Ich habe das Buch gestern Abend bekommen und heute in einem Rutsch durchgelesen.
Es ist flüssig und spannend geschrieben ohne viel "Geplänkel". Die Lebensgeschichte eines Mannes, der sehr selbstreflexiv seine abenteuerlichen Erfahrungen zu Papier gebracht hat und dabei grundsätzlich erklärt, wie und warum er in all den Situationen so gedacht und gehandelt hat. Es ist als reine Biografie zu verstehen, kein Sachbuch über die ach so geheimnisvolle Hells Angels-Welt, wie sich das einige der Rezensenten vielleicht gewünscht hätten (..."nix Neues"...). Es kommt auf die Erwartungen an, die man an das Buch stellt. Thomas P. war nur wenige Wochen Hells Angels-Member (Kapitel 11), davor erklärt er wie es dazu kam: nach schlechter Kindheit kommt er auf der Suche nach Familie und Geborgenheit über Umwege (Bundeswehr, Gremium MC) zu den Hells Angels, hat aber eine super negative Einstellung zum Club, sodass er nach wenigen Wochen seinen Rauswurf provoziert. Durch einen unglücklichen Umstand gerät er ins Visier der Freunde und Helfer bei der Polizei und schildert ihnen brühwarm, was er über die Vernichtungsaktion der Bremer Bandidos weiß, an der er selbst beteiligt war, um seinen eigenen Hintern zu retten.
Das Ganze ist gut strukturiert in 19 Kapiteln untergebracht, voila:
1. Der Verratene: Hier und Heute
2. Der Hurensohn: eine Kindheit in Ostfriesland
3. Der Soldat: Zwischen allen Fronten
4. Der Türsteher: Schlagende Argumente
5. Der Gefährte: Als Mann einer Hure
6. Der Rocker: Der Beginn einer "Karriere"
7. Der Hangaround: Forever Angel, Angel Forever?
8. Der Sklave: In den Fängen des Clubs
9. Der Verbrecher: Das Ende der Bremer Bandidos
10. Der Prospect: Die Ausbeutung geht weiter
11. Der Member: Die feige Rache der Bandidos
12. Der Aussteiger: Der Feind hört immer mit
13. Der Gefangene: Ein unmoralisches Angebot
14. Der Kronzeuge: Im Namen des Volkes?
15. Der Verräter: Tod oder lebendig
16. Die Gefährtin: Ein Nachwort von Melanie W.
17. Der Gejagte: Worte des Dankes
18. Der Erklärer: Das Glossar
19. Bilder und Dokumente
--> Man beachte die Formulierungen in der Aufnahmephase zum HA-Member: "Sklave", "in den Fängen", "Ausbeutung" - genau das ist das Problem. Thomas P. war von Beginn an angepisst, dass er trotz seiner "Rockererfahrung" wieder von vorne anfangen musste und nicht direkt alle seine "Freunde" waren. Freundschaften muss man sich verdienen, dafür ist so eine lange "Kennlernphase" sicher auch gedacht. Dass diese so zeit- und arbeitsintensiv sein kann, hat er vorher gewußt. Er ist aber neidisch auf andere, die vor ihm befördert werden. Am Ende seiner HA-Zeit ein peinlicher Ausraster, nachdem ein Member über ein anderes abgelästert hatte, mit dem er sich gut verstand. Zu Freundschaft gehört auch, andere Meinungen zu akzeptieren, was erwartet er bei hunderten Hells Angels? Das sich alle gegenseitig lieb haben, nur weil sie den gleichen Aufnäher bekommen haben? Er hätte ganz einfach sagen können "ich habe gute Erfahrungen mit dem gemacht" und gut. Aber er zerschneidet sich daraufhin die Arme und das Gesicht. Voll logisch.
Wieder Enttäuschung, wieder keine "wahren Freunde". Psychopat par excellence. Fraglich, warum die Angels so einen zum Member gemacht haben. Ein Kindskopf, der sich alles schönträumt und wenn er seinen Willen nicht bekommt, ein Affentheater veranstaltet.
Also versucht er nach seinem Rausschmiss/Abgang wie auch immer bei den Angels zu dem "Feind", den Bandidos überzuwechseln (is ja auch egal, Hauptsache Freunde, egal wer?!?).
Durch eine Sicherheitslücke bei den Bandidos geraten Informationen über die Bandidos-Eliminations-Aktion an die Cops. Verhaftung, Kronzeugendeal, Zeugenschutzprogramm. That's it.
Das Buch ist also super bewertend geschrieben aus der Sicht eines Mannes, der Erwartungen hatte, die schlicht unrealistisch waren. Die Gremium- und Hells Angels-Mitglieder sind also keine "echten Freunde". Fraglich, ob es bei den Bandidos anders gelaufen wäre.
Fazit: für Freunde der guten Unterhaltung über den Sinn des Lebens und die Suche nach Freundschaft absolut empfehlenswert.
Es gibt sogar ein Happy-End: Thomas P. hat auf seiner verzweifelten Suche nach Familie und Geborgenheit diese offenbar in seiner Frau und deren Tochter gefunden. Ende gut, alles gut.
Ich persönlich wünsche den beiden nach der Lektüre des Buches von Herzen alles erdenklich Gute und kann mir nicht vorstellen, dass da von der Angels-Seite noch was nachkommt.
"Bad Boy Uli" & Thomas P. die 500.000 Euro-Kopfgeld-Opfer ist mir irgendwie ein bissel zu krass. Selbstverständlich werden Drohungen ausgesprochen, sie haben schließlich keinen Chorknabenverein verraten aber lohnt es sich noch, nach all der Öffentlichkeitsarbeit, welche die beiden geleistet und alles bereits ausgeplaudert haben, was sie wissen, einen Mord zu begehen? Ich glaube nicht. Also genießt das Leben ihr beiden und danke für eure Geschichten. Ich habe sie gerne gelesen. :-)