Mit der "Palmweintrinker", das 1952 zuerst in dem englischen Verlag "Faber & Faber" erschien, wurde Amos Tutuola auf Anhieb berühmt. Anfangs wurde Tutuola von der Kritik eher mißverstanden, die ihn oftmals für einen exotisch-naiven Märchenerzähler hielt, doch ist "Der Palmweintrinker" alles andere als ein harmloses Märchen. Gekonnt vermischt Tutuola die Sagenwelt der Yoruba, einem Volk im heutigen Nigeria, mit der modernen, industrialisierten.
In dieser Erzählung durchsteht ein namenloser Ich-Erzähler die unglaublichsten Abenteuer und Erlebnisse mit Ungeheuern, Geistern und anderen Wesen, die so phantastisch sind, daß man die gesammelten Bradleys, Jordans, Howards etc. getrost dem Altpapier überantworten kann.
Die Geschichte läßt sich reichlich merkwürdig an: Die Hauptbeschäftigung des Helden ist es, sich jeden Tag mit unglaublichen Mengen Palmweins zu betrinken, die ihm ein getreuer Palmweinzapfer fässerweise kredenzt. Eines Tages aber stürzt der Zapfer unversehens von einer Palme und stirbt. Der Palmweintrinker steht nun ohne Nachschub da und sieht sich gezwungen, seinen Zapfer zu suchen und aus dem Reich der Toten zurückzuholen. Doch seine Suche soll viele Jahre dauern und unendliche Gefahren bereithalten.
Der Held trifft auf seiner Reise Feuergeschöpfe, den leibhaftigen Tod, einen schrecklichen Raubgeist und viele andere sonderliche Gestalten. Berühmt ist die Episode mit der Familie der Schädel, die dem Sagenschatz der Yoruba entlehnt ist: Hier muß der Held seine spätere Ehefrau aus der Gewalt von lebendigen, bösartigen Schädeln befreien. Diese haben sie zu sich gelockt, indem sie einer der Schädel in der Tarnung eines schön anzuschauenden, stattlichen Mannes in sich verliebt machte, so daß sie ihm freiwillig in den Busch folgte. Doch schon auf dem Weg zurück zu seiner gräßlichen Familie legte er ein Körperteil nach dem anderen ab und offenbarte seine wahre Gestalt - hatte er sich seinen schönen Körper doch nur zusammengeborgt!
Doch der Palmweintrinker überlistet die Schädel und setzt seine Suche nun zusammen mit seiner Gefährtin fort. Nach vielen Umwegen gelangen sie in die Stadt der Toten, wo sie auch tatsächlich auf den verblichenen Palmweinzapfer stoßen. Doch sie müssen erkennen, daß dieser nun zu einer ganz anderen Welt gehört und nicht mehr zurück kann. Am Schluß kehrt der Palmweintrinker in sein Heimatdorf zurück, ohne sein Ziel erreicht zu haben - aber auch er ist mittlerweile ein anderer geworden und kommt ohne seinen Zapfer aus; und somit hat seine Suche letztlich doch Sinn gehabt!
Viele europäische Kritiker äußerten sich bei Erscheinen des Werks herablassend über die von Tutuola bewußt schlicht gehaltene, dem Pidgin-Englisch entlehnte Sprache und kolportierten dumme Vorurteile über Afrikaner. Heute wird Tutuola als Wegbereiter für eine eigenständige afrikanische Literatur anerkannt. Bei all der Fremdartigkeit der Schilderung verbirgt sich weit mehr in diesem Werk, als es für den ungeschulten europäischen Leser zunächst scheinen mag.
Tutuolas Sprachstil und sein Zurückgreifen auf alte afrikanische Themen haben zahlreiche bedeutende afrikanische Autoren wie etwa Ben Okri oder Ken Saro-Wiwa beeinflußt. Wer einmal eine ganz andere Literatur kennenlernen will, der lese dieses Werk, das neue Perspektiven eröffnen und eine andere Sichtweise auf das Leben bieten kann als die gewohnte.