Die wenigsten Leute, die Poe lesen, wissen eigentlich, wen sie vor sich haben. Die Gerüchte, er sei opiumsüchtig gewesen und hätte seine Werke in irgendwelchen Rauschzuständen geschrieben, reißen einfach nicht ab. Die Demontage seines Rufes, den Poe seinen zeitgenössischen Schriftstellerkollegen zu verdanken hat, weil er diese zurecht seiner messerscharfen Literaturkritik unterzog, dauert bis heute an. Selbst unter seinen Liebhabern hält sich dieses falsche Bild.
Eines war Poe sicher: ein Quartalssäufer, und man kann ihn daher zurecht als Alkoholiker bezeichnen. Mit Opium hatte er nachweislich jedoch überhaupt nichts zu tun. Das Laudanum, was er im Leben nahm, nahm er nur als Medizin.
Sicher merkwürdig, warum ich bei einer Rezension zu diesem Buch so explizit darauf hinweise, aber es hat unmittelbar auch mit dem Werk zu tun. Denn in seiner Philosophy of Composition demontiert Poe höchstselbst dieses peinliche Dichterklischee vom Genie, das in einer Art schönem Wahnsinn seine Werke niederschreibt. Damit war er der allererste, der einen so tiefen Einblick in seine Dichterschmiede gewährt hat. Wie viele mögen hier wohl überrascht sein, mit wieviel Kalkül, mit welchem methodischen, ja fast mathematischem Aufbau er seine Werke (der Rabe hier im speziellen genannt) komponierte. Allein schon dafür gebührt ihm höchstes Lob und tiefer Respekt. Ich bin selbst Dichter und weiß, wovon ich rede.
Poe war nicht bloß ein talentierter Horrorautor, er war es, der den Symbolismus in der Lyrik und somit die Moderne darin einläutete; er war es, der die moderne Detektivgeschichte auf den Weg brachte; er war es, der die Wege für Jules Verne, H.G. Wells und zahlreiche andere ebnete. Es gibt Erzählungen und Abhandlungen von ihm, die selbst heutige Physiker mit Respekt betrachten. Und nebenbei war Poe auch ein verdammt guter Satiriker und Literaturkritiker. Die meisten wissen gar nicht, wie witzig Poe oft auch geschrieben hat. Das alles sollte mal erwähnt sein, um ihm in irgendeiner Weise gerecht zu werden.
So zeigt uns seine Philosophy of Composition / Die Methode der Komposition, wie er beim Gedicht The Raven / Der Rabe zu Werke ging. Neben dem, dass es für Dichter und Schreiber überhaupt sehr interessant ist, wird es auch den meisten Lesern erhellende Einblicke geben, wie eigentlich ein Werk entsteht, das solche Wirkung hinterlässt und mit einer scheinbaren Leichtigkeit geschrieben wurde. Diese Leichtigkeit ist harte Arbeit. Mehr dazu in Poes Ausführungen selbst.
Das Gedicht The Raven liegt hier zum Glück in der Übersetzung von Hans Wollschläger vor, die ich für die einzig wahre deutsche Version halte. Wer also des Englischen nicht besonders mächtig ist, hat zumindest die brauchbarste Übersetzung seiner Landesssprache zur Hand.