Der Amerikaner Tom Reiss hat sich als Journalist und Buchautor geschichtlichen Grenzgängern und Randfiguren verschrieben.
In dieser Tradition steht auch seine sehr umfangreiche Biographie über Lev Nussimbaum alias Essad Bey alias Kurban Said.
Unter letzterem Pseudonym veröffentlichte Nussimbaum den in den Dreißiger Jahren erstmals erschienenen Roman "Ali und Nino". Schon vorher hatte er mit seinen Romanbiographien, autobiographischen Texten und vielen Artikeln in Literaturzeitschriften im deutschsprachigen Raum Erfolg. Vor allem fiel der zum Islam konvertierte Jude aus Aserbaidschan durch seine orientalischen Inszenierungen auf. Als fester Bestandteil der Berliner und Wiener Kaffeehauskultur gehörte er in den einschlägigen literarischen Kreisen dazu.
Als "Ali und Nino" vor einiger Zeit noch einmal neu aufgelegt wurde, war die Herkunft dieser Liebesgeschichte noch nicht eindeutig geklärt. Neben Nussimbaum kam u.a. die Baronin Ehrenfels als Verfasserin in Frage.
Diese ebenfalls schillernde Persönlichkeit war lange mit Nussimbaum befreundet.
Wer war dieser Nussimbaum, der stets mit seinen biographischen Daten spielte, immer wieder seine Vergangenheit neu erfand und der als Autor eine Weile große Erfolge feierte, bevor er nach der Flucht vor den Nazis in Italien umkam?
Dieser spannenden Frage geht Tom Reiss in seiner Biographie nach. Dabei beschränkt er sich nicht auf die mühsam zusammengetragenen Lebensfakten. Er erhellt für den Leser jeweils den geographischen und geschichtlich-politischen Hintergrund der Lebensstationen Nussimbaums.
Das liest sich streckenweise wie ein Märchen.
In der Ölstadt Baku kommt Nussimbaum 1905 zur Welt, sein Vater ist Industrieller und Millionär, seine Mutter, die Nussimbaum fremd blieb und bald stirbt, war Revolutionärin, von Abraham Nussimbaum freigekauft aus zaristischer Haft.
In weltoffener Atmosphäre wächst er heran, flieht aber mit seinem Vater vor den Bolschewisten zunächst Richtung Osten durch Turkmenistan und Buchara, später über Konstantinopel - wo er den Sturz des osmanischen Reiches miterlebt nach Paris. Von dort siedelt er dann ins revolutionäre Berlin über, besucht hier mit vielen anderen Exilrussen das Gymnasium, u.a. mit Boris Pasternak und Vladimir Nabokovs Geschwistern. Er konvertiert zum Islam und nimmt seine Orientalistik-Studien auf.
Gleichzeitig widmet er sich bereits der Schriftstellerei und mit Fleiß und elegantem Stil macht er sich schnell einen Namen.
Nach einer Aufsehen erregenden Ehe mit Glamourfaktor folgt eine öffentliche Scheidung und der kurze, traurige Abstieg nach Hitlers Anschluss in Österreich, wo Nussimbaum inzwischen lebt.
Tom Reiss hat mit sehr großer Akribie und Kennerschaft das Lebenspanorama Nussimbaums vor dem Leser ausgebreitet. Dabei erweist er sich als Geschichtsspezialist mit absolutem Talent zur spannenden Darstellung einer beinahe überbordenden Faktenfülle.
Durch die vielen Quellentexte ist das Buch äußerst umfangreich und detailliert.
Im Vorwort erfährt der Leser die sehr spannende Entstehungsgeschichte dieser Biographie, die dank einer Reihe von glücklichen Zufällen - die allein schon Stoff für einen Roman gegeben hätten - zustande kam.
"Der Orientalist" - im ganz neuen Osburg-Verlag erschienen - ist ein Buch für Menschen, die Freude haben an Spiegelungen des 20. Jahrhunderts. Denn wie in einem Brennglas ist in der Lebensgeschichte des Lev Nussimbaum noch einmal alles vereint, was die erste Hälfte des vergangenen Jahrhunderts ausmachte: Krieg, Umsturz, Irrtümer und schreckliches Leid, aber auch viele ungeahnte Möglichkeiten, die am Schopfe gepackt eine so reiche und ungewöhnliche Lebensreise ausmachten.
Ein ganz besonderes Buch!