Zurecht als Meisterwerk bezeichnet, bietet der Pate alles, was die heutigen Drama-Fans unbedingt wollen: Intrigen, Verrat, Tod, Ränkespiele, gesellschaftlicher Verfall und so weiter. Der Film, von 1972, erfüllt dies besser als viele heutige Streifen mit einem ähnlichen Thema. Das zunächst "heile" Mafialeben der Corleones wird im Lauf des Films immer stärker aufgebrochen und zeigt die Fäulnis im Herzen. Die Missgunst und der allgegenwärtige Verrat führen dazu, dass man selbst als Zuschauer langsam paranoid wird - zumal keiner der Charaktere wirklich vertrauenswürdig ist (außer Diane Keaton als Michaels naive Freundin/Frau Kay Adams). Der Film schafft es, dass man als Zuschauer mitdenkt und die Verschwörung überall wittert.
Am Film selbst stieß mir lediglich auf, dass eine Unmenge an Charakteren und Handlungen eingebaut wurden. Bei einer Spieldauer von fast drei Stunden überrascht dies zwar wenig, doch kam ich bei der Menge an Handelnden bisweilen in leichte Zuordnungsprobleme - was dadurch noch erschwert wurde, dass viele Leute immer wieder die Seiten wechselten bzw. eine Doppelrolle im Auftrag von zwei Familien hatten. So sind die vielen Vendettas und Blutrachen im Handlungsverlauf auch nötig, um den Wust an auftretenden Personen zu tilgen und sich wieder auf die Hauptcharaktere zu konzentrieren: Die Corleones. Namentlich Don Vito (gespielt von Marlon Brando) und dessen Sohn Michael (Al Pacino, den ich in dem jungen Mann zunächst nicht erkennen wollte).
Der Werde- und Niedergang Michaels vom rechtschaffenen US-Soldaten (in der Eröffnungsszene trug er eine Uniform und hatte im 2. Weltkrieg gekämpft) sind hervorragend in Szene gesetzt. Als er in der Eröffnungsszene seiner Freundin Kay von den Geschäften seines Vaters erzählt, glaubt man ihm wirklich, dass er damit nichts zu tun haben will. Aber mit dem Attentat auf seinen Vater beginnt alles zu bröckeln. Michael wird immer tiefer in die kriminellen Geschäfte hineingezogen. Er begeht einen Mord, flüchtet dann nach Sizilien. Er heiratet dort sogar eine Sizilianerin namens Apollonia, die jedoch durch eine auf ihn abgezielte Autobombe stirbt. Das ist der Moment, in dem Michael nach Amerika zurückkehrt. Dass sein heißblütiger Bruder Sonny die Geschäfte des Vaters nicht weiterführen kann, ist klar. Und der adoptierte Sohn Tom Hagen (Robert Duvall) ist lediglich Conciliere der Familie (offiziell ein Rechtsanwalt). Also fällt die Macht an Michael - sehr zum Missfallen von Don Vito selbst, der den Anschlag überlebte, aber immer schwächer wird. Man merkt dem alten Paten an, dass er seinem jüngsten Sohn diese Bürde niemals anvertrauen wollte. Und als Don Vito schließlich beim Spielen mit seinem Enkel, Michaels und Kays Sohn, einen Herzanschlag erleidet und stirbt, wird der Film wahrhaftig tragisch - und hervorragend in Szene gesetzt. Die Bildgewaltigkeit ist hervorragend. Die kirchliche und "reine" Taufe von Michaels Neffen, bei dem er zu dessen Paten wird, wird geschnitten mit Anschlägen auf die Oberhäupter der anderen Mafiafamilien. Und zuletzt die Szene zwischen Michael und Kay. Ersterer hatte den verräterischen Mann seiner eigenen Schwester töten lassen, was diese erfuhr. Kay gegenüber log er, dass er damit nichts zu tun hätte. Sie, erleichtert über dessen Aussage, wollte im Nebenzimmer etwas zu trinken holen, als mehrere Personen eintraten. Zwei küssten ihrem neuen "Paten" die Hand, während ein dritter die Tür schloss. Und hier bleibt nicht nur Kay mit einem mulmigen Gefühl im Magen zurück.
Ein paar nette Gimmicks zum Schluss: Michaels Neffe, der getauft wird, war in Wahrheit Francis Ford Coppolas einjährige Tochter, die auch in den Fortsetzungen noch eine Rolle spielt. Die Orange, in diesem Film nocht unbewusst eingesetzt, wird in der Pate-Trilogie als Synonym zum Tod benutzt. Don Vito kauft Orangen, bevor er angeschossen wird, und isst eine, kurz bevor er stirbt. Die Mafia wollte den Film zunächst verhindern, drohte den Beteiligten auch. Heute wird er von vielen Mafiamitgliedern als eine Hommage an ihre Lebensart gesehen.
Die DVD
Ich habe die DVD der "The Coppola Restoration" aus dem Jahr 2007. Der Film ist hervorragend in Szene gesetzt worden. Neben mehreren Audo- und Untertitel-Variationen gibt es einen normalen Audiokommentar und ansonsten keinerlei Extras. Der Film muss also für sich sprechen.