1. Alles ist fast wie gewohnt: Mario Conde und die Freunde, das Trinken, die deprimierenden Lebensumstände, der Verfall Havannas, der Schmutz und der Hunger, die Tricks, an die begehrten Devisen zu kommen. Aber es hat sich viel verändert: Mario Conde hat schon vor mehr als zehn Jahren den Dienst quittiert - ein frustrierter Ex-Cop wie Fabio Montale am Ende von Izzos Marseille-Trilogie. Conde versucht sich durch Aufstöbern und Verkauf antiquarischer Bücher über Wasser zu halten. Sein Freund und Partner Yoyi, mit Zynismus und pragmatischer Lebensweisheit für den Überlebenskampf im kreolischen Dschungel" bestens geeignet, handelt mit Büchern, Schmuck, Antiquitäten, betreibt ein Taxiunternehmen und eine kleine Baufirma - alles illegale Tätigkeiten. Ein Yuppie im sozialistischen Staat, der Geschäfte mit den verhassten Amerikanern macht, Teil einer immer größer werdenden Nebengesellschaft, die die offizielle Doktrin entlarvt. Daß Padura dies seit seiner großen Tetralogie weiterhin - und immer schonungsloser- schreiben darf, versöhnt, wie auch der Gutierrez-Film von 1993 Erdbeer und Schokolade" trotz massiver Regimekritik passieren durfte.
2. Mario Conde landet einen Glückstreffer. Er findet eine große, seit Jahrzehnten unberührte Bibliothek, die hinter den Mauern eines alten Herrschaftshauses verborgen ist, in der ungeahnte Schätze wertvoller Erstausgaben liegen. Sie wird bewacht von einem älteren Geschwisterpaar, das scheinbar zögernd auf die Kaufangebote Condes eingeht. Aber Geldnot und Hunger zwingen sie, die Sammlung des ehemaligen Herrn, der in den USA verschollen ist, anzutasten. Aus einem der ersten Bücher, die Conde in die Hand nimmt, fällt ein vergilbter Zeitungsausschnitt, der das faszinierende Gesicht einer längst verstorbenen Bolerosängerin zeigt, deren Augen Mario Conde so sehr verzaubern, dass er ihre Lebensgeschichte aufklären will, vor allem ihre Beziehung zu diesem alten Adelshaus.
3. Und El Conde ist wieder in seinem Element: Er verfolgt Spuren, sammelt Material, ist in der alten Umgebung des Kommissariats und im vertrauten Kreis aller Freunde, die man lieb gewonnen hat. Es wird eine Spurensuche, die tief in die Geschichte dieser verschollenen, vergessenen Frau führt, in die Familiengeschichte des Besitzers von Haus und Bibliothek, Alcides de Montes de Oca, in die Lebensumstände der Haus und Bibliothek bewachenden Geschwister und ihrer uralten, kranken Mutter, in die politische Umbruchsphase der letzten Batista- und ersten Revolutionsjahre: Eine Geschichte einer verzehrenden Leidenschaft und eine Geschichte
des politschen Wandels und der gesellschaftlichen Veränderung, das eine Thema transportiert das andere, untrennbar verwoben mit ihm. Wie immer in guten Kriminalromanen gibt die Geschichte des Verbrechens einen vehementen Durchblick auf die herrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse.
4. Alle Register des Krimis werden souverän gezogen: Hetzjagd und Hinterhalt, Prügelei und Ermordung von Informanten, Befragung längst verschollen geglaubter Personen, Reaktivierung der Kontakte in die Unterwelt, ein Puzzle, in dem sorgfältig Stück an Stück gelegt wird, bis am Ende, als alles enträtselt ist, Mario Conde, seelisch und körperlich zerschunden, noch einmal die tiefe Stimme der Bolerosängerin Violeta del Rio hört, Du wirst dich an mich erinnern, wenn abends die Sonne versinkt" und das Glück erfährt, dass die alte Jugendliebe Tamara zu ihm kommt.
5. Man ist traurig am Ende des Romans darüber, dass man sicher für immer von El Conde, dem dünnen Carlos, dem Hasenzahn, Andres und dem roten Candito -sie alle ohne das Privileg, auch nur einen Tropfen parteiführenden Blutes in ihren plebeijschen Venen zu haben"- und der großartigen Josefina, der Mutter des Dünnen", dem im unsinnigen Krieg in Westafrika das Rückgrat zerschossen worden war, Abschied nehmen muß. Man kann sich, auch wenn man sich dies wünscht, keine Fortsetzung vorstellen. Abschiedsschmerz nach Paduras sorgfältigstem, vielfältigstem, größtem Roman.