Der neue Roman des britischen Bestsellerautors "Der Regen, bevor er fällt" ist für mich eines der herausragenden Bücher dieses Frühjahrs. Hatte Coe sich in seinen letzten Romanen noch sehr stark mit Männerthemen und -schicksalen beschäftigt, geht es in seinem neuen Buch um das Schicksal von Frauen.
Über drei Generationen von Frauen reicht das literarische Band, das Coe auf eine ganz wunderbare Weise da spannt, und mit einer kraftvollen und poetischen Sprache eine bewegende Familiengeschichte erzählt , die voll ist von dunklen Geheimnissen, enttäuschter Liebe und großer Sehnsucht.
Der Kern des Buches sind die Toncassetten, die Rosamond besprochen hat, kurz bevor sie starb, und die ihre Nichte Gill in dem Altenheim Rosamondes findet, als sie mit der Organisation des Nachlasses beginnt. Rosamond hat sie beauftragt, diese Kassetten an Imogen zu überreichen, jener verschollenen Enkelin ihrer Cousine Beatrix. Natürlich ist Gill neugierig und sie beginnt zusammen mit ihren Töchtern die Kassetten abzuhören. Ganz zu Anfang der Bänder hinterlässt Rosamonde eine Botschaft für die verschollene blinde Imogen, die für Gill und ihre Kinder eine ähnliche Wirkung entfaltet: "Ich möchte dir, mehr als alles andere, Imogen, eine Vorstellung von deiner Geschichte vermitteln. Du sollst ein Gefühl dafür bekommen, wo du herkommst und welche Kräfte es waren, die dich hervorgebracht haben."
Rosamond will erklären, was doch auch für sie selbst so schmerzhaft war und ihr Leben geprägt hat:
"Du wirst einen Sinnzusammenhang haben, einen Zusammenhang, um die schwierigen Dinge, die schmerzvolle Dinge zu verstehen, die du am Ende hören wirst."
Anhand von 20 Fotografien, die Rosamond aus ihrer Sammlung für ihren akustischen Nachlass ausgewählt hat, erzählt sie ihr Leben. Und vor allen Dingen ihre Beziehung zu Beatrix, jener überaus schwierigen und tragischen Frau, deren Enkelin Imogen ist.
Es ist eine tragische Geschichte, voller Leid und andauernder Versuche, es irgendwie zu meistern. Der Leser folgt gebannt der Beschreibung Rosamondes, die gegen Ende- ihr Tod naht- immer schwächer wird. Jonathan Coes Buch ist ein kleines Meisterwerk der Erzählkunst, indem er seine Protagonistin, einen Satz des Kritikers William Empson aufgreifend, gegen Ende sagen lässt, "dass das Leben erst dann anfängt, einen Sinn zu ergeben, wenn man begreift, dass manchmal - oft - immer - zwei sich völlig widersprechende Vorstellungen wahr sein können."
Ein Satz und eine Geschichte, nach deren Lektüre der faszinierte und tief beeindruckte Leser gar nicht umhin kann, sein eigenes Leben, seine Wurzeln und seine Wunden aus diesem Blickwinkel freundlich zu betrachten.