimmen der Erwachsenen aufzeichnet. So geschehen an einem sonnigen Nachmittag auf dem Gartenfest seines Großvaters. Dabei erfährt er, daß seine leibliche Mutter nicht nach einer Krankheit verstorben ist, wie sein Vater es ihm erzählt hat. Vielmehr hat sie sich das Leben genommen. Das ist der Anfang einer unheilvollen Odyssee, nach der nichts mehr sein wird, wie es war.
Geschickt läßt die chilenische Autorin Carla Guelfenbein ihre drei Protagonisten zu Wort kommen. Jeder bekommt ein Symbol, mit dem das entsprechende Kapitel gekennzeichnet ist. Juan, als Herzchirurg Herrscher über Leben und Tod seiner Patienten erhält eine ablaufende Sanduhr. Alma bekommt ein Wellensymbol als Zeichen für das Leben im Wasserhaus ihrer Kindheit als ungeliebter und unverstandener Teenager. Auch von ihrem beruflich erfolgreichen Mann fühlt sie sich mehr und mehr alleine gelassen. Tommy bekommt als introvertierter Kämpfer gegen die Anfeindungen seiner Mitschüler einen kriegerischen Pfeil. Abwechselnd verraten sie dem Leser ihre Ängste und Sorgen, die sie voreinander geschickt verschweigen. Hinter der Barriere des Schweigens spielt sich nicht selten das Eigentliche ab. Und bricht sich dieses unterschwellig brodelnde Eigentliche seinen Damm durch die sorgfältig gepflegten Fassaden der sogenannten makellosen heilen Welt, bleibt nichts als Zerstörung und Verwüstung zurück. Alma, Juan und Tommy sind jeder auf seine Weise einsam und doch haben sie einander lieb. Sie finden jedoch keinen Weg zueinander, können ihre Gefühle nicht in Worte fassen und so bleiben sie sprachlos allein. Jeder für sich.
Juan stürzt sich stattdessen in seine berufliche Passion als lebensrettender Herzspezialist und entspannt in seiner Freizeit hoch oben über den Wolken beim Fliegen. "Die Kunst des Fliegens tarnt die sehr komplexere und heiklere Kunst des Fliehens."
Alma flieht vor dem allmählichen Scheitern ihrer Ehe in eine leidenschaftliche Affäre. "Es wäre die Chance - nach all den Jahren. Die Lawine loszutreten. Zu reden. Aber es ist eine Chance, die ich ihr nicht geben werde."
Während seine Eltern mit ihren Eheproblemen und beruflichen Anforderungen vollauf beschäftigt sind, ist der kleine Tommy zunehmend sich selbst überlassen. Ratlos und traurig gibt er sich seinen Grübeleien um den geheimnisvollen Tod seiner Mutter hin. Dabei erfährt er manch unangenehme Wahrheit.
Zartfühlend und empathisch schildert Carla Guelfenbein die Ängste und Sorgen ihres pubertierenden Helden, der sich auf eine gefährliche Reise in die Vergangenheit macht. Drei Menschen in Not, die sich lieben und doch den Zugang zueinander verloren haben. Finden sie erneut zueinander? Voller Fabulierlust hält uns die Chilenin den Spiegel vor. Wie oft ist das Schweigen für das Scheitern von Liebe und Vertrauen verantwortlich?! Wie häufig fehlt die kleine Geste für eine Versöhnung? Wie häufig scheitert die Liebe am Wort zur rechten Zeit? Dies ist ein literarisch anspruchsvoller und thematisch sowie emotional beeindruckender Roman über eine moderne Patchworkfamilie und die Macht der (fehlenden) Worte. Sehr lesenswert !