Eine sehr gut verständliche Einführung in die Aktienbewertung und die Nutzung von Onvista, sehr geeignet für Investoren, die sich erstmalig ernsthaft mit der Geldanlage in Aktien beschäftigen wollen.
Gefährlich für diesen Leserkreis ist aber wieder die von Prof. Otte vermittelte trügerische Sicherheit der empfohlenen Investment-Strategie, da die gerade in jüngster Zeit in den Mittelpunkt gerückten Schwachpunkte ausgelassen werden:
1. Es fehlt in den Analysen (und bei Onvista sowieso) die "Gegenprobe" (z.B. durch Zeitreihen über den "Buchwert je Aktie"), ob denn wirklich - wie behauptet - die nicht ausgeschütteten Gewinne das Eigenkapital des Unternehmens erhöhen oder z.B. über Optionsprogramme regelmäßig allein das Management glücklich machen, ohne dass von den steigenden Gewinnen der langfristige Anleger irgendeinen Vorteil haben wird.
2. Kritik der gelobten Aktienrückkaufprogramme, die nicht etwa das Vertrauen in die eigene Firma zeigen, sondern ein Warnsignal sind, wenn sie nur der Belieferung der Optionsprogramme dienen.
3. Der immaterielle "Firmenwert" am Eigenkapital, insbesondere der "Goodwill" ist falsch definiert (S. 186), denn er enthält nicht den (ganzen) Kaufpreis für Akquisitionen, sondern nur das (i.d.Regel verschenkte) Geld als "Aufpreis" zum Buchwert der (oft viel zu teuren) Zukäufe im Globalisierungswahn. Dieser Aspekt wird nicht kritisch untersucht - dies führte schon zu manchem Absturz an der Börse.
Um im Bilde zu bleiben (S.181): "Stellen Sie sich einen Bach und einen Teich vor: Die GuV misst, wie viel Wasser in einem Jahr in den Teich hinein- und herausfließt, die Bilanz misst die Wassermenge, die sich zu einem bestimmten Zeitpunkt im Teich befindet". Im Prinzip richtig, doch darf die Verdunstung (Optionsprogramme gekoppelt mit Aktienrückkauf und Aktienausgabe ans Management) nicht vernachlässigt werden und der oberflächlichliche Wasserstand (Eigenkapital) ist bei einem Tauchgang leicht zu unterscheiden in "gutes Wasser" (Buchwert) und "schmutzigen Schaum" (Goodwill). Der notwendige Tauchgang wird nicht einmal angedeutet.
Ganz so einfach ist an der Börse eben doch nicht richtig zu investieren, aber immerhin ein sehr guter Einstieg in den Lernprozess, denn nach einer Datenbereinigung im obigen Sinne wäre gegen die vorgestellte Methode der Aktienanalyse nichts einzuwenden - so aber sei vor einer blinden Anwendung gewarnt. Auch die Daten von Onvista sollten nach meiner Erfahrung vor einer Investition unbedingt anhand der Originalveröffentlichungen für GuV und Bilanz unbedingt auf Richtigkeit und Aktualität überprüft werden.
Leider fehlen zusammenfassende Berechnungsformeln für die Unternehmensbewertung, z.B. nach der DCF-Methode. Da ging der ältere Titel "Investieren statt spekulieren" etwas mehr in die Tiefe, ließ aber auch Wünsche offen. Aus Fehlern soll der Anleger lernen - man darf gespannt sein auf ein neues Werk der Autoren, wenn dieser Lernwille vorhanden ist. Zu wünschen wäre dann auch eine zeitgemäße CD-Beigabe mit einem Datenbankprogramm, um den anwendungsorientierten Leser die Nutzung der Methodik für eigene Analysen zu erleichtern, soweit dies die übrigen geschäftlichen Interessen der Autoren zulassen...?