Mir fiel das Buch in der Leihbücherei ins Auge und da ich mich zur Zeit mit der islamischen Welt beschäftige, nahm ich es spontan mit. Meine Vorkenntnis über Pakistan war nicht größer als wie die des gewöhnlichen Zeitungslesers und Nachrichtenschauers.
"Der Pakistan-Komplex" beginnt mit einer Klage über schlechte journalistische Arbeit oder einfach mangelndes Fachwissen der Mainstream-Medien in Deutschland. Einige Beispiel werden aufgezählt, die den Leser anregen sollen, seine bisherige Meinung von Pakistan zu hinterfragen.
Dann geht es auch schon hinein in die Thematik der Stammes- und Sprachkonflikte, von der grundlegenden Fehlern in Pakistans Gründung über seine turbulente und gewaltsame Geschichte bis zu den Auswirkungen, die all diese geschichtlichen Auswirkungen für das heutige Pakistan haben. Der Autor führt uns durch die Eliten Pakistans, vor allem die Landlords und das Militär, und wie sie immer wieder die Geschicke des Landes bestimmt haben. Es wird auf die Taliban und andere extreme Strömungen eingegangen, doch ihre Anhänger und Unterstützer werden nicht verteufelt, sondern Scholz erklärt verständlich, wieso Menschen ihre Hoffnungen in solche Gruppn setzen. Auch auf die pakistanische Außenpolitik wird eingegangen, wie das Schicksal des Landes sehr oft durch die große Weltpolitik geprägt wurde. Er erklärt auf verständliche Weise die pakistanische Politiklandschaft. Abgerundet wird das Buch durch ein Kapitel über die Bhuttos und eine ausführliche Zeittafel, die sich genauso spannend liest wie das Buch selbst.
Ein Zitat aus dem Buch wird mir bestimmt lange in Erinnerung bleiben, faßt es doch die ganze beschriebene Problematik in einem Satz zusammen: Ich bin seit 4000 Jahren Paschtune, seit 1400 Jahren Muslim und seit 40 Jahren Pakistani.
Kritisch muß man die Kürze des Buches anmerken. 170 Seiten sind nicht genug für das beworbene Porträt eines solch komplizierten Landes, nur für einen Steckbrief. "Der Pakistan-Komplex" ist ein spannender, informativer und zugleich unterhaltsamer Einstieg in ein Thema, an dem selbst manch ein Journalist verzweifelt und diese Rolle erfüllt das Buch sehr gut. Es gibt dem Leser das nötige Grundwissen, um sich tiefer mit dem Thema zu beschäftigen - und den Optimismus, daß man Pakistan wirklich verstehen kann, wenn man nur den richtigen Reiseführer hat.
Details kann man von diesem Buch aber nicht erwarten. Dafür ist es einfach zu kurz und der Autor muß im Eiltempo zu viele Themen abzuarbeiten. Das kann manchmal ganz schön anstrengend sein, auch für den Leser. Für den Laien ist das Buch interessant, aber ich vermute, daß genau dieses Grundlagenwissen, was es für den Neuling so verständlich macht, einen Pakistan-Freund enttäuschen werden.
Allen, die in den Nachrichten schon so viel über Musharraf, Kaschmir-Konflikt und Co. gehört haben und einmal gerne wissen möchten, "was da eigentlich los ist" in Pakistan, denen kann ich das Buch wärmstens empfehlen.
Mein Tipp: Erst die Zeitlinie lesen, auch wenn einen die Zusammenhänge und vielen Namen noch verwirren. Das macht es beim Lesen leichter, zu verstehen, auf welche Ereignisse sich der Autor bezieht.