Zum Autor: Claude Simon wurde 1913 in Madagaskar geboren. Er geriet in deutsche Kriegsgefangenschaft. Nach einigen Monaten gelingt ihm die Flucht. Und diese Episode, inklusive der späteren Beobachtung des ausbrechenden spanischen Bürgerkriegs, wird zur Schlüsselepisode seines Lebens. Er hat diese Begebenheiten
eigentlich immer wieder in seinen Romanen umkreist, umlagert. Ursprünglich wollte er Maler werden und das bestimmt seinen Stil. Und wie Cezanne, der sein Leben lang immer den gleichen Berg, Saint Victoire, malt, immer wieder mit seinen Bildern umkreist, so kommt dieser Palast in den Büchern von Claude Simon immer wieder vor, wird immer wieder umkreist, stellt sich aber jedes Mal anders da.
In dem Buch "Der Palast" geht es eigentlich um Deutung von historischer Wirklichkeit. Das Buch beschreibt, wenn man überhaupt sagen kann, dass es überhaupt etwas beschreibt, die Situation, in der ein junger Mann, Student genannt, in einem Straßencafe, einer nicht näher bezeichneten Stadt sitzt. Die Stadt scheint Barcelona zu sein, der Student ist Claude Simon selber. Er beobachtet politische Unruhen, erinnert sich an ein Abendessen, dass er mit zwei anderen Menschen gehabt hat, von denen einer mit Sicherheit ein italienischer Attentäter war, der im Zug ein politisches Attentat begangen hat. Der Zeitraum der Erinnerung erstreckt sich nur über 2 bis 3 Tage.
Claude Simon kann nur aus dem autobiographischen Material heraus arbeiten, darum ist alles im Kontext der Spanischen Revolution angesiedelt, denn die kennt er. Das Attentat ist nicht bedeutungsvoll, weil damit eine politische Veränderung eingeführt wird, sondern die Reibung des Stoffes ist am stärksten, wenn von der Außenwelt, wie in diesem Fall, ein Mordfall in Szene gesetzt wird. Den Autor interessiert nie das "Warum", sondern immer das "Wie". Darum zerlegt er alles, als würde er einen "Sterbenden" in dem Augenblick mit Streckung fotografieren, in dem die letzten Bilder ablaufen. So stellt sich seine Identität am Gegenstand eines anderen dar.
Und bei Claude Simon mündet jeder Satz in hundert Nebensätzen, die das bereits Gesagte wieder modifizieren, korrigieren, zurücknehmen. Und das Erstaunliche an dem Buch ist, dass man sich wirklich hineinbegeben muss und sich dann auch darin verliert. Er schreibt nur das, was er sieht. Die Erinnerung ist nichts Lineares, sie besteht ja aus lauter Fragmenten und einzelnen Bildern und genau so schreibt er. Es ist ein ständiges Umkreisen der gleichen Ebene, sogar in der Doppelbedeutung. Der Text muss sich ständig ändern. Das ist total faszinierend. Der Autor versetzt den Leser dabei bewusst in den Zustand des Nichtwissens.
Da wird dann der Schreibvorgang zum Lesevorgang und umgekehrt. Es ist die Ausbreitung eines Zeichenfeldes, das wirklich wie in einer unendlichen Verzögerung, von Dingen, Menschen, Vorgängen, Gesten etc. die passieren, berichtet. Es ist eine Literatur der Zeitlupe, die in ihrer Art vielleicht an Marcel Proust erinnert. So gibt es bei Claude Simon ein ganzes Kapitel über einen Vorgang, den man eigentlich in einem Satz zusammenfassen könnte. Doch was der Autor mit der Sprache vorführt, ist eine unendliche "Ausdehnung der Sinne", das heißt, Claude Simon versucht im Grunde genommen, mit seiner Sprache die physikalischen Bedingungen, die uns von Natur aus gesetzt sind, zu überschreiten. Und wie, das ist einfach grandios.
Seine Bücher sind nicht immer leicht zu lesen, aber dieses Buch bietet so unwahrscheinlich viel, übt über den evolutionären Ton eine starke physische, emotionale Wirkung auf den Leser aus. Die Sprache ist klar und zart und da sie zugleich mit raffinierten Rückblenden filmisch ist, hat man das Gefühl größter Inspiration.