Frederick "Ricky" Starks, Psychoanalytiker und Protagonists in Katzenbachs "'Der Patient'", bereitet sich gerade auf seinen alljährlichen Sommerurlaub vor, als ihm ein höchst bedrohlicher Brief in die Praxis flattert: Ein Mann, der sich selbst 'Rumpelstilzchen' nennt, kündigt an, Rache für ein Ereignis in Dr. Starks Vergangenheit nehmen zu wollen. Ricky soll sich selbst umbringen, andernfalls wird es einen zufällig ausgewählten Verwandten treffen. Der Erpresser lässt ihm jedoch eine Chance: Binnen einer Frist von 15 Tagen soll der Arzt herausfinden, womit er dieses Los verdient und wie Rumpelstilzchens wirklicher Name lautet. Für Dr. Starks beginnt ein Wettlauf mit der Zeit in einem Spiel, von dem er bald merkt, dass die ihm gegebene Chance tatsächlich nur sein Leiden verlängern soll. Denn Rumpelstilzchen, der mit Hilfe einer mysteriösen Frau und eines tückischen Anwalts Stück für Stück Rickys Reputation zerstört, ihn von Freunden und Kollegen isoliert und ihm die Möglichkeit, Hilfe zu suchen, systematisch nimmt, hat seine Rache von langer Hand geplant.
Was sich wie die Idee eines soliden Thrillers anhört, ist tatsächlich beinahe so spannend, wie man vermutet. Im Vergleich zu '"Die Anstalt'" wirkt hier vieles wesentlich stimmiger, die Handlung ist in sich geschlossener und auch nachvollziehbarer. Rein vom Plot her betrachtet, eignete sich '"Der Patient"' auch besser für eine Verfilmung. Obwohl Katzenbach hier die gravierendsten der vorherigen Fehler vermieden hat und das Buch ein paar unterhaltsame Stunden garantiert, überzeugt es doch nicht ganz.
Das liegt zum einen an der Konzeption Rumpelstilzchens (und seiner Helfer) und seines Racheplans. Die Absicht des Autors, einen - bis zu einem gewissen Punkt - so überlegenen Gegner zu schaffen, dass seinem Helden tatsächlich kein anderer Ausweg als der Suizid mehr zu bleiben scheint, führt in der Realisation zu einem Bösewicht, der jeden Aspekt des Lebens so absolut kontrolliert, dass es schon sehr unrealistisch wirkt - und noch mehr, wenn es für Ricky darum geht, sich aus dieser Situation zu befreien. Eine Frage von Verhältnismäßigkeit ist es auch, zu erklären, was eine über Jahrzehnte und auf so aufwendig geplante Rache rechtfertigen könnte -' ein Punkt, den der Autor m.M.n. nicht befriedigend löst.
Auch wenn der Täter hier nicht ganz so überraschend wie in "'Die Anstalt'" aus der Luft fällt, und auch das Ende weniger kitschig ausfällt, so bringt der Autor auch hier den Leser um den Spaß, mitzudenken. Wir folgen Rickys Suche nach seinem Gegner, finden Gefallen an seinem Wandel vom passiven Analytiker zum das Spiel bestimmenden Rächer, doch all die Ermittlungen führen zu nichts, und als Rumpelstilzchen sich schließlich zu erkennen gibt und sich die beiden Gegner das erste Mal gegenüberstehen, sind wir genauso überrascht wie der Protagonist.
Störend wirken auch die eingeschobenen Ausführungen zur Psychoanalyse, was in diesem Umfang eigentlich bereits zum Allgemeinwissen zählt, und die Handlung bestenfalls verlangsamen, an manchen Stellen wie einem sinnlosen Gespräch Rickys mit seinem Mentor, der zwar gescheit wirken soll, dabei aber nur Allgemeinplätze und undurchführbare Ratschläge von sich gibt (wie aktiv zu werden, wo es effektiv noch keine Möglichkeit dafür gibt), schlicht ärgern. Auch verhalten sich die Figuren manchmal etwas klischeehaft. (Wenn die anmaßend und arrogante Virgil in die Praxis des Analytikers stolziert, ihm spöttisch den Plan des Erpressers erklärt und vom Mord an einem von Rickys Patienten berichtet, gibt es vermutlich eine Menge wichtigerer Gedanken als: '"Wow, heißes Fahrgestell."')
Zuletzt bleibt noch, was auch an anderen Büchern desselben Autors bemängelt werden kann. Irgendwie hätte die Geschichte auch in der Hälfte der Seiten erzählt werden können, ohne wesentlich an Spannung zu verlieren. Die Handlung wird auf der einen Seite zu ausführlich wiedergegeben, auf der anderen erfährt man kaum etwas, was über die eigentliche Action hinausführt, so dass man sich am Ende des Romans fühlt, als sei man in einem in einem geschlossenen Fass über einen Wasserfall getrieben '- aufregend, aber bis auf dieses schnell abflauende Gefühl in der Magengegend kein bleibender Eindruck.
Einen positiven Eindruck hingegen hinterlässt Simon Jäger, dem ich als Sprecher bisher offensichtlich viel zu wenig Beachtung geschenkt habe.
Alles in allem ein bisschen Spannung, die zu verpassen einem allerdings keine schlaflosen Nächte bereiten muss.