Hesemann behauptet, dass er die Wahrheit über Pius XII, der Hitler trotzte" gefunden hätte. Doch die Historische Wahrheit" sieht völlig anders aus. Hier nur zwei Beispiele unter vielen anderen:
1) Der Vatican und der Holocaust
Im Januar 1933 wurde Hitler die Reichsregierung in Deutschland übertragen. Kurz danach begann die Diskriminierung der deutschen Juden. Im April desselben Jahres schrieb die - vom jüdischen zum katholischen Glauben konvertierte - Dozentin Edith Stein an Pius XI. unter anderem: Ich wage es, vor dem Vater der Christenheit auszusprechen, was Millionen von Deutschen bedrückt. Seit Wochen sehen wir in Deutschland Taten geschehen, die jeder Gerechtigkeit und Menschlichkeit, von Nächstenliebe gar nicht zu reden, Hohn sprechen. Jahre hindurch haben die nationalsozialistischen Führer den Judenhass gepredigt. Nachdem sie jetzt die Regierungsgewalt in ihre Hände gebracht und ihre Anhängerschaft, darunter nachweislich verbrecherische Elemente, bewaffnet hatten, ist die Saat des Hasses aufgegangen ! .....
Seit Wochen warten und hoffen nicht nur die Juden, sondern Tausende treuer Katholiken in Deutschland - und ich denke in der ganzen Welt - darauf, dass die Kirche Christi ihre Stimme erhebe, um diesem Missbrauch des Namens Christi Einhalt zu gebieten ... ! Wir alle, die wir treue Kinder der Kirche sind und die Verhältnisse in Deutschland mit offenen Augen betrachten, fürchten das Schlimmste für das Ansehen unserer Kirche, wenn das Schweigen noch länger anhält ... !"
Laut "Katholische Kirchenzeitung" vom 2.März 2003 ist die Antwort des Papstes durch Edith Stein selbst bezeugt. Es war kaum mehr als eine der üblichen, im Kurialen Stil" gehaltenen" Empfangsbestätigung", verbunden mit dem Apostolischem Segen, um den die Absenderin gebeten hatte. Am 2. August 1942 wurden 244 zum Katholizismus konvertierte Juden, darunter auch Edith und Rosa Stein, von der Gestapo verhaftet und in das KZ Westerbork gebracht. Von dort wurden die beiden Schwestern Stein am 7. August in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau mit der Reichsbahn deportiert und am 9. August 1942 in der Gaskammer umgebracht. Das unentschuldbare Schweigen von Pius XII. wurde ersetzt durch einen (weit risikoloseren) päpstlichen Segen und die Gebete des "Heiligen Vaters", die allerdings völlig wirkungslos geblieben sind. Zum Ausgleich für dieses bedauerliche Missgeschick und aufgrund des päpstlichen schlechten Gewissens wurde Edith Stein am 1. Mai 1987 von Papst Johannes Paul II. in Köln selig- und am 11. Oktober 1998 in Rom heiliggesprochen. Der Papst beabsichtigte damit, die von seinen Vorgängern im Stich gelassene Edith Stein allein zum Nutzen seiner Katholischen Kirche zu vermarkten. Die israelitische Presse schrieb dazu: Mit der "Heiligen von Auschwitz," die zum Christentum konvertierte (...) verfolgte der amtierende Papst die Idee, den Holocaust in einen untrennbaren Teil des Leidens des katholischen Glaubens zu verwandeln".
2) Der Vatican und das Reichkonkordat
Am 4. März 1933 hatte sich Pacelli notiert: Hitler ist der erste (und einzige) Staatsmann, der bisher öffentlich gegen den Kommunismus geredet hat." Und gegenüber dem bayerischen Gesandten Otto Ritter zu Groenesteyn hatte Pacelli geäußert: Es ist freilich wahr, dass sich die Weimarer Republik als viel zu nachgiebig gegenüber dem Kommunismus gezeigt hat". Der ehemalige Reichskanzler Heinrich Brüning schreibt in seinen Memoiren, dass ihm Pacelli (der spätere Pius XII.) im August 1931 zu einer Koalition mit den Rechten geraten hätte.
Zur gleichen Zeit, als der Vatican den beschwörenden Brief von Edith Stein erhalten hatte, befand sich Pacelli, der zukünftige Papst Pius XII., in Verhandlungen mit dem Hitlerregime. Ein Konkordat sollte die Eigenständigkeit der römisch-katholischen Kirche innerhalb des NS-Regimes absichern ... und Hitler erhoffte sich mit diesem Konkordat, dass die Kirche ihm keine Schwierigkeiten bei der Durchsetzung seiner politischen Ziele bereiten würde. Und diese Hoffnung hatte sich bis zum Jahre 1945 voll und ganz erfüllt. Denn guten Gewissens konnten sich die katholischen und evangelischen Kirchen Deutschlands ( bei ihrem mehrheitlichen Schweigen gegenüber Hitler) getrost auf das Pauluswort im Römerbrief 13, Vers 1 bis 7 berufen: Ein jeder soll sich der obrigkeitlichen Gewalt unterordnen. Denn es gibt keine Gewalt, die nicht von GOTT kommt. Wo eine Gewalt besteht, ist sie von GOTT angeordnet. Wer sich daher gegen diese Gewalt auflehnt, lehnt sich gegen die Anordnung GOTTES auf. Wer sich aber gegen diese auflehnt, zieht sich das Gericht zu. Die Obrigkeit ... ist ja für dich GOTTES Dienerin zu deinem Besten." Der Katholik Hitler kannte diese Bibeltexte und wusste daher, dass er sich mit Hilfe des zwischen ihm und Rom geschlossenen Konkordats auf die strenge kirchenamtliche Beachtung dieser Paulusworte verlassen konnte. Das Ergebnis dieses kirchlichen, bedingungslosen Gehorsams kennen wir : Über 50 Millionen Weltkriegstote und 6 Millionen von der Christlichen Obrigkeit" ermordete europäische Juden !
Im Reichskonkordat von 1933, Artikel 16, hatte sich bekanntlich der Verhandlungspartner des Vatikans, Pacelli, ausdrücklich zu einem bischöflichen Treueid gegenüber der Reichsregierung verpflichtet: Bevor die Bischöfe von ihrer Diözese Besitz ergreifen, leisten sie in die Hand des Reichsstatthalters in dem zuständigen Lande bzw. des Reichspräsidenten einen Treueid nach folgender Formel: »Vor Gott und auf die heiligen Evangelien schwöre und verspreche ich, so wie es einem Bischof geziemt, dem Deutschen Reich und dem Lande (...) Treue. Ich schwöre und verspreche, die verfassungsmäßig gebildete Regierung zu achten und von meinem Klerus achten zu lassen. In der pflichtmäßigen Sorge um das Wohl und das Interesse des deutschen Staatswesens werde ich in Ausübung des mir übertragenen geistlichen Amtes jeden Schaden zu verhüten trachten, der es bedrohen könnte".
Aus unerfindlichen Gründen sieht Hesemann darin eine Trotzhaltung" des Papstes !
Bereits in seiner Regierungserklärung vom 23. März 1933 hatte Hitler erklärt, dass er den Kirchen ihre Rechte garantiert und das Christentum als unerschütterliches Fundament des sittlichen und moralischen Lebens unseres Volkes" anerkennt.
Im "Protokoll über eine Sitzung der Reichsregierung Berlin über das Reichskonkordat, Punkt 17 der Tagesordnung am 14. Juli 1933" lesen wir, dass Hitler das Entgegenkommen des Papstes über alle Maßen gelobt hat. Er vertrat die Auffassung, daß im Reichskonkordat Deutschland eine Chance gegeben und eine Vertrauenssphäre geschaffen wäre, die bei dem vordringlichen Kampf gegen das internationale Judentum besonders bedeutungsvoll wäre".
Viele unmittelbare Zeugen haben die Historische Wahrheit" dieser Zeit anders erlebt, als es Hesemann in seinem Buch über den Papst, der Hitler trotzte" darzustellen versucht. Dazu gehören auch die Hesemannschen Ansichten über die (von Pacelli entschärfte) Enzyklika "Mit brennender Sorge" und die vorsichtigen, diplomatisch verklausulierten päpstlichen Äußerungen zur Judenvernichtung. Auch die überaus zahlreichen internationalen Proteste zum päpstlichen Schweigen und dem (religiös begründeten) Völkermord der vaticantreuen, katholischen Ustaschabewegung in Kroatien scheint Hesemann (der Wahrheit wegen") nicht erwähnenswert.
Bekanntlich hatte die römische Kurie - insbesondere unter Kardinal Montini, Bischof Alois Hudal und vielen anderen (mit Wissen von Papst Pius XII.) sogar eine weitverzweigte Fluchthilfe organisiert, die die Täter des Judenmordes und anderer Kriegsverbrechen in Sicherheit brachte. Der argentinische Historiker und Journalist Uki Goñi kommt auf Grund seiner Recherchen zu dem Schluss: Für den Vatikan und die alliierten Geheimdienste war die Rettung von Nazi-Kollaborateuren und SS-Mördern Teil ihrer gemeinsamen antikommunistischen Agenda."
Alle diese Fakten erlauben eine historisch einwandfreiere Beurteilung des Heiligen Vaters" Pius XII. als es Hesemann wahrhaben möchte !