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Der Pathologe: Roman
 
 
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Der Pathologe: Roman [Taschenbuch]

Jonathan Kellerman , Jochen Stremmel
2.5 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (15 Kundenrezensionen)

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Produktbeschreibungen

Pressestimmen

Der neue Coup des "absoluten Meisters des psychologischen Spannungsromans". (Publishers Weekly )

"Jonathan Kellerman hat den psychologischen Thriller zur Kunstform erhoben." (Los Angeles Times )

"Alle Leser, die glauben, dass ein Kellerman-Thriller ohne Alex Deleware weniger spannend ist als die Serie, werden hier schnell eines Besseren belehrt." (Booklist )

Kurzbeschreibung

Nachdem seine Freundin Jocelyn ermordet wurde, versucht der Psychologe Jeremy Carrier sein Leben wieder in den Griff zu bekommen und beginnt eine Beziehung mit der jungen Angela. Dann erhält er mysteriöse Botschaften, die ihn auf die Spur von Jocelyns Mörder bringen sollen. Als Jeremy das Rätsel gelöst zu haben glaubt, verschwindet Angela spurlos…

Klappentext

"Kellerman weiß wirklich, wie man den Leser süchtig macht."
The New York Times Book Review

"Viele Krimis haben entweder einen teuflisch guten Plot oder glaubwürdige Charaktere. Kellerman bildet eine Ausnahme: Bei ihm kommt beides zusammen. Meisterhaft!"
USA Today

Der neue Coup des "absoluten Meisters des psychologischen Spannungsromans".
Publishers Weekly

Über den Autor

Jonathan Kellerman ist einer der erfolgreichsten amerikanischen Kriminalautoren. Nach dem Studium arbeitete er zunächst als Kinderpsychologe. Seine Reihe mit dem Psychologen Dr. Alex Delaware ist berühmt für höchst einfühlsam entwickelte Figuren und eine raffinierte Handlung: Hochspannung von der ersten bis zur letzen Seite. Dafür ist er unter anderem mit dem „Edgar-Alan-Poe-Award”, Amerikas bedeutendstem Krimipreis, ausgezeichnet worden.

Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

1
Wilde Emotionen, totes Gewebe.
Als polare Gegensätze hatte Jeremy Carrier sie immer angesehen.
Im Rahmen eines Krankenhauses gab es keine zwei Disziplinen, die weniger miteinander gemein hatten als Psychologie und Pathologie. Als jemand, der die Erstere ausübte, hatte sich Jeremy immer seine Aufgeschlossenheit zugute gehalten; ein guter Psychotherapeut arbeitete hart daran, Vorurteile zu vermeiden.
Aber in all den Jahren seiner Ausbildung und seiner klinischen Arbeit am City Central Hospital hatte Jeremy wenige Pathologen getroffen, die nicht nach demselben Muster geschaffen waren: verschlossene, vor sich hin murmelnde Typen, die sich mit Brocken nekrotischen Fleisches, dem abstrakten Expressionismus von Abstrichen und im Kühlhaus-Ambiente der Leichenhalle im Souterrain wohler fühlten als mit lebenden, atmenden Patienten.
Und seine Kollegen in der psychologischen und psychiatrischen Zunft und alle anderen Soldaten der geistigen Gesundheitsarmee waren überaus zart besaitete Naturen, die der Anblick von Blut abstieß.
Dabei war es nicht so, als hätte Jeremy tatsächlich irgendwelche Pathologen kennen gelernt, obwohl er ein Jahrzehnt lang in den Korridoren an ihnen vorbeigegangen war. Die gesellschaftliche Struktur des Krankenhauses war zu High-School-Empfindsamkeiten regrediert: Wir-Sie als Religion, eine kräftige Vermehrung von Kasten, Cliquen und Intrigen, endlose Rangeleien um Macht und Territorium. Hinzu kam die Verkehrung von Zweck und Mittel, die jede Bürokratie erobert: Das Krankenhaus hatte sich von einem Ort der Heilung, der Gelder benötigte, um Patienten zu behandeln, zu einem städtischen Arbeitgeber in großem Maßstab entwickelt, der Patientenhonorare brauchte, um die Löhne und Gehälter seiner Belegschaft zu bezahlen.
All das schuf einen gewissen asozialen Beigeschmack.
Ein Bündnis der Isolierten.
Am City Central gesellte sich Gleich gern zu Gleich, und nur die allerletzten Notwendigkeiten ärztlicher Versorgung führten zu Fremdbestäubung: Internisten, die schließlich ihre Niederlage zugaben und Chirurgen hinzuzogen, Allgemeinmediziner, die tief Luft holten, bevor sie sich in den Sumpf der Therapie stürzten.
Welchen Grund konnte es für einen Pathologen geben, einen Psychologen zu Rate zu ziehen?
Aufgrund all dessen – und weil eine teuflische Wendung des Schicksals Jeremy Carrier in einen gequälten, zerstreuten jungen Mann verwandelt hatte – brachte ihn Arthur Chess’ Eröffnung aus dem Gleichgewicht.
Vielleicht bildete Jeremys Zerstreutheit die Grundlage für alles Folgende.

Seit fast einem Jahr sah Jeremy Arthur einmal pro Woche, aber die beiden Männer hatten nie ein Wort miteinander gewechselt. Trotzdem blieb Arthur jetzt im Speisesaal der Ärzte Jeremy gegenüber stehen und fragte ihn, ob es ihm recht sei, wenn er sich zu ihm setze.
Es war kurz vor 15 Uhr, die eigentliche Mittagspause war längst vorüber und der Speiseraum beinahe leer.
Jeremy sagte: »Klar«, und merkte dann, dass das eine krasse Übertreibung war.
Arthur nickte und ließ seinen schweren Körper auf einen kleinen Stuhl sinken. Auf seinem Tablett standen zwei Portionen Brathähnchen, ein Berg Kartoffelpüree mit Soße, ein vollkommenes Quadrat Maisbrot, eine kleine Schüssel Succotash – junger Mais mit Bohnen – und eine Dose Coca-Cola, auf der sich Kondenswasser gebildet hatte.
Jeremy starrte auf das Essen und fragte sich: Kommt er aus den Südstaaten? Er versuchte sich zu erinnern, ob Arthurs Stimme einen entsprechenden Akzent hatte, und glaubte, das verneinen zu können. Wenn überhaupt, lag im Bariton des älteren Mannes ein Hauch von Neuengland.
Arthur Chess zeigte kein unmittelbares Interesse an Konversation. Er breitete eine Serviette in seinem Schoß aus und widmete sich dem ersten Hähnchenteil. Er machte rasche und elegante Schnitte mit seinen langen Fingern, deren breite Nägel kurz gestutzt waren. Sein langer weißer Laborkittel war bis auf einen verstörenden rosaroten Spritzer auf dem rechten Ärmel von der Farbe frisch gefallenen Schnees. Unter dem Kittel trug er ein Oxford-Hemd mit blauen Pünktchen und Button-down-Kragen. Arthurs tiefrote Fliege hing auf eine Weise schief, die Absicht vermuten ließ.
Jeremy schätzte den Pathologen auf mindestens fünfundsechzig, vielleicht älter, aber seine rosafarbene Haut strahlte vor Gesundheit. Ein gepflegter weißer Backenbart, der Arthurs langes Gesicht umrahmte, vermittelte einen Eindruck davon, wie der Lincolns ausgesehen hätte, wenn es dem ehrlichen Abe vergönnt gewesen wäre, alt zu werden. Sein kahler Schädel hatte unter der grausamen Krankenhausbeleuchtung etwas geradezu mondähnlich Imposantes.
Jeremy kannte Arthurs Ruf so, wie man sich des Lebenslaufs eines Fremden bewusst ist. Professor Chess, früher Chef der Pathologie, hatte sich vor einigen Jahren seiner administrativen Verpflichtungen entledigt, um sich auf die Forschung zu konzentrieren. Irgendwas mit bösartigen Bindegewebsgeschwülsten, den Minuzien der Durchlässigkeit von Zellwänden oder was auch immer.
Arthur genoss auch den Ruf eines Weltreisenden und Amateur-Lepidopterologen. Seine Abhandlung über die Aas fressenden Schmetterlinge Australiens hatte in der Krankenhausbuchhandlung neben den üblichen Taschenbüchern mit Unterhaltungsliteratur ausgelegen. Jeremy war der einzelne Stapel schmutzig brauner Bände ins Auge gefallen, weil sie im Vergleich mit den Umschlägen reißerischer Bestseller trist aussahen. Der braune Stapel schien nie kleiner geworden zu sein; warum sollte ein Patient auch etwas über Insekten lesen wollen, die Leichen fraßen?
Arthur vertilgte drei Bissen Hähnchenfleisch und legte die Gabel hin. »Ich hoffe wirklich, Sie halten mich nicht für aufdringlich, Dr. Carrier.«
»Ganz und gar nicht, Dr. Chess. Kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein?«
»Behilflich?« Arthur wirkte amüsiert. »Nein, ich suche nur einen Gesprächspartner. Mir ist aufgefallen, dass Sie in aller Regel allein essen.«
»Mein Dienstplan«, log Jeremy. »Absolut unberechenbar.« Seit sein Leben den Bach runtergegangen war, hatte er es vorgezogen, Gespräche nur noch mit seinen Patienten zu führen. Er war an dem Punkt angekommen, wo er den Freundlichen simulieren konnte. Aber manchmal, an den dunkelsten Tagen, war jeder zwischenmenschliche Kontakt schmerzhaft.
Die kleinen Wendungen des Lebens …
»Natürlich«, sagte Chess. »Angesichts der Art Ihrer Arbeit muss das ja wohl so sein.«
»Sir?«, sagte Jeremy.
»Die Unberechenbarkeit menschlicher Gefühle.«
»Das stimmt.«
Arthur nickte ernst, als hätten sie beide ein bedeutsames Einverständnis erzielt. Einen Augenblick später sagte er: »Jeremy – darf ich Sie Jeremy nennen? –, Jeremy, ich habe bemerkt, dass Sie diese Woche nicht an unserer kleinen dienstäglichen Zusammenkunft teilgenommen haben.«
»Mir ist etwas dazwischengekommen.« Jeremy kam sich vor wie ein Kind, das man beim Schuleschwänzen ertappt hatte. Er rang sich ein Lächeln ab. »Unberechenbare Gefühle.«
»Etwas, das sich klären ließ, hoffe ich?«
Jeremy nickte. »Irgendwas Neues aus der T. K.?«
»Zwei neue Diagnosen, ein Adenosarkom und eine CML. Die typische Präsentation, die übliche angeregte Diskussion. Um ehrlich zu sein, Sie haben nichts verpasst.«
Unsere kleine dienstägliche Zusammenkunft war die Tumor-Kommission. Ein allwöchentliches Ritual, von acht bis neun Uhr in dem größeren Konferenzzimmer, wo Arthur Chess eine Besprechung von Onkologen, Röntgentherapeuten, Chirurgen und Pflegepersonal mit Spezialausbildung leitete. Über einen Diaprojektor gebot, einen Leuchtstab schwang und sein umfangreiches Gedächtnis zum Einsatz brachte.
Seit fast einem Jahr war Jeremy der Vertreter der geistigen
Gesundheitsarmee gewesen. In der ganzen Zeit hatte er sich einmal zu Wort gemeldet.
An seiner ersten T.-K.-Sitzung hatte er Jahre zuvor als Assistenzarzt teilgenommen und sie als ironische Absurdität empfunden: Dias von...

Auszug aus Der Pathologe von Jonathan Kellerman, Jochen Stremmel. Copyright © 2005. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

1
Wilde Emotionen, totes Gewebe.
Als polare Gegensätze hatte Jeremy Carrier sie immer angesehen.
Im Rahmen eines Krankenhauses gab es keine zwei Disziplinen, die weniger miteinander gemein hatten als Psychologie und Pathologie. Als jemand, der die Erstere ausübte, hatte sich Jeremy immer seine Aufgeschlossenheit zugute gehalten; ein guter Psychotherapeut arbeitete hart daran, Vorurteile zu vermeiden.
Aber in all den Jahren seiner Ausbildung und seiner klinischen Arbeit am City Central Hospital hatte Jeremy wenige Pathologen getroffen, die nicht nach demselben Muster geschaffen waren: verschlossene, vor sich hin murmelnde Typen, die sich mit Brocken nekrotischen Fleisches, dem abstrakten Expressionismus von Abstrichen und im Kühlhaus-Ambiente der Leichenhalle im Souterrain wohler fühlten als mit lebenden, atmenden Patienten.
Und seine Kollegen in der psychologischen und psychiatrischen Zunft und alle anderen Soldaten der geistigen Gesundheitsarmee waren überaus zart besaitete Naturen, die der Anblick von Blut abstieß.
Dabei war es nicht so, als hätte Jeremy tatsächlich irgendwelche Pathologen kennen gelernt, obwohl er ein Jahrzehnt lang in den Korridoren an ihnen vorbeigegangen war. Die gesellschaftliche Struktur des Krankenhauses war zu High-School-Empfindsamkeiten regrediert: Wir-Sie als Religion, eine kräftige Vermehrung von Kasten, Cliquen und Intrigen, endlose Rangeleien um Macht und Territorium. Hinzu kam die Verkehrung von Zweck und Mittel, die jede Bürokratie erobert: Das Krankenhaus hatte sich von einem Ort der Heilung, der Gelder benötigte, um Patienten zu behandeln, zu einem städtischen Arbeitgeber in großem Maßstab entwickelt, der Patientenhonorare brauchte, um die Löhne und Gehälter seiner Belegschaft zu bezahlen.
All das schuf einen gewissen asozialen Beigeschmack.
Ein Bündnis der Isolierten.
Am City Central gesellte sich Gleich gern zu Gleich, und nur die allerletzten Notwendigkeiten ärztlicher Versorgung führten zu Fremdbestäubung: Internisten, die schließlich ihre Niederlage zugaben und Chirurgen hinzuzogen, Allgemeinmediziner, die tief Luft holten, bevor sie sich in den Sumpf der Therapie stürzten.
Welchen Grund konnte es für einen Pathologen geben, einen Psychologen zu Rate zu ziehen?
Aufgrund all dessen – und weil eine teuflische Wendung des Schicksals Jeremy Carrier in einen gequälten, zerstreuten jungen Mann verwandelt hatte – brachte ihn Arthur Chess’ Eröffnung aus dem Gleichgewicht.
Vielleicht bildete Jeremys Zerstreutheit die Grundlage für alles Folgende.

Seit fast einem Jahr sah Jeremy Arthur einmal pro Woche, aber die beiden Männer hatten nie ein Wort miteinander gewechselt. Trotzdem blieb Arthur jetzt im Speisesaal der Ärzte Jeremy gegenüber stehen und fragte ihn, ob es ihm recht sei, wenn er sich zu ihm setze.
Es war kurz vor 15 Uhr, die eigentliche Mittagspause war längst vorüber und der Speiseraum beinahe leer.
Jeremy sagte: »Klar«, und merkte dann, dass das eine krasse Übertreibung war.
Arthur nickte und ließ seinen schweren Körper auf einen kleinen Stuhl sinken. Auf seinem Tablett standen zwei Portionen Brathähnchen, ein Berg Kartoffelpüree mit Soße, ein vollkommenes Quadrat Maisbrot, eine kleine Schüssel Succotash – junger Mais mit Bohnen – und eine Dose Coca-Cola, auf der sich Kondenswasser gebildet hatte.
Jeremy starrte auf das Essen und fragte sich: Kommt er aus den Südstaaten? Er versuchte sich zu erinnern, ob Arthurs Stimme einen entsprechenden Akzent hatte, und glaubte, das verneinen zu können. Wenn überhaupt, lag im Bariton des älteren Mannes ein Hauch von Neuengland.
Arthur Chess zeigte kein unmittelbares Interesse an Konversation. Er breitete eine Serviette in seinem Schoß aus und widmete sich dem ersten Hähnchenteil. Er machte rasche und elegante Schnitte mit seinen langen Fingern, deren breite Nägel kurz gestutzt waren. Sein langer weißer Laborkittel war bis auf einen verstörenden rosaroten Spritzer auf dem rechten Ärmel von der Farbe frisch gefallenen Schnees. Unter dem Kittel trug er ein Oxford-Hemd mit blauen Pünktchen und Button-down-Kragen. Arthurs tiefrote Fliege hing auf eine Weise schief, die Absicht vermuten ließ.
Jeremy schätzte den Pathologen auf mindestens fünfundsechzig, vielleicht älter, aber seine rosafarbene Haut strahlte vor Gesundheit. Ein gepflegter weißer Backenbart, der Arthurs langes Gesicht umrahmte, vermittelte einen Eindruck davon, wie der Lincolns ausgesehen hätte, wenn es dem ehrlichen Abe vergönnt gewesen wäre, alt zu werden. Sein kahler Schädel hatte unter der grausamen Krankenhausbeleuchtung etwas geradezu mondähnlich Imposantes.
Jeremy kannte Arthurs Ruf so, wie man sich des Lebenslaufs eines Fremden bewusst ist. Professor Chess, früher Chef der Pathologie, hatte sich vor einigen Jahren seiner administrativen Verpflichtungen entledigt, um sich auf die Forschung zu konzentrieren. Irgendwas mit bösartigen Bindegewebsgeschwülsten, den Minuzien der Durchlässigkeit von Zellwänden oder was auch immer.
Arthur genoss auch den Ruf eines Weltreisenden und Amateur-Lepidopterologen. Seine Abhandlung über die Aas fressenden Schmetterlinge Australiens hatte in der Krankenhausbuchhandlung neben den üblichen Taschenbüchern mit Unterhaltungsliteratur ausgelegen. Jeremy war der einzelne Stapel schmutzig brauner Bände ins Auge gefallen, weil sie im Vergleich mit den Umschlägen reißerischer Bestseller trist aussahen. Der braune Stapel schien nie kleiner geworden zu sein; warum sollte ein Patient auch etwas über Insekten lesen wollen, die Leichen fraßen?
Arthur vertilgte drei Bissen Hähnchenfleisch und legte die Gabel hin. »Ich hoffe wirklich, Sie halten mich nicht für aufdringlich, Dr. Carrier.«
»Ganz und gar nicht, Dr. Chess. Kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein?«
»Behilflich?« Arthur wirkte amüsiert. »Nein, ich suche nur einen Gesprächspartner. Mir ist aufgefallen, dass Sie in aller Regel allein essen.«
»Mein Dienstplan«, log Jeremy. »Absolut unberechenbar.« Seit sein Leben den Bach runtergegangen war, hatte er es vorgezogen, Gespräche nur noch mit seinen Patienten zu führen. Er war an dem Punkt angekommen, wo er den Freundlichen simulieren konnte. Aber manchmal, an den dunkelsten Tagen, war jeder zwischenmenschliche Kontakt schmerzhaft.
Die kleinen Wendungen des Lebens …
»Natürlich«, sagte Chess. »Angesichts der Art Ihrer Arbeit muss das ja wohl so sein.«
»Sir?«, sagte Jeremy.
»Die Unberechenbarkeit menschlicher Gefühle.«
»Das stimmt.«
Arthur nickte ernst, als hätten sie beide ein bedeutsames Einverständnis erzielt. Einen Augenblick später sagte er: »Jeremy – darf ich Sie Jeremy nennen? –, Jeremy, ich habe bemerkt, dass Sie diese Woche nicht an unserer kleinen dienstäglichen Zusammenkunft teilgenommen haben.«
»Mir ist etwas dazwischengekommen.« Jeremy kam sich vor wie ein Kind, das man beim Schuleschwänzen ertappt hatte. Er rang sich ein Lächeln ab. »Unberechenbare Gefühle.«
»Etwas, das sich klären ließ, hoffe ich?«
Jeremy nickte. »Irgendwas Neues aus der T. K.?«
»Zwei neue Diagnosen, ein Adenosarkom und eine CML. Die typische Präsentation, die übliche angeregte Diskussion. Um ehrlich zu sein, Sie haben nichts verpasst.«
Unsere kleine dienstägliche Zusammenkunft war die Tumor-Kommission. Ein allwöchentliches Ritual, von acht bis neun Uhr in dem größeren Konferenzzimmer, wo Arthur Chess eine Besprechung von Onkologen, Röntgentherapeuten, Chirurgen und Pflegepersonal mit Spezialausbildung leitete. Über einen Diaprojektor gebot, einen Leuchtstab schwang und sein umfangreiches Gedächtnis zum Einsatz brachte.
Seit fast einem Jahr war Jeremy der Vertreter der geistigen
Gesundheitsarmee gewesen. In der ganzen Zeit hatte er sich einmal zu Wort gemeldet.
An seiner ersten T.-K.-Sitzung hatte er Jahre zuvor als Assistenzarzt teilgenommen und sie als ironische Absurdität empfunden: Dias von tumorverwüsteten Zellen klick-klickten auf einer riesigen Leinwand, die Bilder durch den Nikotindunst kaum zu erkennen.
Mindestens ein Drittel der Krebsärzte und -schwestern qualmte eine nach der anderen.
Jeremys Chef zu jener Zeit, ein erstaunlich aufgeblasener Psychoanalytiker, hatte eine Meerschaumpfeife freudianischen Ausmaßes umklammert und Latakiawolken in Jeremys Gesicht geblasen.
Schon damals hatte Arthur die Zügel in der Hand gehabt, und er hatte nicht viel anders ausgesehen als heute, wie Jeremy erkannte. Der Leiter der Pathologie rauchte nicht, aber er legte auch kein Veto ein. Ein paar Monate später steckte eine reiche Gönnerin bei einer Führung durch das Krankenhaus den Kopf zur Tür herein und schnappte nach Luft. Kurz darauf erließ das Krankenhaus ein Rauchverbot, und die Stimmung auf den darauf folgenden T.-K.-Sitzungen war gereizt.
Arthur trennte ein kleines Maisbrotquadrat von dem großen Stück ab und kaute nachdenklich. »Kein Verlust für Sie, Jeremy, aber ich bin fest davon überzeugt, dass es den Sitzungen zugute kommt, wenn Sie dabei sind.«
»Tatsächlich?«
»Selbst wenn Sie nicht viel sagen, hält die Tatsache Ihrer Anwesenheit den Rest von uns auf Zack. Sensibilitätsmäßig.«
»Nun ja«, erwiderte Jeremy, der sich fragte, warum der alte Mann ihm so schamlos um den Bart ging, »wenn es zur Sensibilität beiträgt.«
»Als Sie sich damals zu Wort gemeldet haben«, sagte Arthur, »ist das uns allen eine Lehre gewesen.«
Jeremy fühlte, wie er rot wurde. »Ich hatte den Eindruck, es gehörte zur Sache.«
»Oh, das tat es, Jeremy. Nicht jeder hat es so gesehen, aber das tat es.«

Als er sich damals zu Wort gemeldet hatte – das war sechs Wochen her. Arthur zeigte Dias eines metastasierenden Magenkarzinoms auf der großen Leinwand und definierte die Tumoren in dem exakten poetischen Latein der Histologie. Die Patientin, eine achtundfünfzigjährige Frau namens Anna Duran, war wegen »allgemeiner Teilnahmslosigkeit« an Jeremy überwiesen worden.
Zunächst fand Jeremy sie mürrisch. Statt sie aus der Reserve zu locken, goss er ihr lieber noch eine Tasse Tee ein, holte sich einen Kaffee, schüttelte ihre Kissen auf, setzte sich neben ihr Bett und wartete.
Ihm war ziemlich egal, ob sie ihm antwortete oder nicht. Seit Jocelyn war das so. Er versuchte es nicht mal mehr.
Und das Komische war, dass die Patienten auf seine Apathie reagierten, indem sie gesprächiger wurden.
Seine Trauer hatte einen effektiveren Therapeuten aus ihm gemacht.
Jeremy, der völlig von den Socken war, dachte ein wenig über die Sache nach und kam zu dem Schluss, dass die Patienten sein ausdrucksloses Gesicht und seine statuarische Haltung als eine Art ungerührter, zen-ähnlicher Gelassenheit wahrnahmen.
Wenn sie nur wüssten …
Als Anna Duran ihren Tee ausgetrunken hatte, war sie bereit zu sprechen.
Was der Grund dafür war, dass Jeremy sich zwanzig Minuten nach Beginn einer kontrovers geführten Unterhaltung zwischen Mrs. Durans Onkologen und dem sie behandelnden Röntgentherapeuten gezwungen sah, den Mund aufzumachen. Beide Spezialisten waren wortgewandte, sehr engagierte, aber zu verbissene Männer mit den besten Absichten, die dazu neigten, das Kind mit dem Bade auszuschütten. Die Sache wurde dadurch noch komplizierter, dass sie sich nicht leiden konnten. An jenem Vormittag waren sie in eine zunehmend erhitzte Debatte über die Abfolge von Behandlungsschritten geraten, die den Rest der Anwesenden dazu veranlasste, ihre Armbanduhren zu konsultieren.
Jeremy hatte beschlossen, sich rauszuhalten. Die Dienstagvormittage waren ein Ärgernis, seine Teilnahme das Ergebnis eines turnusmäßigen Wechsels, der ihn in eine zu große Nähe zum Tod brachte.
Aber an jenem Morgen ließ ihn etwas auf die Beine springen.
Die plötzliche Bewegung machte ihn zum Mittelpunkt des Interesses von fünfzig Augenpaaren.
Der Onkologe hatte gerade eine Erklärung abgegeben.
Der Röntgentherapeut, kurz davor, mit einer Erwiderung zu beginnen, wurde durch Jeremys Gesichtsausdruck davon abgehalten.
Arthur Chess rollte den Leuchtstab zwischen den Händen. »Ja bitte, Dr. Carrier?«
Jeremy wandte sich an die streitenden Ärzte. »Meine Herren, Ihre Auseinandersetzung mag ihre medizinische Berechtigung haben, aber Sie verschwenden Ihre Zeit. Mrs. Duran wird keiner Art von Behandlung zustimmen.«
Metastasen des Schweigens bildeten sich.
Der Onkologe sagte: »Und aus welchem Grund, Dr. Carrier?«
»Sie hat zu niemandem hier Vertrauen«, erwiderte Jeremy. »Sie ist vor sechs Jahren operiert worden – Appendektomie mit postoperativer Sepsis. Sie ist überzeugt, dass das die Ursache für ihren Magenkrebs ist. Sie hat vor, das Krankenhaus auf eigene Verantwortung zu verlassen und sich einen Wunderheiler vor Ort zu suchen, einen curandero.«
Die Augen des Onkologen wurden hart. »Ist das so, Herr Kollege?«
»Ich fürchte ja, Herr Kollege.«
»Putzig und von einer bezaubernden Idiotie. Warum hat man mich davon nicht in Kenntnis gesetzt?«
»Das hat man gerade getan«, antwortete Jeremy. »Sie hat es mir gestern gesagt. Ich habe eine Nachricht in Ihrem Büro hinterlassen.«
Der Onkologe ließ die Schultern hängen. »Nun ja, dann … schlage ich vor, Sie kehren an ihr Bett zurück und überzeugen sie davon, dass das nicht in ihrem Sinne ist.«
»Das ist nicht mein Job«, sagte Jeremy. »Sie sollte von Ihnen beraten werden. Aber offen gestanden glaube ich nicht, dass irgendjemand sie noch umstimmen kann.«
»Oh, tatsächlich?« Das Lächeln des Onkologen war bitter. »Sie ist bereit, zu ihrem Medizinmann zu gehen und dann den Löffel abzugeben?«
»Sie glaubt, die Behandlung habe sie krank gemacht und mehr würde sie umbringen. Es handelt sich um ein Magenkarzinom. Was haben wir ihr denn wirklich anzubieten?«
Keine Antwort. Jeder im Raum wusste, dass Magenkrebs in diesem Stadium keinen Anlass zu Optimismus gab.
»Sie zu beruhigen ist nicht Ihr Job, Dr. Carrier?«, sagte der Onkologe. »Was genau ist dann Ihr Job, was die Tumor-Kommission angeht?«
»Gute Frage«, sagte Jeremy. Und verließ den Raum.
Er hatte mit einer Vorladung ins Büro des Chefarztes der Psychiatrie gerechnet, hatte erwartet, einen Verweis zu bekommen und von seinem Sitz in der Kommission entbunden zu werden. Aber nichts dergleichen geschah, und als er am nächsten Dienstag erschien, begegnete man ihm mit Blicken und Kopfnicken, die respektvoll zu sein schienen.
Wenn du kein Interesse mehr an deinen Patienten zeigst, sind die Patienten eher bereit, mit dir zu reden.
Wenn du den Alpha-Männchen Kontra gibst, steigst du in der Achtung deiner Kollegen.
Die darin liegende Ironie stank zum Himmel. Von diesem Moment an fand Jeremy leichter Ausreden dafür, den Kommissionssitzungen fernzubleiben.

»Die Sache ist die«, sagte Arthur, »wir zellulären Gesellen vertiefen uns so sehr in die Details, dass wir den Menschen, um den es geht, ganz aus dem Auge verlieren.«
In deinem Fall geht es nicht mehr um einen Menschen.
»Dr. Chess, ich habe nur getan, was meine Aufgabe war«, erklärte Jeremy. »Ich fühle mich wirklich nicht wohl bei dem Gedanken, als Schiedsrichter angesehen zu werden. Wenn Sie mich jetzt entschuldigen wollen.«
»Natürlich«, erwiderte Arthur gelassen, während Jeremy sein Tablett wegräumte und den Speisesaal verließ. Und murmelte etwas, das Jeremy nicht verstehen konnte.
Später, viel später, war Jeremy ziemlich sicher, dass er Arthurs Abschiedsworte entschlüsselt hatte:
»Bis zum nächsten Mal.«

2
Die Art, wie Jocelyn gestorben war – das Bild von ihr, wie sie litt –, war ein übler Belag auf Jeremys Gehirn.
Man hatte ihm nie gestattet, den Polizeibericht zu lesen. Aber er hatte den Blick in den Augen der Detectives gesehen, hatte zufällig mitbekommen, was sie im Gang zu dem Fall gesagt hatten.
Sexualpsychopath. Sadistisch. Einer für das Buch der Rekorde, Bob.
Ihre Augen. Auf die Augen eines Detectives solchen Eindruck zu machen …

Jocelyn Banks war siebenundzwanzig gewesen, klein, kurvenreiche Figur, temperamentvoll, redselig, blond, eine blauäugige Elfe, eine Quelle des Trostes für die alternden Patienten, um die sie sich kümmerte.
Station 3 E. Die ihr hier eintretet, lasst alle Vernunft fahren.
Alzheimer im fortgeschrittenen Stadium, arthrosklerotische Senilität, eine Gruppe von Demenzen, nicht diagnostizierte Verwesung der Seele.
Der Gemüsegarten, wie es die Neurologen nannten. Feinfühliger Haufen, die Neurologen.
Jocelyn arbeitete in der Schicht von 15 bis 23 Uhr, versorgte leere Augen, schlaffe Münder und voll gesabberte Kinne. Fröhlich, immer fröhlich. Nannte ihre Patienten »Schatz« und »Süße« und »mein Hübscher«. Redete mit denen, die nie antworteten.
Jeremy lernte sie kennen, als er zu einer Konsultation im Fall eines neuen Alzheimer-Patienten auf ihre Station gerufen wurde und das Krankenblatt nicht finden konnte. Die Stationssekretärin war missmutig und hatte die feste Absicht, ihm nicht zu helfen. Jocelyn trat dazwischen, und ihm wurde klar, dass dies die süße kleine Blondine war, die ihm in der Cafeteria aufgefallen war. Dasgesichtdiebeinederhintern.
Als er mit der Konsultation fertig war, ging er auf die Suche nach ihr, fand sie im Aufenthaltsraum der Schwestern und verabredete sich mit ihr. An jenem Abend war ihr Mund offen für seine Küsse, ihr Atem süß, obwohl sie italienische Gerichte mit viel Knoblauch gegessen hatten. Später sollte Jeremy diese Süße als ihr inneres Parfum kennen lernen.
Sie gingen neun Wochen miteinander, bevor Jocelyn in Jeremys einsames kleines Haus einzog. Drei Monate danach raubte jemand in einer mondlosen Montagnacht kurz nach Jocelyns Schichtende ihren Toyota von dem zu dunklen Parkplatz der Aushilfsschwestern, der einen halben Häuserblock vom Krankenhaus entfernt lag. Und nahm Jocelyn gleich mit.
Ihre Leiche wurde vier Tage später unter einer Brücke in den Shallows gefunden, einem Grenzdistrikt, der von den übelsten Straßen der Stadt aus zu Fuß zu erreichen war. Tagsüber ein Ort florierender Geschäfte, aber nachts völlig verlassen. An der Peripherie befanden sich verfallene Häuser und lückenhafte Zäune, streunende Katzen und lange Schatten, und dort hatte der Mörder Jocelyns Leiche abgeladen. Sie war erwürgt und aufgeschlitzt und hinter einem leeren Ölfass verstaut worden. So viel hatten die Detectives Jeremy gegenüber durchblicken lassen. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Zeitungen diese nackten Fakten berichtet.

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