Edgar Hilsenrath schreibt ein Buch, dessen Rezensionsgeschichte eine bezeichnede ist. Erst nach 50 Einreichungen wird es gedruckt. Warum?
Der Roman ist in 6 Bücher unterteilt. Das erste hebt sich vom Rest ab, so als sei es erheblich früher oder später geschrieben und erst nachträglich auf den Roman zugeschnitten. Wer nur das erste Buch gelesen hat, wird den Roman als unerträglich obszön abtun.
Und tut diesem Roman damit mehr als Unrecht.
Der Nazi und der Friseur ist ein unglaublich mutiges Buch. Es beschreibt brilliant, und dennoch kann der Leser sich nicht identifizieren, er bleibt staunender Zuschauer, den es schauert und graust, der lacht und sich amüsiert, den es kalt überläuft, der von seiner eigenen Moral geschüttelt wird.
Zum Inhalt: Der spätere Nazi ist ein mißbrauchtes Kind aus ärmlichen Verhältnissen, das in Gleichgültigkeit aufwächst, wenn auch nicht in echter Kälte. Sein bester Freund wird der Sohn der jüdischen und erfolgreichen Konkurrenz. Sie lernen zusammen im Gymnasium, sie beten zusammen jüdische Riten, sie werden gemeinsam Lehrling beim jüdischen Vater, sie wachsen auf wie Geschwister im Geiste.
Und doch ist der deutsche Junge allein durch seine Herkunft ein Verlierer und als solcher geht er zu einer Versammlung der SA, die auch sein ehemaliger Deutschlehrer besucht, der hellsichtig bemerkt, dass sich auf diesem Feld die Getretenen versammelt haben, um Gelegenheit zu bekommen, wieder zu treten.
Der Junge wechselt zur SS, weil dort alle Intelligenten landen, sein Stiefvater muss bei der SA verbleiben. Mit der SS geht der Junge nach Polen und erschießt dort Tausende, Zehntausende von Juden. Wahrscheinlich auch die jüdische Familie, die ihn so viel gelehrt hatte.
Der Nazi, er selbst nennt sich fortan Massenmörder Max Schulz, nimmt auf der Flucht vor den Russen die Identität seines Jugendfreundes an, er wird monatelang im polnischen Wald von einer Frau missbraucht, ihm gelingt die Flucht und er wird zum erfolgreichen Schwarzhändler mit jüdischen Kontakten. Er setzt mit einem Seelenverkäufer, der statt der Maximalbeslastung von 700 doch 1600 Flüchtlinge mitnimmt, nach Israel, damals noch unter britischen Protektorat, über. Er wird wieder Friseur, wird zum jüdischen Terroristen für die Befreiung von den Engländern - für ein Israel für die Juden. Ein Weg, der durch seine kühle Logik erschauern lässt.
Alles was dieser Mann tut, tut er ohne große Gefühlsregungen. Nein, seine Frau, die nach dem Lager an unstillbarer Fresssucht leidet, die kann als einzige ihm Gefühle entlocken. Alles was dieser Mann tut, tut er so gut er kann, daraus zieht er seine Menschenwürde: Max Schulz ist ein guter Schüler, ein guter Jude, ein guter Friseur, ein guter Massenmörder, ein guter Schwarzhändler, ein guter Terrorist. Nie begehrt er auf, nie verlangt er etwas vom Schicksal, immer erfüllt er die Anforderungen mit all seinen Kräften. Er lässt sich treiben und treibt nicht.
Insofern könnte der Titel irreführend sein: Dieser Nazi ist kein Gestalter, er handelt, weil das halt so ist, und wenn er handelt, macht er seine Sache gut. - Schuldgefühle hat er, aber nicht wegen seiner Taten, sondern weil keiner in Israel vermutet, er sei der gesuchte Massenmörder Max Schulz.
Selten hat mich ein Buch so berührt, so geschüttelt. Es ist ein ganz und gar grausliges Buch - aber erst, wenn man es aus der Hand legt und sich darüber klar wird, wie schnell das Leben aus einem Jungen einen Mann, aus einem Nazi einen Juden, aus einem Juden einen Terroristen machen kann, wenn man nichts will, außer in Ruhe leben und in Würde sein Leben leben und seinen Beruf erfüllen.
Es ist ein notwendiges Buch, das uns allen den Spiegel vorhalten kann: Sind wir auch so anspruchslos, könnte es uns nicht auch ähnlich ergehen, wenn wir um unser Leben fürchten? Hoffentlich wären wir die mit Mut und Verve? Würden wir die Zeichen erkennen und rückwärts rudern? Wirklich? Wie gesagt: Es ist ein ganz und gar grausliges Buch und ein Nobelpreisverdächtiges noch dazu.