Mark Rowlands war gerade 24, als er seine erste Stelle als Philisophieprofessor in Alabama antrat. Von Grund auf neugierig und Hunden zugetan wird er auf eine Zeitungsannonce aufmerksam, die 96%ige Wolfswelpen verspricht. Er schafft sich einen Wolf an, nicht als Haustier, sondern, wie er es bezeichnet, als Gefährten, Bruder. Brenin, so nennt er das Tier, zerlegt freilich gleich die Hauseinrichtung. Rowlands gelingt es durch eine raffinierte Anordnung von Stöcken und einem daran gebundenen Seil, Brenin davon zu überzeugen, dass die Welt so beschaffen sei, dass Brenin immer an seiner Seite bleiben müsee. Fortan kann Brenin nicht länger als ein paar Minuten von Rowlands getrennt bleiben, begleitet ihn in Vorlesungen und auf Saufpartys. Beide verbringen elf Jahre miteinander, in denen sie auch in Irland, London und Frankreich leben. Später ergänzen eine Schäferhündinmischung und eine Tochter Brenins "das Rudel".
In den ersten sieben Jahren ist Rowlands durch die täglichen Ausläufe mit Brenin und die Partys am Wochenende beruflich so unproduktiv, dass er danach froh ist, dass ihn überhaupt noch eine andere Universität anstellt. Doch Brenin inspiriert ihn in der Folge zu einigen Büchern und wissenschaftlichen Aufsätzen u.a über das Wesen von Tier und Mensch und die Ethik des Umgangs mit Tieren. Er greift Gedanken von Epikur, Wittgenstein, Nietzsche und anderen auf und entwickelt sie anhanddessen, was er phänomenologisch von Brenin lernt, weiter. So macht ein Wolf ihn zum gefragten Philosophen.
Zu Beginn ist die Mischung aus Persönlichem und Philosophischen gewöhnungsbedürftig, weil man mitunter den Verdacht hat, dass hier, wie bei vielen Tierliebhabern, das Tier zu Lasten des Menschen glorifiziert wird. Aber "Der Philosoph und der Wolf" entwickelt spätestens dann einen Sog, wenn Rowlands seine eigene Unzulänglichkeit im Umgang mit Menschen, die dem Zusammenleben mit dem Wolf zugrundeliegt und die er selbst als "Misanthropie" bezeichnet, kurz sein eigenes "Wolfsein" thematisiert. Er ringt um die Frage, was Affen (zu denen er auch den Menschen zählt) von Wölfen unterscheide und kommt auf die interessante These, dass nur Affen zu wahrhafter Boshaftigkeit in Form von Intrigen imstande seien. Dabei lässt er beim Vergleich der Intelligenz außer acht, dass Affen greifen und daher Werkzeuge benutzen können, was ihnen viele Möglichkeiten eröffnet und auch das Gehirn weiterentwickelt haben dürfte. Doch was er im vorletzten Teil über Leben, Tod, Glück und die Wahrnehmung von Zeit im Unterschied zwischen Mensch und Tier sagt, ist streckenweise brilliant. Auch hinterfragt er sein eigenes Handeln ausgiebig und ringt dabei immer um Wahrhaftigkeit. Ansonsten gibt es viele anrührende, komische, selbstironische und im Laufe des Buches immer schöner erzählte Anekdoten.
Auch wenn manchmal der Pathos die Oberhand gewinnt und die Gedanken ein bis zweimal ins Esoterische abgleiten, gehört "Der Philosoph und der Wolf" sicher zu den Büchern, bei denen etwas Wesentliches hängen bleibt.