Bereits in ihrem Roman „Der Inquisitor" führte die australische Autorin Cathrine Jinks ihre Leser in das mittelalterliche Frankreich. Auch in ihrem zweiten Roman „Der Notar von Avignon" (der laut Verlag eigentlich ihr Erstling sein soll) breitet sie ein farbenprächtiges, mittelalterliches Tableau vor dem Leser aus. Schauplatz ist diesmal die Papststadt Avignon im Jahre 1320. Der Schatzmeister eines Kardinals wird in seinem Haus ermordet aufgefunden. Der oder die Täter haben den Mann nicht nur erstickt, sie haben ihm auch seinen Penis abgeschnitten. Der Papst höchstpersönlich beauftragt den Dominikanermönch Amiel de Semur den Fall aufzuklären.
Die kirchliche Gerichtsbarkeit sah damals für einen solchen Fall die Inquisitio (Befragung) vor, bei der Verdächtige vorgeladen und verhört wurden. Um eben diese Befragungen durchzuführen, benötigt Amiel de Semur einen Gehilfen. Er findet ihn in dem jungen Notar Raymond Maillot, aus dessen Sichtweise der Roman erzählt wird. Nun ist Raymond alles andere als ein gottergebener und frommer Mensch: Mit seinen Freunden zecht er gerne im Gasthof seiner Geliebten Béatrice, er singt frivole Lieder und kann der holden Weiblichkeit nur schwer widerstehen. Mit anfänglicher Skepsis nimmt er den Auftrag des Mönchs an. Er begleitet Bruder Amiel in die scheußlichen Gefängnisse und Folterkammern der Stadt und führt über die Verhöre Protokoll.
Nicht nur, dass sich allmählich erste Spuren herauskristallisieren, die auf schwarze Magie, Ketzerei, Homosexualität des Opfers und Eifersucht deuten, zwischen dem Mönch und seinem Gehilfen entwickelt sich auch eine Freundschaft. Dies wird von Raymonds Familie und Freunden nicht gerne gesehen, befürchten sie doch, selbst in das Fadenkreuz des strengen Mönches zu geraten. Zudem durchlebt der Frauenheld Raymond unter dem Einfluss seines gottesfürchtigen Freundes eine seltsame Veränderung: Statt den Frauen hinterher zu jagen, gibt er seinem Mentor sogar das Versprechen, enthaltsam zu leben - ein Versprechen, dass er auf Dauer doch nicht durchhalten kann.
Die Stärke des Romans liegt nicht so sehr in der Krimihandlung. Diese ist eher dürftig und besteht hauptsächlich aus den schon erwähnten Verhören. Neugier weckt Catherine Jinks vielmehr mit ihrer lebendigen und farbenprächtigen Schilderung des mittelalterlichen Lebens. Vor allem die Ich-Perspektive ihres Erzählers Raymond lässt den Leser hautnah am Geschehen teilnehmen. Dabei geht es munter und deftig zu: Rauhe Prügelszenen wechseln sich ab mit dem stillen Leben im Kloster, Raymonds schwülstigen Liebesliedern stehen die berechnenden und eiskalten Verhöre Bruder Amiels gegenüber, der seine Opfer gnadenlos manipulieren kann. Ohne auch nur mit der Folter zu drohen, presst der Mönch den Verdächtigen Schuldeingeständnisse ab. Kirchlichen Würdenträger mit dunklen Geheimnissen stehen einfache Mägde und Knechte gegenüber, voller Furcht vor der kirchlichen Inquisition.
Dreh- und Angelpunkt bleibt aber Raymond, dessen Wandlung vom Saulus zum Paulus (und wieder zurück) Jinks psychologisch fein auslotet und glaubwürdig erzählt. Nicht ohne Augenzwinkern zeigt sie ihren Helden mal als Prahlhans, der stolz mit der Größe seiner Männlichkeit angibt, mal ist er ein eingeschüchterter Maulheld, der nach ein paar Schlägen Schutz unter dem heimischen Rockschurz sucht, mal ein Schelm, der nachts ins Nonnenkloster eindringt, dann wieder wird er zum geschockten Zeugen von Bruder Amiels brutalen und raffinierten Verhörmethoden.
"Der Notar von Avignon" ist ein praller Schmöker, mit einer gelungenen Mischung aus Tragik und Humor, an dem wohl eher Liebhaber von historischen Romanen ihre Lesefreude haben dürften, als eingefleischte Krimifans. Trotzdem: Ein gelungenes Buch für eine aufregende Zeitreise ins Mittelalter.