Kann ein Buch über die Pest, die im 14. Jahrhundert halb Europa ausgerottet hat, ein Lesevergnügen sein? Ja, es kann, wenn es von Astrid Fritz geschrieben wird. Mit ihrem achten historischen Roman beschert uns die Autorin eine anschauliche Reise in ein in verschiedener Hinsicht dunkles Kapitel Vergangenheit.
Die Protagonistin Clara, Wundarztfrau in Freiburg, lernen wir zunächst als ambivalente Figur mit durchaus auch unsympathischen Zügen kennen, wie Menschen eben so sind. Man lebt im Judenviertel, ganz lieb ist es einem nicht, das Fremde, aber wenigstens ist es hier sauberer als anderswo, aber natürlich soll der geliebte Sohn - noch ist er unter Mutters Einfluss, aber wie lange noch? - sich fern halten von den gesellschaftlich nur Geduldeten. Mit solchen Ansichten begann auch ein anderes Mal in der deutschen Geschichte das Grauen.
Doch Clara wacht auf, als die Pest immer näher rückt und man die Juden als Sündenböcke dafür verantwortlich macht. Sie bezieht Stellung gegen das Unrecht und geht von da an unbeirrt ihren Weg. Weil es aber nur Einzelne sind, die diesen Mut entwickeln, nimmt die grausame Geschichte ihren Lauf, Juden werden verbrannt, die Pest kommt trotzdem. Wie man auch agieren kann, zeigt die Figur des Stadtmedicus Behaimer, in gewissem Sinne Gegenspieler von Claras geradlinigem Mann. Behaimer ist ein intriganter, wollüstiger Opportunist, der sich Macht und Fülle nimmt und ihrer letztlich doch überdrüssig wird. Ihm schreibt die Autorin einen fulminanten Abgang, der hier aber nicht verraten werden soll.
Wie immer bei Astrid Fritz spürt man, dass sich die Autorin in ihrem Metier bestens auskennt - es stimmen die Schauplätze, die Sprache, die Details, mit subtilen Mitteln wird man als Leser mühelos in fremde Zeit und Ort versetzt. Sie verwebt in ihrem Pestengel vor dem Hintergrund eines Rassenkonfliktes die Entwicklungsgeschichte einer starken Frau, die in der Krise über sich selbst hinauswächst, die Geschichte einer unbedingten Frauenfreundschaft, eine Abnabelung von Mutter und Sohn und eine zarte Liebesgeschichte.
Eine Fülle starker Bilder (etwa der Einzug der Geißler in die Stadt und deren öffentliche Schaustellung ihrer Buße"), etliche dramatische Höhepunkte, prall-lebendige Charaktere (Clara, Behaimer) und nicht zuletzt die Schuldzuweisung und grausame vorsorgliche" Ausrottung der Juden, die angesichts der deutschen Geschichte mehr als Nachdenklichkeit erzeugt: Hier ist ein Stoff, nicht nur zum Lesen bestens geeignet, sondern für eine Verfilmung prädestiniert - ich bin gespannt, welcher Regisseur wohl als Erster zugreift.