Im neunten und vorletzten Band der Martin-Beck-Krimis (erschienen 1974) geht es nicht nur um die Lösung eines Kriminalfalles -- es geht auch um Kommissar Kollbergs Reflexion der eigenen Position in der Polizeihierarchie und um die Tendenzen in der schwedischen Polizei sowie in der schwedischen Gesellschaft insgesamt.
Zunächst einmal beginnt "Der Polizistenmörder" aber recht beschaulich; Martin Beck und Lennart Kollberg sollen in Anderslöv, einem Städtchen im ländlich-idyllischen Südschweden, den Mord an einer Frau namens Sigbrit Mård klären. Es könnte sich um einen Sexualmord handeln; der Hauptverdächtige, Folke Bengtsson, ist den Lesern (und den Kommissaren natürlich auch) aus dem allerersten Band, "Die Tote im Götakanal", noch gut bekannt. Auch Sigbrits geschiedener Mann hätte zwar ein Motiv, aber zunächst kein Alibi vorzuweisen. Dennoch laufen die Ermittlungen lange Zeit ins Leere, und als bald darauf in der Nähe von Malmö ein Polizist bei einer Schießerei ums Leben kommt, interessiert sich die Öffentlichkeit nicht mehr für das Verbrechen in Anderslöv: Die landesweite Fahndung nach dem "Polizistenmörder" artet in eine regelrechte Hetzjagd aus. Nur Kollberg bemerkt, dass das Fluchtauto des angeblichen Polizistenmörders auch der Schlüssel für die Aufklärung des Mordes an Sigbrit Mård ist...
Wie alle Sjöwall/Wahlöö-Krimis ist auch "Der Polizistenmörder" ein gut durchdachter Krimi, der seine Spannung vor allem aus den beteiligten Figuren und der jeweiligen lokalen Atmosphäre aufbaut; im vorliegenden Band spielt also die Lebensgeschichte von Sigbrit Mård eine wichtige Rolle, und ebenso die ihres Ex-Mannes, einem "gestrandeten" Kapitän, und die von Folke Bengtsson. Kollberg und Beck werden gezwungen, sich noch einmal mit dem früheren Fall und ihrem nicht ganz einwandfreien Verhalten damals auseinanderzusetzen. Vor allem Kollberg, der sich schon lange nicht mehr mit paramilitärischen Tendenzen innerhalb der Polizei identifizieren will, kommt ins Grübeln -- diese Tendenz bestärkt sich noch, als die beiden Kommissare auf einen weiteren Täter treffen, den sie früher einmal dingfest gemacht haben. Ein übriges tut, dass der Abstand zwischen Anderslöv und Stockholm nicht nur in geographischer Hinsicht beträchtlich ist.
Der Dreh- und Angelpunkt der Krimihandlung ist jedoch eine Schießerei zwischen Jugendlichen und einer Polizeistreife. Kollberg, inzwischen nach Malmö "abkommandiert", bemerkt schnell, dass hier vieles vertuscht wird, dass die Polizeistreife sich stümperhaft benommen hat, und dass das Blutbad hätte vermieden werden können. Und bezeichnenderweise wird der "Polizistenmörder" schließlich in Stockholm nicht von einem bis an die Zähne bewaffneten Sonderkommando gestellt, sondern in einer Einzelaktion von Larsson und Rönn, durch ganz gewöhnlichen gesunden Menschenverstand -- und spätestens jetzt wird dem Leser klar: Dieser Band ist nur vordergründig ein Krimi; in Wirklichkeit geht es den Autoren darum, die Absurdität einer immer gewaltbereiteren Gesellschaft aufzuzeigen, die sich in immer brutaleren, spektakuläreren und erfolgloseren Polizeiaktionen widerspiegelt. Die "Fälle" werden am Ende gelöst, sicher -- aber von Einzelnen, die sich in die Entwicklung nicht einbeziehen lassen und wie Fremdkörper innerhalb ihrer Kaste wirken. Einer der Protagonisten zieht aus alledem seine Konsequenzen: Kollberg dankt ab.
Auch wenn "Der Polizistenmörder" nur vordergründig als Krimi konzipiert wurde und tatsächlich eine geballte Gesellschaftskritik ist: Die Krimihandlung ist intelligent konstruiert und hebt auch diesen Band über den Durchschnitt des Genres. Ein wenig störend ist wie fast immer, dass die Autoren auch noch explizit in längeren Kommentaren erläutern, was implizit bereits viel überzeugender in der Handlung steckt.
Bezeichnend für den Charakter nicht nur dieses Bandes, sondern der gesamten Martin-Beck-Serie ist, dass sich die langwierigen und eher unspektakulären Recherchen im Mordfall Sigbrit Mård weitaus spannender lesen als die Hetzjagd nach dem "Polizistenmörder" -- hier rumpelt die Handlung doch ein wenig zu sehr von Zufall zu Zufall. Aber auch hier sinkt das Niveau niemals unter die Grenze des Zumutbaren.
Kurz: Ein intelligenter Krimi; oft kopiert, selten erreicht