Aus der Amazon.de-Redaktion
Geboren 1922 "In einer armen Familie und einem einfachen Haus ..., mitten in einem Land, welches so alt ist, daß man es für ewig halten könnte." schildert er in poetischen Sätzen die Zeit seiner Kindheit. Mit sechzehn Jahren weiß Tenzin ganz sicher, dass er Arzt werden möchte. Dieser Traum geht in Erfüllung, als er 1940 seine Ausbildung in Lhasa beginnt.
Seine erste Bewährungsprobe hat Choedrak, als die Mutter des Dalai Lama in Indien schwer erkrankt und er zur Hilfe gerufen wird. Er meistert seine Aufgabe glänzend und bereits vier Jahre später, wird er zu einem der vier Leibärzte des Dalai Lama ernannt. Faszinierend beschreibt Choedrak die völlig andere Art der Diagnose tibetischer Mediziner.
Die schlimme Leidenszeit beginnt im Jahre 1959. In seiner Rolle als Arzt hat Choedrak für die Chinesen, die Lhasa besetzen und Tibet vereinnahmen, eine hervorragende Stellung innerhalb der tibetischen Gesellschaft. Deswegen bringen sie ihn in ein unbeschreiblich brutales Militärgefängnis. Über 21 Jahre seines Lebens wird Tenzin Choedrak nun in Haft gefangengehalten. Die unvorstellbaren Grausamkeiten, die ihm von den chinesischen Besatzern, aber auch von den eigenen Landsleuten aus Angst vor Verfolgung, angetan wurden, schildert er heute außerordentlich distanziert. Sein tief verwurzelter buddhistischer Glaube hat ihm über die erlittenen Schrecken und Demütigungen hinweggeholfen. -- Manuela Haselberger
Neue Zürcher Zeitung
Gesundheit durch Erleuchtung
Der Leibarzt des Dalai Lama berichtet
Die Erinnerungen Tenzin Choedraks, des Leibarztes des Dalai Lama, erscheinen zum richtigen Zeitpunkt. Victor und Victoria Trimondi haben gerade zur Frontalattacke auf den XIV. Dalai Lama und seine angeblichen Pläne zur Errichtung einer «Buddhokratie» angesetzt (NZZ vom 15. 7. 99). Da kann sich aus der Sicht eines verfolgten Tibeters zeigen, was es denn mit der «Buddhokratie» wirklich auf sich hat. Mehr als zwei Jahrzehnte hat Choedrak in chinesischen Zuchthäusern, Arbeits- und Konzentrationslagern verbracht. Sein unsentimentaler Bericht, der nun nach einer mündlichen Kassettenfassung in der schriftlichen Redaktion vorliegt, ist um so bewegender, als er die eigenen Landsleute vom Vorwurf einer massiven Kollaboration nicht ausnimmt und doch weder ihnen noch den chinesischen Okkupanten und Folterern gegenüber Hass predigt.
Persönlicher Leidensweg
Bewegend sind Choedraks Erinnerungen aber auch aus anderen Gründen. Er schildert ungeschönt die Leiden eines nach dem Tod der Mutter früh verwaisten Kindes, das sich von der Stiefmutter und dem bald entfremdeten Vater hoffnungslos isoliert fühlt und eine neue Gemeinschaft nur mit der Aufnahme in ein Kloster findet. Die gute und die böse Mutter das aus der Psychoanalyse bekannte Schema der Spaltung erfährt auf dem Hintergrund der matriarchalen Elemente der tibetischen Tradition eine eindrucksvolle Illustration. Doch auch die Klostergemeinschaft wird keineswegs als geistliches Idyll gezeigt. Der Eintritt muss wie üblich erkauft werden. Die autoritäre mönchische Erziehung setzt mehr auf die Erleuchtungsmacht, die Buddhaschaft, des Schlagstocks als auf geistliche Führung. Choedrak fällt nicht aus einem tibetischen Himmel in eine chinesische Hölle. Erst im Laufe der Ausbildung zum Arzt hellt sich sein Leben auf.
Der Patient als Verwandter
Der authentische Bericht über die Methoden, die Organisationsformen, Institutionen, Traditionen und die Lehre, die geistlichen Voraussetzungen der tibetischen Medizin, die sich als Alternativmedikation im Westen inzwischen grösserer Beachtung erfreut, ist lesenswert. Choedrak ist unter dem Einfluss des Dalai Lama, der in medizinischer Hinsicht östliche wie westliche Methoden gleichermassen schätzt, aber nie dogmatisch. Das auch von Choedrak benutzte Wort «Ganzheitlichkeit», das dem professionellen Spaltungsirresein der notorisch «zerrissenen» Westler abhelfen soll, ist freilich eher irreführend. Denn die buddhistische und zumal die tibetische Medizin versteht «Unwissenheit», Nichterleuchtung, Verblendung und das damit einhergehende Verstricktsein in Gier und Hass als die eigentliche Wurzel aller Krankheit. Das ist dezidiert ein über das Bewusstsein führender Zugang zur Krankheit. Die Parallele zur sokratischen Diätetik und Ethik ist frappant. Sagt Sokrates: Niemand tut freiwillig Böses Tugend ist Wissen, Untugend Unwissen, so diese Lehre: Krankheit ist Unwissenheit wie Unwissenheit Krankheit ist.
Dem Arzt kommt folglich nicht die Rolle eines technisch Therapierenden zu, sondern eher die eines medizinischen Bodhisattva, der in dem Masse heilendes Wissen vermitteln kann, wie er selber erleuchtet ist. Wirklich erleuchtet ist er aber nur, wenn er «metta», die mitfühlende Liebe, praktiziert. Choedrak drückt das anziehenderweise so aus, dass der Arzt in allen seinen Patienten Verwandte sehen soll. Man stelle sich das unter westlichen Voraussetzungen vor: Keine medizinischen Unternehmer, keine hochdotierten Profiteure mehr Ärzte und Patienten: lauter Verwandte!
Krankheit als Strafe?
Dieser Ansatz steht indessen in einer gewissen Spannung zur Karma -Lehre, die alles Leiden, sei es Krankheit oder auch die politische Unterdrückung, als Resultat einer Vergeltungskausalität begreift. Der Kranke ist unter dieser Voraussetzung nicht einfach der Unwissende, sondern der sich selber karmisch Strafende. Der Unterdrückte ebenfalls.
Der tibetische Arzt oder der chinesische Okkupant aber haben sie in einem früheren Leben etwa besseres, die Leidenden, die Geschlagenen schlechteres Karma erworben? Wäre das nicht eine zynische Lehre, die dem gibt, der ohnehin schon hat, und den noch einmal schlägt, der ohnehin geschlagen wird die böseste aller Gerechtigkeitsideologien im Gewande der Moral?
Choedrak schliesst selbst eine karmische Interpretation des tibetischen «Schicksals» unter dem chinesischen Terror nicht aus, fügt aber gleich hinzu, dass die Chinesen dabei sind, ihr womöglich besseres Karma zu verspielen, während das leidende Tibet, wenn es seine Feinde nicht hasst so, wie Choedrak gegebenenfalls auch die Folterer behandelt , besseres Karma erwerben kann. Medizinische Feindesliebe, praktiziert von einem tibetischen Parzival, der durch Leiden und Mitleiden wissend geworden ist. Ein erstaunliches Buch.
Ludger Lütkehaus
Tenzin Choedrak: Der Palast des Regenbogens. Der Leibarzt des Dalai Lama erinnert sich. Hrsg. von Gilles van Grasdorff. Mit einem Vorwort des XIV. Dalai Lama. Aus dem Französischen von Carola Feist und Mechthild Russell. Insel-Verlag, Frankfurt a. M. 1999. 328 S.