Sallies Zuhause ist verzaubert, aber voll von Gefahren. Hinter jeder Ecke lauern bedrohlich düstere Schatten. Das alte, verwinkelte Herrenhaus in dem sie lebt und als Küchenmädchen arbeitet, ist so groß, dass man sich darin verlaufen könnte. Die Besitzer des Anwesens, die das Mädchen dem Himmel sei Dank nur sehr selten zu Gesicht bekommt, bekämpfen mit perfiden Spielchen die Langeweile. Die Welt außerhalb des Herrenhauses scheint in Nebel getaucht, die Zeit scheint still zu stehen.
Von all dem bekommt Sallie aber recht wenig mit. Tagsüber schuftet sie in der Küche, nach getaner Arbeit fällt sie meist sofort ins Bett. Manchmal stiehlt sich heimlich in die dunklen Kellergewölbe hinunter, um diese zu erforschen, oder unterhält sich mit den sprechenden Katzen im Garten. Und ab und an findet sie sogar die Zeit, in die Bibliothek zu gehen und zu lesen.
Eines Tages jedoch überlässt der Bibliothekar ihr ein Buch, das alles verändern soll. Als sie es aufschlägt, scheint es zu ihr zu sprechen. Es erzählt vom uralten Kampf des Nebelkönigs gegen die Katzenkönigin und schnell verdichten sich die Anzeichen, dass es sich dabei um mehr als bloß um eine Geschichte handelt. Zur gleichen Zeit werden einige Herrschaften des Hauses auf sie aufmerksam. Sie verwickeln sie in ihre gefährlichen Ränkespielchen. Will Sallie mit heiler Haut davon kommen, muss sie das Mysterium, das ihr Zuhause umgibt, lüften - und dafür bleibt ihr nicht mehr viel Zeit ...
MEINE MEINUNG
Susanne Gerdoms Debüt im Jugendbuch besticht durch die Aura des Geheimnisvollen und der nur schwer greifbaren Gefahr, die es durchzieht. Es gelingt ihr, den morbiden Flair des Herrenhauses spürbar zu machen. Das bedrückende Gefühl allgegenwärtiger Bedrohung wird dadurch verstärkt, dass der komplette Roman praktisch ausschließlich in diesem geheimnisvollen Anwesen spielt.
"Der Nebelkönig" ist eine in sich abgeschlossene Geschichte, angesiedelt in einer Welt, die an ein phantastisch verfremdetes 19. Jahrhundert erinnert. Wie die Hauptfigur Sallie selbst irrt der Leser zunächst durch die langen, oft nur spärlich beleuchteten Gänge des Hauses und versucht zu ergründen, was hier eigentlich gespielt wird: Sprechende Katzen; Männer, die sich in Tiere verwandeln, brutale Gemetzel des Nachts, die Tags darauf nicht stattgefunden zu haben scheinen: Es ist diese Atmosphäre, die "Der Nebelkönig" zu einem Leseerlebnis macht und dafür sorgt, dass man das Buch - etwas über 300 Seiten - in praktisch einem Rutsch verschlingt. Da ist es auch nicht schlimm, dass man nach etwa der Hälfte des Romans Sallie ein paar Schritte voraus ist und ahnt, was im Herrenhaus vor sich geht und welche Rolle dem Küchenmädchen dabei zugedacht ist. Susanne Gerdom achtet allerdings darauf, bis zum Schluss noch einige Wendungen und Überraschungen parat zu haben. Das ist wichtig für alle, die es wie ich zu schätzen wissen, wenn sich ein großes Geheimnis nur nach und nach entblättert.
Wer Jugendbücher, geheimnisvolle Geschichten und dunkle Settings mag (und damit leben kann, dass es manchmal für ein Jugendbuch recht heftig zur Sache geht), dem kann ich den "Nebelkönig" wirklich ans Herz legen.