Die Thriller von Jens Lossau und Jens Schumacher nehmen in der deutschen Krimiszene sicher eine Ausnahmestellung ein, und zwar nicht allein, weil die beiden so konstant als Duo arbeiten. Mir fällt auf Anhieb einfach kein anderer Autor ein, der sich über die Jahre so souverän allen anbiedernden Strömungen des Krimi-Genres (kochende Kommissare, Italien, überrecherchiertes Pathologiegesülz, etc.) widersetzt und konsequent sein Ding durchgezogen hätte - welches im Falle von Lossau/Schumacher heißt: übernatürlich gefärbter Einstieg, schräge Charaktere, Klamauk und viel Liebe zum Detail.
Dieses Mal verschlägt esdie beiden SK-66-Sonderkommissare Tillmann Grosch und Frank Passfeller in die Tiefen der Pfalz, in ein (fiktives)Saukaff zwischen Landau und Neustadt. Dort wird bei Vollmond eine zerfleischte Frauenleiche gefunden und verängstigte Anwohner berichten von einer zottigen Gestalt, die in den Weinbergen umgehen soll. Im typischen Stil der Vorgängerromanen nehmen die BKAler ihre Ermittlungen auf: Tumb und hungrig der eine, genervt und aggressiv der andere, stolpern Grosch und Passfeller durch Wirtshäuser, Bibliotheken und Wingerte, decken lokale Fehden auf, rußen sich mit Pfälzer Wein zu und stoßen auf ein Panoptikum herrlich absurder Gestalten, bevor sie am Ende - einmal mehr eher durch Glück als durch Verstand, schließlich dem Täter gegenüberstehen. (Ohne zu viel zu verraten, sei gesagt: Die Monstermär hat natürlich mit Wein zu tun.)
Obwohl(oder vielleicht gerade weil?) dieser Roman der bisher kürzeste ist kommen seine "Helden" Grosch und Passfeller, Sinnbilder genusssüchtiger Lakonie und gestressten Menschenhasses, in meinen Augen um einiges menschlicher rüber als in den übrigen Bänden der Serie. Nach wie vor klamaukt es in den Dialogen zwischen den beiden, das es eine Art ist, doch darüber kommt die ebenso plumpe wie herzliche Natur ihrer Beziehung plastischer denn je zum Ausdruck(ich sage nur: Fishmäc).
Die sprachliche Seite, vor allem eben die Dialoge, werden denn auch bei diesem Lossau/Schumacher-Werk die Lager erneut spalten: Entweder liebt man den kruden, sprachverliebten Humor der Autoren und ihrer Geschöpfe, oder man wird sich fragen auf welchem Planet "Der Rebenwolf" eigentlich spielt. Ich find's köstlich und freue mich, dass es noch Künstler gibt, die ihre Arbeit nicht von kommerziellen Zwängen und den Konventionen des Massenmarkts verwässern lassen.
Mein Fazit: "Der Rebenwolf" ist eine detailverliebte Schilderung eines hinterwäldlerischen, verschwiegenen Dorfmilieus, in das in bester James-Bond-Manier ein technisch hochgerüsteter Bösewicht einbricht, um seine finsteren Pläne umzusetzen. Ein amüsantes Verwirrspiel um einen mythischen Wolfsmann, reichlich Faktenwissen um die neuesten Absichten asiatischer Lebensmittelforschung (höchst real, wie uns das Internet lehrt), zwei originelle Ermittler und unzählige aberwitzige Dialoge gibt's obendrauf.
Ich finde, der Ausflug aufs Land steht den beiden Aushängeschildern der SK 66 gut zu Gesicht. Zu monieren ist lediglihc, dass das Buch mit seinen 256 augenfreundlich gesetzten Seiten viel zu schnell ausgelesen ist. (Als nächsten Grosch/Passfeller-Thriller wünsche ich mir einen 500-Seiter, und den dann bitte gleich als Paperback, damit er in meinen Urlaubskoffer passt!)
Sicher der absurdeste, vielleicht der beste Grosch/Passfeller-Krimi bisher. Alle fünfe!