Ein dementer Professor, der mit Halluzinationen spricht, ein vorbestrafter Pädophiler, ein brutales, psychopathisches Pärchen, ein unschuldiges Mädchen im Keller und eine Website: Whatcomesnext.com.
Das sind die Zutaten für den Thriller von John Katzenbach.
Jennifer wird am hellichten Tag entführt, Professor Adrian Thomas, der vor kurzem von seinem Arzt die erschütternde Diagnose "Demenz" bekommen hat, beobachtet dieses Geschehen, ist sich jedoch zunächst nicht sicher, ob ihm sein Verstand wieder einmal einen Streich spielt. Doch schliesslich kommt er - mit Hilfe seiner verstorbenen Verwandten - zu der Überzeugung, tatsächlich eine Straftat beobachtet zu haben und macht sich auf die Suche nach dem Mädchen Jennifer. Es macht nur Sinn, nach Jennifer zu suchen, wenn sie noch nicht tot ist und daher geht er allein von dieser Prämisse aus, wenn man sie nicht gleich getötet hat, will man was von ihr und dann kann man sie auch finden. Um einen Blick in die Abgründe der Menschheit werfen zu können, benutzt er den Sexualstraftäter Wolfe. Gemeinsam tauchen sie in die dunklen Seiten des Internets ab. Dort wird Jennifer von dem kranken Pärchen zur Schau gestellt und misshandelt und tausende User weltweit zahlen dafür, sich die Demütigungen in Realtime ansehen zu können. Der Wettlauf gegen die Zeit beginnt.
Ich bin zwiegespalten, was diesen Thriller angeht. Zum einen ist er gut geschrieben, er ist spannend und macht es nicht einfach, das Buch aus der Hand zu legen. Die wechselnden Perspektiven geben dem Buch etwas Lebendiges. Adrian Thomas als Hauptfigur ist sympathisch, die Szenen um ihn herum allerdings manchmal zu lang, da verliert sich Katzenbach in überflüssigen Details und man neigt dazu, Zeilen zu überspringen. Das kranke Pärchen wirkt erschreckend real und pragmatisch angesichts ihres brutalen Verhaltens. Das Ende ist gelungen, wenn auch etwas zu geradlinig.
Es gibt aber einen Aspekt, der mich abgestossen hat. Während der Szenen im Keller und der detailreichen Beschreibung der Vorkommnisse hat man zeitweise das Gefühl selbst zu den ekelhaften Usern zu werden, die bei diesem "Spektakel" live dabei sind und sich das einiges kosten lassen. Hier wird in meinen Augen eine Grenze überschritten. Es geht um die Demütigung und sexuelle Zurschaustellung eines Kindes. Sollte sowas Bestandteil eines Buches sein, vor allem in dieser Art und Weise? Wer sagt mir, dass sich einige Kranke nicht eher an dem Geschriebenen aufgeilen anstatt abgestossen zu sein?
Gerade in letzter Zeit fällt mir auf, dass Thriller immer ekelhafter werden, immer öfter Grenzen überschreiten, detailreicher, ja pervers werden. Brauchen wir das in unserer heutigen Gesellschaft? Kann ein wirklich gutes Buch nicht ohne solche Grenzgänge auskommen? Ist es nicht möglich, Spannung zu erzeugen, ohne, dass man dem Leser das Gefühl gibt, dass er sich selbst schmutzig macht?
Wie gesagt, das Buch ist gut geschrieben, hätte vielleicht 50 Seiten kürzer sein können (es hat 560 Seiten), aber wegen den teilweise voyoristischen Zügen gibt es von mir nur 3 von 5 Sternen.