Ein sehr holländisches Buch:
1. Das Ambiente: Dämme und Kanäle, Hafen und Schiffe, Farben und Bewegungen und Geruch des Meeres, das Kopfsteinpflaster, die Brücken, die Kirchen mit den großen Orgeln.
2. Das Leben der Bewohner von Maassluis: Die Armut der Fischer, die stets von Arbeitslosigkeit bedroht sind, die Sorgen der -gar nicht so reichen- Reeder, die Rolle, die die Religion spielt.
3. Die Namen: Stroombreker, Schelvisvanger, Willem van der Jagt, Bartholomeus Ouboter:
4. Die schwierige Historie: Der Erbprinz, der Krieg mit England, die Verbindung der Häuser Preußen und Oranje.
5. Die Atmosphäre des 18. Jds, die -im Original- bis in die Sprache getroffen ist, mit ihren -heute fast unverständlichen- pseudoreligiösen Auseinandersetzungen, hinter denen sich massive soziale Probleme verstecken.
Feinfühlig gezeichnete Charaktere: der von Jugend auf skeptische, unabhängig denkende, kunstsinnige Roemer, der in eine schreckliche Ehe gezwungen wird, nur weil die Braut zwei Schiffe als Mitgift bringt, der in einem der wenigen kurzen Momente des Glücks mit Anna einen Sohn zeugt, zu dem er sich nicht bekennen darf. Der ironisch überlegene Lehrer, einziger Freund Roemers. Die lavierenden, feigen, entschlußarmen Ratsmitglieder der Stadt, die nur wenig über den dumpfen, keinem Argument zugänglichen Fischern und Handwerkern stehen. Und schließlich die Meute der brüllenden, plündernden jungen Männer, zu denen auch Roemers Sohn zählt.
Eine Lebens- und Liebesgeschichte, in die die religiösen, politischen und sozialen Probleme und Katastrophen eingewoben sind, die von den armen Fischerhütten in Maassluis bis in das Palais von Amsterdam in der Begegnung mit Napoleon führt, die von der ersten Begegnung mit Anna bis zur letzten, wortlosen des alten Mannes mit seinem immer noch vom Haß gezeichneten Sohn am Ende des Romans reicht.
Ein Gemälde, so satt wie ein Breughelbild, aber wie beim Maler ist das Bild gestört, durch Aufruhr, blinde Gewalt auf der einen und Feigheit und Prinzipienlosigkeit auf der anderen Seite.
Ein sehr holländisches Buch? Viel mehr niederländische Farben als in den großartigen Geschichten, die Gijs Ijlander (Der Skandal) oder Jan Siebelink (Knielen...) erzählen. Und, obwohl historischer Roman von grandioser Wucht, eine sehr aktuelle Geschichte über unversöhnlichen, alles zerstörenden Radikalismus, der scheinbar aus dem Nichts entsteht. Ein Roman mit viel hintergründigem, hinterkünftigem Humor und feiner Ironie, man lese mehrfach die Reden der Maassluiser Abgesandten vor Wilhelm V. und dessen Antwort.
Schade ist es, daß der Übersetzer den Witz, die feine Ironie, die bildreichen Metaphern des Originals nur schwer vermitteln kann.
Man muß nach der Lektüre nach Maassluis und Delft fahren.