Eines vorweg: Jörg Fuhrmeisters Buch über den `Ostwall` ist empfehlenswert, da es das preisgünstigste und am besten erhältliche zu dem Thema auf dem Markt ist - es bietet einen guten Überblick an Einsteigerinformation über den `Ostwall` (ohne allerdings den Begriff als solchen zu erklären und seine zeitgenössische Bedeutung klar von der hier gemeinten zu unterscheiden!). Aber auch zu festungsspezifischen Themen bietet es allerlei interessante Details, wobei mich besonders die Wiedergabe der zeitgenössischen Zeichnungen von Panzerteilen und Herrn Jurgas Skizzen erfreuten - ohne dass ich den wissenschaftlichen Wert der letzteren überbewertete.
Für mich als Laie auf dem Gebiet des Ostwalls bleibt es zur Zeit die einzige Informationsmöglichkeit, denn Frau Christel Fockens Machwerke erscheinen mir wenig seriös und zu Sonja Wetzigs Waffen-Arsenalerguss möge man meine diesbezügliche Rezension überfliegen - Kurt Burks Buch kenne ich - ich gestehe es zu meiner Schande - nicht.
Nichtsdestoweniger gibt es einige Kritikpunkte zu vermelden, die zum Teil aber nicht dem Autor, sondern dem Verlag und dessen Lektor Joachim Köster anzulasten sind. So ist die Gestaltung des Inhaltsverzeichnisses leider völlig daneben gegangen, die Unterbringung der Legenden zu verschiedenen Plänen im Anhang ist extrem leserunfreundlich und, was auch in Fuhrmeisters Buch über den Westwall begegnet, die Grundrisspläne sind größtenteils ohne Legende. Hier machen die Skizzen einen teils unfertigen Eindruck, zumal eine Skizze auf Seite 85 anstelle von Ziffern, die auf Raumfunktionen hinweisen, eine Art `Wolfsangeln` trägt.
Abgesehen davon, dass man im Schriftdeutschen keine Umgangssprache verwendet (S. 169: "Parteibonzen"), ist unsere Rechtschreibung gelegentlich etwas eigenmächtig `modifiziert`: Seite 160 erwähnt einen "Horschraum", der im Panzerwerk 766 zu finden sein soll. Druckfehler wie der auf S. 69 - "Hillerleben", statt `Hillersleben` - sind auch nicht mit der Rechtschreibreform zu erklären... Ein Lektor, der seiner Aufgabe gerecht wird, sollte zudem eine Kapitelüberschrift, in der Ausdrücke wie "rudimentäre Kriegsausbauten" vorkommen, hinterfragen. Deren Sinn will sich mir einfach nicht erschließen...
Und da wären wir auch schon an einem Punkt angelangt, an dem man den Autor selber kritisieren muss: Herr Fuhrmeister hat versucht, den Bezug des Reichsarbeitsdienstes zum deutschen Festungsbau dieser Zeit herzustellen, was ihm leider nur sehr unvollkommen gelungen ist. Es sei denn, das Neubauerndorf Hierlshagen wäre ein Bunkerdorf... Man hat eher den Eindruck, als wolle er seine schöne, aber für das spezielle Thema wenig aussagekräftige Sammlung von zeitgenössischen Fotos präsentieren (ein ebenfalls aus `Der Westwall` bekanntes Phänomen). Die Auflistung der Standorte des weiblichen RAD schließlich hat hier gar nichts zu suchen, da dieser nie als Bau- und schon gar nicht als Festungsbauformation eingesetzt war.
Als ebenso deplatziert muss man die Abbildungen des Tannenberg-Denkmals - zumal ohne begleitenden oder irgendeinen Bezug herstellenden Text - bewerten. Auf den Seiten 161 - 171 finden sich eine Reihe Fotos, deren Einordnung in den Kontext durch ein wenig Text klarer werden könnte - was hat z. B. die Abbildung eines russischen Bunkers von 1941 hier zu suchen?
Die folgenden Anmerkungen sollen niemanden vom Kauf abhalten (siehe meine ein- und ausleitenden Hinweise), sondern eher Missverständnisse vermeiden helfen:
S. 75: Ob es sich bei dem gezeigten Bauwerk tatsächlich um einen Regelbau B1/1 handelt, ist zumindest fragwürdig, da ihm dessen typische Eingangsverteidigungsscharte und der Notausgang fehlen.
S. 79 - 86: Der Autor täte gut daran, bei der Bewertung der Erhaltung eines Bauwerkes in Prozenten die hierfür relevanten Kategorien zu nennen.
S. 86: Es ist nicht klar, inwiefern die `Ersatz-B1-Werke` von 1935/1936 vom Regelbau B1/26 (198 B 9) von 1936 abgeleitet sein können. Die zeitliche Abfolge scheint ungewiss.
S. 123 und 186: Die Bezeichnung für das frühe deutsche Höckerhindernis "Modell 1938" ist nicht zeitgenössisch und nicht offiziell, sie soll nur den ungefähren Bauzeitraum kennzeichnen. Sie sollte nicht zur Annahme verleiten, derartige Hindernisse seien 1938 geplant, eingeführt oder ausschließlich gebaut worden, gleichwohl das eine oder andere davon zufällig der Fall sein kann. In der Wehrmacht gab es zu keinem Zeitpunkt eine Bezeichnung, in der `Modell` oder auch nur `M` vorkam (der Maschinengranatwerfer M 19 ist eine nur scheinbare Ausnahmen, da das `M` nicht notwendig für `Modell` steht). Alles andere ist durch sogenannte Fachautoren erst in der Nachkriegszeit in den Sprachgebrauch eingeflossen.
S. 125: Der Autor täte gut daran, bei der Bewertung der Fürchterlichkeit einer Waffe die hierfür relevanten Kategorien zu nennen. Nicht ohne Berechtigung könnte man statt des Flammenwerfers auch die Atombombe als "fürchterlichste Waffe des Krieges" bezeichnen.
S. 127: Die Bezeichnungen "Maschinengranatwerfer 34 P 8" und "Maschinengranatwerfer 424 P 01" sind falsch und daher missverständlich; in beiden Fällen müsste es heißen: Panzerturm (oder Panzerkuppel) 34 P 8 bzw. 424 P 01 für Maschinengranatwerfer M 19.
S. 129: Ist "schwieriges Gebirge" ein Fachausdruck im Tiefbauwesen? Mir fehlt die entsprechende Fachliteratur, der Ausdruck scheint mir nicht recht zum Sandboden und den "stark wasserführenden Erdschichten" zu passen, die der Autor in diesem Zusammenhang erwähnt.
S. 173: Ein beinahe lässlicher Fehler, der aber mein persönlicher `Stachel im Fleisch` ist: Der Ringstand für Panzerkampfwagentürme, von Robert Jurga fotografiert, trägt einen Turm des Panzerkampfwagens II und nicht eines Panzerkampfwagens III. Wolfgang Fleischer zeigt dasselbe Foto mit korrekter Bezeichnung (Waffen-Arsenal, Special Band 16, S. 28). Selbst meine Favoritin unter den `Fachautoren`, Sonja Wetzig, hat denselben Turm richtig als "Panzer II Turm mit 3,7 Kampfwagenkanone L/45" bezeichnet (Waffen-Arsenal, Band 173, S. 43). Mit `richtig` meine ich jedoch sicherlich nicht ihre Schreibweise, Gott bewahre!
S. 194 f.: Nach welchem Kriterium sind die Orte und deren polnische Bezeichnung ausgewählt? Es fehlen einige, deren wichtigste - zumindest für eine ungefähre Orientierung notwendig - wären: Gotenhafen (Gdingen), Elbing, Dirschau, Graudenz, Kulm (Culm), Glatz, Thorn, Bromberg, Posen, Pleß, Tarnowitz oder Neumarkt.
Alle diese, teils kleinlich erscheinenden Kritikpunkte erwähne ich auch, um zu zeigen, dass wir Leser nicht alles, was uns vorgesetzt wird, kritiklos schlucken dürfen. Dafür sind die Produkte der Verlage und Autoren meist zu teuer und ihre Verantwortlichkeit, gutes, wenigstens aber richtiges Deutsch zu verbreiten, zu groß.
Hoffentlich habe ich mit dieser - grundsätzlich konstruktiven - Kritik zu einer verbesserten Neuauflage beigetragen.