Wenn ein Regisseur, der u.a. für "Ein Köder für die Bestie" verantwortlich ist, mit Anthony Quinn, James Mason und Malcolm McDowell einen Film dreht, der innerhalb kürzester Zeit aus den Kinos verschwindet, weckt das natürlich mein Interesse.
Nun: Im verschneiten französisch-spanischen Grenzgebiet tauchen zwei Résistance- Kämpfer (Marcel Bozzuffi, Michael Lonsdale) auf, um einen baskischen Schafzüchter (Anthony Quinn) anzuheuern, den jüdischen Wissenschaftler John Bergson (James Mason) über die Grenze zu bringen. Der Mann fährt nach Toulouse und erfährt dort, dass er die ganze Familie über die Pyrenäen schleusen soll, neben den erwachsenen Kindern (Kay Lenz, Paul Clemens) auch Bergsons kranke Ehefrau Ariel (Patricia Neal). Es gelingt dem Basken immer wieder, die Familie aus brenzligen Situationen zu befreien und zwischenzeitlich im Tross einer Zigeunerfamilie unterzutauschen (mit Christopher Lee als ihrem Anführer), aber der fanatische SS-Mann von Berkow (Malcolm McDowell) ist ihnen immer dicht auf den Fersen.
Zunächst gehe ich ja immer wohlwollend an einen Film heran und von James Mason muss ich einfach alles sehen. Wenn aber bereits in der Anfangssequenz innerhalb von 30 Sekunden viermal das Wort Nazi fällt, klingeln mir doch die Ohren. Hallo, ich habe schon beim ersten Mal verstanden, dass Bergson in großen Schwierigkeiten steckt! Leider schleppt sich die Bevormundung durch das Drehbuch durch den ganzen Film. Die "Überraschungsmomente" werden derart gut vorbereitet, dass ich bei der fünften "fast-hätte-ich-Dich"-Szene schon genau weiß, dass Quinn in allerletzter Sekunde dazwischenfunkt und den bösen Häscher tötet. Und wenn ein bereits blutüberströmter Gefolteter auf ein Hackmesser schaut, wer sollte da noch annehmen, dass unser psychopathischer Folterknecht nur Gewürze hacken wird? Als in einer unheimlichen Szene plötzlich von Berkow wie Hitler aussieht, muss er sich auch noch einen Kamm über die Oberlippe halten, damit auch noch der doofste Zuschauer diese Anspielung versteht, grummel. Und was passiert, wenn ein französischer Bergführer freies Geleit erhält, aber dabei unvorsichtigerweise dem Oberbösewicht den Rücken kehrt? Ja, genau das!
Leider trifft das auch auf die originär tragischen und emotionalen Momente zu. Ein Mensch der Flüchtlingsgruppe wird erfrieren, aber der Filmtod ist so lange im Dialog "vorbereitet", dass, wenn es endlich passiert, kaum noch Mitgefühl aufkommt. Trotz Tod und Grausamkeiten gibt es wenig Empathie beim Zuschauer.
Hin und wieder ist der Film schon sehr absurd. Was Tarantino für eine Farce genutzt hätte, scheint hier wirklich ernst gemeint zu sein. Kurz vor einer Vergewaltigungsszene sehen wir, dass von Berkow einen Slip mit Strapsen (!) und Hakenkreuz vorm Gemächte (!!) trägt. In einer Szene bleibt ein Lastwagen (plötzlich?) wegen Benzinmangel stehen. Da in der vorhergehenden Szene jemand mit Benzin übergossen wurde, wunderte mich das ehrlich gesagt nicht. War diese "Pointe" so gewollt und hat der Drehbuchautor diese fast schon unfreiwillig komische Absurdität nicht gesehen? Falls der Film als Comic-Horror-Picture-Show funktionieren soll, fehlen mir einfach die Zuspitzung und die dynamische Inszenierung. Malcolm McDowells Rolle ist in vielem eine Fortführung seiner Rolle aus "Uhrwerk Orange". Er selbst bezeichnete sie als eine seiner besten. Nun ja, seine Darstellung ist schon atemberaubend und die Schlussszene (die in der ersten deutschen Fassung bis zur Unkenntlichkeit geschnitten wurde) mag einen Deutungsansatz für seine geistige Verfassung geben. Aber auch das allzu oft grimassierende Böse kann auf die Dauer ermüdend sein. James Mason taucht in der ersten Hälfte fast gar nicht auf. Patricia Neal erscheint (obwohl damals erst 53) erschreckend gebrechlich. Die allmähliche Annäherung zwischen Quinn und Mason entspricht ganz dem Schema trivialer Übergänge. Erst bekräftigt Quinn wie egal ihm das Schicksal anderer sei, um dann durch eine zufällig gefundene Gemeinsamkeit doch noch (im Gegensatz zum Zuschauer) so etwas wie Mitgefühl und Sympathie für sie zu entwickeln. Zum Schluss erhält der Misanthrop auch noch ein Küsschen. Das eigentlich Interessante an der Geschichte ist, dass weder Quinn noch Lee Rollennamen haben.
Wie ein Mitrezensent schon treffend bemerkte, ist der Film teilweise sehr lieblos geschnitten. Actionszenen wirken sehr aseptisch und undramatisch, da die Autos und Züge so formvollendet explodieren, dass diese gar nicht in den Kontext passen, so als würden zwei verschiedene Szenen nur zufällig ineinander gewoben. Der Einsatz der Musik ist, sagen wir es nett, gewöhnungsbedürftig. Ich mag den Score von Michael J. Lewis. Aber direkt nach einer Massenerschießung muss nicht akustisch aufgehübscht werden, nö.
"Lieblingsdialog": "Er lernte schnell, ein Gewehr zu benutzen." - "Und das beunruhigt Sie?" - "Im Gegenteil, es brachte uns näher. Er hatte immer das Gefühl -fälschlicherweise-, dass ich sein gänzliches Desinteresse, an allem, was ich ihm beibrachte, übel nahm. Jetzt sind wir gleichwertig, wir haben beide getötet." usw. Grausig, obgleich hier schon eine beinahe intellektuelle Überhöhung des Vater-Sohn-Konflikts stattfindet, da Pauls anfängliche Kritik an seinem Vater derart spätpubertär rüberkommt, dass ich den Drehbuchautor schon fast dafür bewundert habe, wirklich jedes Klischee gefunden und ausgewalzt zu haben. Gibt es was Nettes zu sagen? Ja, die Bergwelt ist hübsch abgelichtet.
Zur Ausstattung: Für die deutsche Auswertung geschnittene Szenen sind mit festen deutschen UTs eingefügt, für den Rest gibt es optionale deutsche UTs. Die Bildqualität ist in Ordnung, Formal 2,35:1, als Extras gibt es den Originaltrailer, Informationen zu Regisseur und Hauptdarstellern auf Texttafeln, eine Bildergalerie und ein Wendecover. Einzelne Szenen sind mit Weichzeichner gefilmt, der Grund dafür erschließt sich mir nicht. Ich finde es ja schön, dass KSM immer wieder deutsche DVD- Premieren herausbringt, aber vielleicht sollten sie sich mehr um die wirklichen Perlen der Filmgeschichte kümmern.
Fazit?: Kreisch! Langatmig, überraschungsarm, geschmacksunsicher, brutal, hanebüchen, teilweise aber durchaus originell, seeehr uneinheitlich. Ich schwanke zwischen zwei und drei Sternen und lasse hier einmal den Mason-Effekt wirken, ich runde auf.