Kai Meyer findet tatsächlich eine ebenso gruselige wie plausible Erklärung für das Verschwinden der Kinder von Hameln, die zugleich auch verständlich macht, warum darüber Schweigen herrschte. Natürlich ist die Erklärung fiktiv und darauf weist Meyer auch gleich im Vorwort hin. Aber dies ist ein Roman und kein Sachbuch. Und als Fiktion gelingt Meyers spannendes Geflecht aus Detektiv- und historischen Roman gut.
Typisch für Meyer ist, historische Persönlichkeiten in seine Romane einzubinden (wie Goethe und Schiller in "Die Geisterseher") und so tauchen hier u.a. Dante und Heinrich der Löwe auf, der allerdings leider eine Hintergrundrolle behält.
Erzählt wird der Roman aus der Ich-Pespektive des jungen Ritters, der, so glaubt er es, nach Hameln geschickt wurde, um eben das rätselhafte Verschwinden der Kinder aufzuklären. Dahinter steckt jedoch eine Intrige, die sich erst am Ende etwas abrupt, doch letztlich stimmig aufklärt.
Entsprechend dem Charakter des "Helden" ist der Stil der Erzählung: oft etwas prahlerisch, allzu selbstbewusst (oder man tut wenigstens so...) und um eine blumige Ausdrucksweise bemüht. ("Liebe Leute, ich erzähle euch hier immerhin eine ungeheuerliche Maere!") Das klingt mitunter ein bisschen wie ein Student, der versucht, seinen Dozenten zu imitieren. Gerät der Erzähler jedoch in Angst, ändert sich der Stil und man hat den "echten" jungen Menschen vor sich, der eigentlich irgendwann nur noch hofft, aus der ganzen Sache mit seinem Leben davonzukommen.
Denn grausige Dinge spielen sich in Hameln ab, das sich gerade auf ein großes Mysterienspiel vorbereitet, bei dem es hofft, einen Stadtheiligen vom Papst zu bekommen... Da sind Fremde, die zu viele Fragen stellen, nicht willkommen...
Ein Punkt Abzug nur für die allzu überstürzte Auflösung am Ende. Wie gesagt: stimmig ist es. Aber: einen Charakter hätte man vielleicht schon früher auftreten lassen sollen, um die Auflösung nicht ganz so schrifstellerisch konstruiert erscheinen zu lassen.