"Der Regenkönig" ist einer meiner Lieblingsromane. Saul Bellow schildert auf einzigartige Weise die Geschichte eines schon fast am Leben zerbrochenen Menschen, der jedoch nicht aufgibt, eine prägende Erfahrung macht und schließlich sein Leben von Grundauf ändert. Der Roman vereinigt Elemente des Entwicklungsromans mit denen des Schelmenromans, was ihn angesichts des ganz eigenen Charmes der Diktion Bellows umso lesenswerter macht.
Eugen Henderson, der Protagonist, hat drei Millionen Dollar von seinem alten Herrn geerbt. Doch statt hiermit glücklich zu sein und aus seinem Leben etwas zu machen, wird er zum Alkoholiker und seine Ehe zerbricht. Nachdem Henderson in eine Affäre stolpert, aus der obendrein noch eine zweite Ehe hervorgeht und er sich auch von seinen Kindern völlig entfremdet hat, beginnt er Schweine zu züchten. Dies ändert jedoch nichts an seiner Alkoholsucht und suizidalen Stimmung. Trotz aller Versuche, ein glückliches Leben zu führen, sieht Henderson irgendwann ein, dass er kein glücklicher Mensch ist. Denn eine immer drängender werdende innere Stimme sagt Henderson, dass es an etwas ganz Fundamentalem in seinem Leben fehlt, ohne dass er es genau benennen könnte. Als ein alter Bekannter zu einer Hochzeitsreise nach Afrika aufbricht, entschließt sich Henderson, das Brautpaar zu begleiten. Nachdem er sich nach kurzer Zeit "abseilt" und mit einem Schwarzen namens Romilayu auf eigene Faust die Weiterreise antritt, dringt er in die Tiefen Zentralafrikas vor, wo er auf den völlig abseits der Zivilisation lebenden Stamm der Arnewi trifft und seine ersten Erfahrungen mit der dortigen archaischen Kultur macht. Nachdem er dort nach einem zunächst verheißungsvollen, letztlich aber unrühmlichen Auftritt wieder abzieht, trifft er auf den Stamm der Wariri, dessen König Dahfu für Henderson zum persönlichen Mentor wird. Zwischen beiden entwickelt sich eine enge Freundschaft. Nachdem es Henderson im Rahmen eines im Zuge einer Dürreperiode vollführten Regen-Rituals gelingt, eine zentnerschwere Frau hochzuheben, wird er nach den Stammesstatuten zum Regenkönig ernannt. Zwischen Dahfu, dessen Zeit als König der Wariri ausläuft, und Henderson entwickeln sich philosophische und darüber hinaus witzige Gespräche über das Leben und die Einstellung zum Leben. Trotz ihrer unterschiedlichen kulturellen Hintergründe und Wertvorstellungen lernen beide voneinander. Dahfu bringt zudem Henderson durch Teilnahme an bestimmten Ritualen dazu, seine eigenen Grenzen immer wieder zu überschreiten und seine Lebensängste zu überwinden. Letztlich ist es jedoch Henderson selbst, der bei den Wariri wie einer Art Bestimmung folgt, die noch eine letzte, bedrohliche Prüfung für ihn bereithält.
"Der Regenkönig" schöpft seine besondere Anziehungskraft meiner Meinung nach daraus, dass Henderson seine Erfahrungen völlig abseits der westlichen Konsumgesellschaft und deren festgefügtem Wertesystem macht. Die Reise Hendersons nach Afrika wird auf diese Weise wie zu einer Art innerer Einkehr, in der auf einmal immaterielle und überkulturelle Werte für ihn wichtig und bedeutend werden. Am Ende findet Henderson auch zu sich selbst. Saul Bellow ist mit diesem witzig-anspruchsvollen Buch ein wirklich großer Wurf gelungen. Absolut empfehlenswert!