Auch wenn ich keine Therapeutin bin, ist dieses Buch von Yalom doch sehr interessant und vor allem ist es absolut empfehlenswert, es noch vor seinen Romanen zu lesen, weil man dann doch viele Zusammenhänge besser versteht.
Entstanden ist dieses Buch, weil Yalom, der sich mittlerweile mit 76 Jahren in einem späten Lebensabschnitt befindet, den jungen Generationen von Psychotherapeuten Anleitungen und Inspirationen mit auf den Weg geben wollte. Der erste Ratschlag lautet somit auch gleich "Vermeiden Sie eine Diagnose (außer für die Krankenversicherung)" und zwar aus dem Grund, weil sich durch eine Diagnose, so Yalom, der Blickwinkel verengt und andere Seiten der Persönlichkeit ausgeblendet werden können, die nicht zur Diagnose passen. Interessant fand ich hierzu ein Statement eines Kollegen von Yaloms, der sagte "Wenn sie selbst therapiert wurden oder es in Erwägung ziehen würden, mit welcher DSM-Diagnose (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorder) könnte Ihr Therapeut eine so komplexe Persönlichkeit wie Sie dann treffend beschreiben?".
Genaues Einfühlungsvermögen des Therapeuten ermöglicht es, den Patienten mitzuteilen, dass sie richtig gesehen und verstanden werden, was den therapeutischen Effekt enorm steigern soll. Dabei darf nicht vergessen werden, dass es ungeheuer schwierig ist, wirklich zu wissen, was ein anderer Mensch fühlt, weil zu oft eigene Gefühle in den anderen hinein projeziert werden. Therapie ist hierbei auch für den Patienten ein Training in sozialem Verhalten, da er häufig zum ersten Mal lernt, eine befriedigende zwischenmenschliche Beziehung aufzubauen und aufrechtzuerhalten. Dabei soll aber auch der Therapeut den Patienten so wichtig nehmen können, dass sogar der Therapeut sich durch die Patienten beeinflussen und verändern läßt. Wichtig wäre, so Yalom, auch das therapeutische Handeln und nicht nur das therapeutische Wort: Gemeint ist hiermit ein kurzer Brief, ein Anruf, ein Hausbesuch, eine bedeutsame Handlung, die dem Patienten als Unterstützung dient.
Dem Hier und Jetzt sind bei Yalom mehrere Kapitel gewidmet, d.h. z.B. genau darauf achten, wie unterschiedliche Individuen auf ein und den selben Sachverhalt reagieren oder in der Therapie immer direkte Rückmeldungen zu geben und zu empfangen. Feedback ist laut Yalom sehr wichtig, weil Menschen sich danach sehnen zu wissen, wie sie von anderen Menschen wahrgenommen werden. Feedback soll dabei immer liebevoll und akzeptabel für den Patienten erscheinen. Therapien sind darauf ausgerichtet das blinde, als auch das geheime Selbst gemäß Johari-Fenster (wird in Kapitel 37 erläutert) zu verkleinern und den Realitätssinn der Patienten zu schärfen.
In Kapitel 25 erläutert Yalom, was der Hintergrund für seinen Roman "Die rote Couch" war, nämlich ein 1932 stattfindendes Experiment zur therapeutische Selbstoffenbarung von Sandor Ferenczi, einem Freud nahestehendem Analytiker. Es geht dabei um die Frage, wie viel der Therapeut von sich selbst offenbaren kann und sollte. Wie viel Mitgefühl er zeigen sollte, ob er Patienten berühren darf oder nicht und ob Sex mit Patienten zulässig ist oder nicht. Alles Fragen, die auch in dem erwähnten Roman vorkommen. Yalom macht hierbei ganz klar, dass "jede Option, einschließlich des Besuches einer Prostituierten, dem katastrophalen Entschluß vorzuziehen ist, sexuell mit Patienten zu verkehren".
Sehr berührend fand ich auch die Kapitel zum Thema Tod, Sterben und den Sinn des Lebens. Auch die Kapitel über die Träume waren sehr interessant. Es gibt so viele spannende Themen in diesem Buch, die einem auch persönlich im Umgang mit Menschen weiterhelfen, dass ich dieses Buch von Yalom nur empfehlen kann.