Aus der Amazon.de-Redaktion
Die Suche führt die beiden nach Rom, wo sie auf einen geheimen Frauenorden stoßen, dessen Wurzeln sich bis in die Zeit des Römischen Reiches zurückverfolgen lassen. Bald stellt sich heraus, dass die Geschichte von Georges Familie eng mit der Entstehung dieses Ordens verknüpft zu sein scheint. Vor etwa eintausendsechshundert Jahren hat Georges mythische Vorfahrin Regina den Frauenorden gegründet, um den Niedergang Roms zu überdauern. Durch selektive Fortpflanzung haben seine Mitglieder inzwischen eine vollkommen andere evolutionäre Entwicklung durchlaufen und sich in einer Gemeinschaft organisiert, die einem Bienenstaat ähnelt. Doch was sind die Ziele dieser Geheimgesellschaft? Georges Freund Peter ist fest davon überzeugt, dass der Orden zu einer Gefahr für die ganze Menschheit werden kann.
Im ersten Band seiner Trilogie entwirft Stephen Baxter das Panorama einer geheimen Geschichte Europas, das beinahe zwei Jahrtausende umfasst. Die Handlung des Romans wechselt dabei zwischen zwei Erzählebenen, die sich auf faszinierende Weise miteinander verknüpfen und gegenseitig ergänzen. Insbesondere der historische Handlungsstrang, der Reginas Geschichte vor dem Hintergrund des römischen Rückzugs aus Britannien schildert, entfaltet eine starke Sogkraft auf den Leser. Auch wenn der Roman zum Ende hin ein wenig in effekthascherische Hollywooddramatik abgleitet, tut dies dem Lesevergnügen kaum Abbruch. Ein starker Auftakt für die neue Trilogie eines der namhaftesten Autoren der anglo-amerikanischen Science Fiction! --Steffi Pritzens
Pressestimmen
"Auf kongeniale Weise vermischt Baxter hier Zukunftsroman mit historischem Verschwörungsthriller." (The Times)
Kurzbeschreibung
Klappentext
The Times
»Stephen Baxters Werk zählt zum Besten, was die Science-Fiction je hervorgebracht hat. Er ist der legitime Erbe von Isaac Asimov und Robert A. Heinlein.«
The Guardian
Über den Autor
Auszug aus Der Orden von Stephen Baxter, Peter Robert. Copyright © 2005. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Mittlerweile bin ich in Amalfi gelandet. Ich kann mich nicht dazu durchringen, nach England zurückzukehren noch nicht , und nach dem fremdartigen Ameisenhaufen, auf den ich in Rom gestoßen bin, ist es geradezu eine Wohltat, hier zu sein.
Ich habe mir ein Zimmer in einem Haus an der Piazza Spirito Santo genommen. Unten ist eine kleine Bar, wo ich im Schatten des Weinlaubs sitze und Cola Light oder manchmal auch den hiesigen Zitronenlikör trinke; er schmeckt wie die mit Zitronenbrause gefüllten Bonbons, die ich mir als kleiner Junge in Manchester immer gekauft habe, nur zermahlen und mit Wodka gemischt. Der knurrige alte Barmann kann kein Wort Englisch. Schwer zu sagen, wie alt er ist. Die Blumenschalen auf den Tischen draußen sind mit Zweigbündeln gefüllt, die in meinen Augen verdächtig nach fasces aussehen, aber ich bin zu höflich, um ihn danach zu fragen.
Amalfi ist eine kleine Stadt, die sich in ein Tal auf der sorrentinischen Halbinsel schmiegt. Schwalbennestern gleich wurden die Ortschaften an der Küste in die steil aufragenden Kalksandsteinfelsen gebaut. Die Menschen haben sich daran gewöhnt, an einer senkrechten Fläche zu leben: Über öffentlich zugängliche Treppenwege gelangt man bis zum nächsten Ort. Nichts in Italien ist neu im Mittelalter war Amalfi eine Seerepublik , und doch fehlt hier jene Aura des ungeheuren Alters, die in Rom so bedrückend wirkte. Aber dennoch vieles von dem, was den Horror in Rom ausmachte, ist auch hier, überall um mich herum.
In den engen Kopfsteinpflasterstraßen herrscht ständig reger Verkehr; es wimmelt von Autos und Bussen, Lastwagen und schnellen Mofas. Italiener haben einen anderen Fahrstil als Nordeuropäer. Sie fahren einfach drauflos: Sie wuseln durcheinander, wie Peter McLachlan gesagt hätte, eine Vielzahl von Individuen, die sich darauf verlassen, dass sie dank der ungeschriebenen Gesetze der Masse schon irgendwie durchkommen werden.
Und dann sind da die Menschen. Direkt gegenüber von meiner Bar ist eine Schule. Wenn die Kinder gegen Mittag entlassen werden nun, auch sie wuseln durcheinander; es gibt wirklich kein anderes Wort dafür. Aus Leibeskräften schreiend, strömen sie in ihren hellblauen, kittelartigen Uniformen auf die Piazza. Aber das ist rasch wieder vorbei. Wie Wasser, das durch ein Sieb rinnt, verschwinden sie nach Hause oder in die Cafés und Bars, und der Lärm verebbt.
Und natürlich die Familien. Vor denen gibt es in Italien kein Entrinnen.
Amalfi war einmal ein Zentrum der Hadernpapierherstellung, eine von den Arabern übernommene Technik. Früher standen hier sechzig Papiermühlen. Heutzutage gibt es nur mehr eine, aber die beliefert noch immer den Vatikan, sodass jeder päpstliche Erlass für die Ewigkeit auf säurefreiem Hadernpapier aufgezeichnet werden kann, das inzwischen sogar fein genug für Computerdrucker ist. Und diese übrig gebliebene Amalfi-Mühle wird nun bereits seit neunhundert Jahren ununterbrochen von derselben Familie betrieben.
Die wuselnden Menschenmengen, die gedankenlose Ordnung der Masse, die kalte, starke Hand alter Familien: Selbst hier sehe ich die Koaleszenten vor meinem geistigen Auge, wohin ich auch schaue.
Und ich sehe wieder diesen ungewöhnlichen Krater, der mitten auf der Via Cristoforo Colombo entstand und über dem noch immer die Wolke grauschwarzen Kalktuffstaubs hängt. Angestellte aus den umliegenden Büros und Geschäften Handys, Kaffeetassen und Zigaretten in der Hand spähten in das Loch, das sich plötzlich in ihrer Welt aufgetan hatte. Und die Drohnen strömten nur so aus dem Krater, in verblüffender Zahl, zu hunderten und tausenden. Inmitten der Staubwolke sahen sie alle identisch aus. Selbst jetzt haftete ihnen eine gewisse Ordnung an aber niemand führte sie. Die Frauen am Rand drängten ein paar Schritte nach vorn, sahen die glotzenden Büroangestellten um sie herum verständnislos an, drehten sich dann um, verschwanden wieder in der Menge und wurden von anderen ersetzt, die ihrerseits nach vorn drängten. Als die hervorströmende Menge den Straßenrand erreichte, zerfiel sie, bildete Stränge, Ranken und Linien von Menschen, die vorstießen, sich auflösten und neu zusammenfanden und wimmelnd und forschend in Türöffnungen und Gassen eindrangen. Im staubigen Licht schienen sie zu einer einzigen wogenden Masse zu verschmelzen, und selbst in der strahlenden Helligkeit des römischen Nachmittags sonderten sie einen moschusartigen Gestank ab.
Wahrscheinlich versuche ich zu kompensieren. Ich verbringe einen Großteil meiner Zeit allein, in meinem Zimmer oder auf Spaziergängen in den Hügeln, die über den Dörfern und Städten aufragen. Aber ein Teil von mir verspürt noch immer eine überwältigende Sehnsucht danach zurückzukehren, erneut in die warme, taktile Ordentlichkeit der Koaleszenten einzutauchen. Es ist eine unerfüllte Sehnsucht, die mir vermutlich bleiben wird, bis ich sterbe.
Wie seltsam, dass mich die Suche nach meiner eigenen Familie zu solchen Mysterien führte und dass sie mit dem Tod begann und auch endete.
2
Es begann wahrhaftig in einer für jedermann seltsamen Zeit. Die Meldung von der Kuiper-Anomalie, dem sonderbaren neuen Licht am Himmel, war soeben erschienen. Man muss in London sein, wenn so eine Story herauskommt, eine jener bedeutsamen Nachrichten, die das Leben verändern und die man mit seinen Freunden an den Trinkwasserspendern im Büro, in den Pubs und Coffee Bars besprechen und bis ins Kleinste durchkauen will.
Aber ich musste heim, nach Manchester. Familiäre Pflichten. Ich hatte meinen Vater verloren. Ich war fünfundvierzig.
Das Haus meines Vaters mein Elternhaus stand in einer kurzen Straße identischer Vororteigenheime: eine nette, kleine Doppelhaushälfte mit einem Fleckchen Rasen vorn und hinten. An einem strahlend hellen Septembermorgen stand ich in der Auffahrt und gab mir Mühe, mich nicht von meinen Gefühlen überwältigen zu lassen; ich versuchte, wie ein Fremder zu denken.
Als diese kleinen Häuser in den Fünfzigern gebaut worden waren, nicht lange vor meiner Geburt, mussten sie den Menschen im Vergleich zu den Rücken an Rücken stehenden Reihenhäusern der Innenstadt begehrenswert erschienen sein, und tausendmal besser als die Hochhausblocks, die in ein paar Jahren folgen würden. Aber jetzt, im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts, wirkte das Mauerwerk schnell hingehauen und billig, die kleinen Rabatten waren eingesunken, und die Außenanlagen, wie zum Beispiel die verputzten Ytongsteine am Rand der Auffahrten, zerbröckelten teilweise. Vom ursprünglichen Charakter der Straße war nicht mehr viel übrig geblieben. Es gab doppelt verglaste Kunststofffenster, neu gedeckte Dächer und wieder aufgemauerte Schornsteine, Zimmer mit Flachdach über den Garagen, und an der Vorderseite des Hauses gegenüber waren sogar zwei kleine Wintergärten angebaut, um die Südsonne einzufangen. Nach beinahe fünfzig Jahren waren die Häuser mutiert und hatten sich auseinander entwickelt.
Auch die Menschen hatten sich verändert. Früher einmal war dies eine Straße voller junger Familien gewesen, wo wir Kinder uns Spiele ausgedacht hatten, die wir nur unterbrachen, wenn hin und wieder einmal ein Auto von der Hauptstraße einbog. Ein Wagen pro Haus damals, Morris Minors, Triumphe und Zephyre, die gut in die kleinen Garagen passten. Jetzt war alles voller Autos; sie verstopften jede Auffahrt und parkten in zwei Reihen am Straßenrand. Mir fiel auf, dass man einige der kleinen Gärten umgegraben und asphaltiert hatte, um noch mehr Platz für die Autos zu schaffen. Nirgends war ein Kind zu sehen, überall nur Autos.
Aber mein Zuhause, mein altes Zuhause, unterschied sich von den anderen.
Unser Haus hatte noch die originalen Ziehharmonika-Garagentüren aus Holz und die kleinen Holzfenster, ja sogar den Erker an der Stirnseite des Hauses, in dem ich immer gesessen und meine Comics gelesen hatte. Aber das Holz war abgesplittert und rissig, vielleicht sogar verrottet. Der alte Efeu, ein extravagantes grünes Gekritzel auf der Vorderseite des Hauses, war längst verschwunden, aber ich sah die verwitterten Narben im Mauerwerk, wo er sich festgeklammert hatte. Wie schon zu Lebzeiten meiner Mutter sie war vor zehn Jahren gestorben hatte mein Vater nur die allernotwendigsten Renovierungsarbeiten erledigt. Er war fast sein ganzes Leben für die Baubranche tätig und somit der Ansicht gewesen, er habe die Woche über schon genug mit Bauen und Renovieren zu tun gehabt.
Eine der wenigen Verbeugungen vor den modernen Zeiten, die ich sah, war das silberne Kästchen einer Alarmanlage, das auffällig an der Stirnseite des Hauses klebte. Der letzte Einbruch bei Dad lag schon ein paar Jahre zurück. Er hatte ihn erst einige Tage später bemerkt das säuberlich aufgebrochene Schloss der Garagentür, das eingeschlagene Fenster des Wagens, den er selten fuhr, und die hübsch gerundete Kackwurst auf dem Fußboden. Kinder, hatte die Polizei gesagt. Panikreaktionen. Mein Vater war kein ängstlicher Mensch gewesen, aber es hatte ihm Kummer bereitet, dass seine Kräfte nachließen und er sich nicht mehr so wie früher gegen die grausame Selbstsucht anderer wehren konnte. Ich hatte die Alarmanlage gekauft und einbauen lassen, muss aber zu meiner Schande gestehen, dass ich sie an diesem Tag zum ersten Mal wahrnahm.
Alarmanlage hin oder her, in der Haustür gähnte eine kaputte und noch nicht reparierte Fensterscheibe.
»George Poole. Du bist George, hab ich Recht?«
Ich drehte mich überrascht um. Vor mir stand ein massiger Mann mit schütterem Haar. Seine Kleidung wirkte irgendwie unpassend, vielleicht zu jugendlich für ihn leuchtend gelbes T-Shirt, Jeans, Turnschuhe, ein klobiges Handy in der Brusttasche. Trotz seiner bärengleichen Statur wirkte er schon auf den ersten Blick irgendwie schüchtern; er hatte die Schultern hochgezogen, als wollte er seine Größe kaschieren, und seine vor dem Bauch verschränkten Hände zupften aneinander.
Und trotz der ergrauenden Haare, der hohen Stirn und seiner schwabbelig gewordenen Hals- und Kinnpartie erkannte ich ihn sofort.
»Peter?«
Er hieß Peter McLachlan. Wir waren gleichzeitig eingeschult worden, hatten meist sogar dieselbe Klasse besucht. In der Schule war er immer Peter gewesen, nie Pete oder Petie, und daran hatte sich wohl auch nichts geändert.
Er streckte mir die Hand hin. Sie war kalt und feucht, sein Händedruck zaghaft. »Ich habe dich parken sehen. Du bist bestimmt überrascht, mich hier anzutreffen.«
»Eigentlich nicht. Mein Vater hat öfters von dir gesprochen.«
»Hübscher Dufflecoat«, sagte er.
»Was?
O ja.«
»Erinnert mich an die Schulzeit. Wusste gar nicht, dass man die Dinger noch kriegt.«
»Er stammt aus einem speziellen Kleiderladen für stilistisch Zurückgebliebene.« Das stimmte.
Wir standen einen Moment lang verlegen herum. Ich hatte mich in Peters Gegenwart schon immer unwohl gefühlt, denn er war einer jener Menschen, die sich in Gesellschaft anderer nie entspannen konnten. Und etwas an seinem Gesicht war anders; ich brauchte ein paar Sekunden, um dahinter zu kommen: Die dicke Brille fehlte, die er als Kind in den Siebzigern immer hatte tragen müssen. Ich sah auch keine Vergrößerung der Pupillen, jenes verräterische Kennzeichen von Kontaktlinsen; vielleicht hatte er eine Laseroperation vornehmen lassen.
»Tut mir Leid, dass ich eure Fensterscheibe zerbrochen habe«, sagte er.
»Du warst das?«
»Ja, in der Nacht, als er gestorben ist. Dein Vater kam nicht an die Tür, als ich ihm seine Abendzeitung brachte. Ich dachte, ich schaue lieber mal nach ihm
«
»Du hast ihn gefunden? Das wusste ich nicht.«
»Ich hätte ins Haus gemusst, um das Fenster zu reparieren, und das wollte ich nicht, bevor du
du weißt schon.«
»Ja.« Sein Zartgefühl bewegte mich, und ich fühlte mich auf unbestimmte Weise schuldig, weil keiner von uns daran gedacht hatte, ihn zur Beerdigung einzuladen. Ich klopfte ihm behutsam auf die Schulter und spürte die Muskeln unter seinem Ärmel.
Aber er wich zurück. »Tut mir Leid, das mit deinem Vater«, sagte er.
»Mir tuts Leid, dass du ihn finden musstest.« Ich wusste, dass er noch mehr erwartete. »Und danke, dass du nach ihm gesehen hast.«
»Hat ihm leider nicht viel genützt.«
»Aber du hast es versucht. Er hat mir erzählt, dass du dich immer um ihn gekümmert hast Rasenmähen
«
»War nicht der Rede wert. Immerhin kannte ich ihn von klein auf.«
»Ja.«
»Du warst noch nicht drin, oder?«
»Das weißt du doch, wenn du mich parken gesehen hast«, sagte ich ein bisschen spitz.
»Soll ich mit reinkommen?«
»Ich will dir nicht noch mehr Umstände machen. Überlass das nur mir.«
»Es macht mir keine Umstände. Aber ich will mich nicht aufdrängen
«
Immer noch verlegen, drehten wir uns im Kreis. Am Ende nahm ich sein Angebot natürlich an.
Wir gingen die Auffahrt hinauf. Sogar der Asphalt war verwittert, bemerkte ich beiläufig; er knackte leise unter meinem Gewicht. Ich brachte einen Schlüssel zum Vorschein, den mir das Krankenhaus zusammen mit der Todesnachricht geschickt hatte, steckte ihn in das Yale-Schloss und stieß die Tür auf.
Ein lautes Piepsen ertönte. Peter langte an mir vorbei und gab einen Code in ein Steuerkästchen ein, das sich in einem offenen Schrank auf der Veranda befand. »Er hat mir den Code gegeben«, sagte er. »Für die Alarmanlage. Falls es mal einen Fehlalarm gab, weißt du. Deshalb konnte ich sie abschalten, als ich das Fenster eingeschlagen hatte, um reinzukommen. Nur falls du dich fragst, wieso
Ich hatte auch einen Schlüssel. Aber an der Tür gibts ein Zusatzschloss mit Sicherheitskette, und deshalb musste ich das Fenster einschlagen
«
»Ist schon gut, Peter«, sagte ich ein wenig ungeduldig. Halt den Mund. Er hatte nie gewusst, wann es an der Zeit dazu war.
Er verstummte.
Ich holte tief Luft und ging hinein.
In diesem Haus hatte ich meine Kindheit verbracht, und es war alles noch genauso wie damals.
In der Diele ein Garderobenständer mit muffigen Mänteln, ein Telefontisch mit einem Handapparat aus den Siebzigerjahren und einem Haufen hingekritzelter Namen, Nummern und Notizen, die sich in einer Pappschachtel stapelten, Notizen in Dads Handschrift. In einer von Dad selbst gefertigten Wandnische eine kleine, grazile Statue der Jungfrau Maria. Im Erdgeschoss das Esszimmer mit dem narbigen alten Tisch, die kleine Küche mit dem schmuddeligen Herd und dem Resopaltisch, das Wohnzimmer mit den Bücherregalen, der abgenutzten Polstergarnitur und einem verblüffend neuen Fernseher samt Videorecorder und DVD-Player. Die schmale Treppe genau fünfzehn Stufen, wie ich als Kind gezählt hatte zum Treppenabsatz im Obergeschoss mit dem Badezimmer, dem Elternschlafzimmer, drei kleinen Zimmern und der Luke zum Dachboden. Die Tapete war schlicht, sah aber nicht so schäbig aus, wie ich erwartet oder befürchtet hatte. Dad musste also nach meinem letzten Besuch vor fünf oder sechs Jahren renoviert haben oder renoviert haben lassen, vielleicht von Peter, der groß und klobig hinter mir auf der Fußmatte stand. Ich wollte ihn nicht danach fragen.
Es erschien mir alles so klein, so verdammt klein. Vor meinem geistigen Auge sah ich mich als Riesen wie Gulliver, gefangen in dem Haus; meine Arme steckten im Wohnzimmer und in der Küche, die Beine in den Schlafzimmern.
Peter betrachtete die Jungfrau. »Immer noch ein katholisches Haus. Pater Moore wäre stolz.« Der Gemeindepfarrer aus unserer Kindheit, freundlich, aber Furcht erregend; er hatte uns die Erstkommunion erteilt. »Gehst du noch zur Kirche?«
Ich zuckte die Achseln. »Ich würde mit Dad zur Weihnachts und Ostermesse gehen, wenn wir zusammen wären. Ansonsten könnte man wohl sagen, ich bin vom Glauben abgefallen. Und du?«
Er lachte nur. »Da wir so wenig über das Universum wissen, kommt mir die Religion ein bisschen albern vor. Aber mir fehlt das Ritual. Es war tröstlich. Und die Gemeinschaft.«
»Ja, die Gemeinschaft.« Peter entstammte einer irisch-katholischen, ich einer italoamerikanischen Familie. Beide waren wir auf unsere Weise Klischeefiguren, dachte ich und starrte zum Gipsgesicht der Jungfrau Maria hinauf, das in einem Ausdruck schmerzerfüllter Freundlichkeit erstarrt war. »Als Kind war ich wahrscheinlich an dieses ganze Zeug gewöhnt. Gesichter, die von der Wand auf mich runterschauen. Jetzt finde ich es irgendwie bedrückend.«
Peter musterte mich aufmerksam. »Alles in Ordnung mit dir? Wie fühlst du dich?«
Eine Aufwallung von Ärger. »Gut«, fauchte ich.
Er zuckte zusammen und drückte den Zeigefinger an die Stelle zwischen den Augen, und ich erkannte, dass er eine imaginäre Brille zurechtschob.
Auf einmal schämte ich mich. »Tut mir Leid, Peter.«
»Nicht nötig. Ich bin nicht hier, um dir Schuldgefühle zu machen. Dieser Augenblick gehört dir.« Er spreizte die großen Hände. »An alles, was du jetzt tust, wirst du dich dein Lebtag erinnern.«
»Herrje, du hast Recht«, sagte ich bestürzt.
Ich ging die paar Schritte zur Küchentür. Sie war offen. Es roch muffig. Auf dem Tisch standen eine Tasse mit Untertasse und ein Teller, daneben lag Besteck. Eine kalte Fettschicht mit ein paar vertrockneten Bröckchen drin, die wie Frühstücksspeck aussahen, überzog den Teller. Auf einer kleinen Pfütze am Boden der Tasse trieben grüne Bakterienkolonien; ich wich zurück.
»Ich habe ihn in der Diele gefunden«, erklärte Peter.
»Das hat man mir gesagt.« Dad hatte eine Reihe schwerer Schlaganfälle erlitten. Ich nahm die Tasse, die Untertasse und den Teller und trug sie zur Spüle.
»Ich glaube nicht, dass er sich beim Hinfallen verletzt hat. Er sah friedlich aus. Er lag direkt da drüben.« Peter zeigte zur Diele. »Von diesem Telefon aus habe ich das Krankenhaus angerufen. Den Rest des Hauses habe ich nicht betreten. Nicht einmal, um aufzuräumen.«
»Das war sehr rücksichtsvoll«, sagte ich leise.
Ich schaute aus dem Küchenfenster in den kleinen Garten. Das Gras musste gemäht werden, bemerkte ich zerstreut; mitten im Grün ragten die hellen Gipfel von Ameisenkolonien auf. In einer Ecke des Gartens standen Azaleen, der Stolz und die Freude meines Vaters. Er hatte sie jahrelang du lieber Himmel, jahrzehntelang gehegt und gepflegt.