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Produktinformation
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Der Naumburger Dom aus neuer Sicht
Unter den grossen historischen Bauwerken in den neuen Bundesländern, die seit der Wende wieder in die Nähe gerückt sind, ist der Naumburger Dom wohl das berühmteste. Auch die kunsthistorische Fachwelt bekundet ein wachsendes Interesse am Naumburger Dom. So war es an der Zeit, die vielen einzelnen Beobachtungen und Erkenntnisse in einer umfassenden, auf den neuesten Stand der Forschung gebrachten Monographie zu sammeln und zu werten. Niemand war dazu berufener als der Historiker und Kunsthistoriker Ernst Schubert, der sich seit 40 Jahren in zahlreichen Veröffentlichungen mit dem Naumburger Dom auseinandergesetzt hat. Seit 20 Jahren Dechant des Domkapitels, trägt er überdies die denkmalpflegerische Verantwortung für das Bauwerk und seine Ausstattung. Bereits vor 30 Jahren hat Schubert eine für einen breiten Leserkreis bestimmte Monographie des Naumburger Doms veröffentlicht (NZZ 3. 12. 1969). Als einer der wenigen Geisteswissenschafter der ehemaligen DDR, die nie den geringsten Kompromiss mit der staatlich verordneten Weltanschauung eingingen, kann Ernst Schubert zu seinen früheren Forschungen uneingeschränkt stehen.
Summe des heutigen Wissensstandes
Dennoch handelt es sich bei dem hier anzuzeigenden Buch keineswegs um eine auf den derzeitigen Wissensstand gebrachte Neufassung der Monographie von 1968. Der Text wurde völlig neu geschrieben und berücksichtigt alle heutigen Forschungsansätze, die unser Bild der mittelalterlichen Kunst vielfältiger erscheinen lassen. Mehr noch als in der alten Monographie gibt Schubert eine umfassende Dokumentation über die Architektur, die Skulptur und die gesamte Ausstattung des Domes, wobei sowohl die Restaurierungen als auch die nachmittelalterlichen und selbst die in unseren Tagen geschaffenen Kunstwerke mit einbezogen werden.
Der Autor bringt das Kunststück fertig, anhand der Beschreibung von Baugestalt und Bildwerken die Bedeutung des Naumburger Doms innerhalb der mittelalterlichen Geschichte darzustellen. Nach einer kurzen Einleitung, welche die Gründung des Bistums ein im 10. und 11. Jahrhundert gegen die Slawen gerichteter Aussenposten des Reiches in Erinnerung ruft, verzichtet er auf die sonst übliche Trennung zwischen Historie und Kunstwissenschaft. Der Dom, seine Architektur und seine Figuren stehen für die Geschichte. Dass trotzdem die ästhetische Seite nicht zu kurz kommt, liegt in der besonderen Fähigkeit des Autors begründet, visuelle Phänomene adäquat zu umschreiben. Ein Beispiel: «Die stilisierten Pflanzen scheinen den Saft des Lebens eingesogen zu haben und in verhaltene, dynamische Bewegung zu geraten» (S. 24). Kann man spätromanische Kapitellplastik an der Schwelle zur Gotik treffender charakterisieren?
Die heutige Gestalt des Naumburger Doms, die in den Formen des 13. Jahrhunderts eine zweipolige Anlage der Frühromanik mit Ost- und Westchor rezipiert, ist nur verständlich, wenn man weiss, dass der gotische Westchor eine Marienkirche aus dem 11. Jahrhundert ersetzt, die neben dem Dom stand. Diese war von den Gründern des Domstifts als Grab- und Memorienstätte errichtet worden. Es befanden sich also seit dem 13. Jahrhundert zwei kirchliche Organismen unter einem Dach. Zum einen erklärt dies die Existenz zweier Kreuzgänge, zum anderen die figürliche Ausschmückung des Westchors. Die berühmten Stifterfiguren sind nichts anderes als der Ersatz für die beim Neubau aufgegebenen Grabstellen von Persönlichkeiten des 10. und 11. Jahrhunderts. Das ausdrucksgeladene Gebärden- und Mienenspiel der Bildwerke rührt daher, dass sie längst verstorbene hohe Adelige, deren im Gebet stets gedacht werden musste, aus der Vergangenheit heraufbeschwören. Dank ihrer lebensnahen Verbildlichung konnten die Stifter ohne weiteres in den Ablauf liturgischer Handlungen einbezogen werden, wofür es mehrere Indizien gibt.
Erst die von Schubert vorgelegte ganzheitliche Interpretation des Bauwerks, welche die Frage nach dem Verhältnis zwischen Funktion und Form stellte, löste endgültig das Rätsel der Naumburger Figuren. Auch die Dramatik der Passionsreliefs am Westlettner findet so ihre Erklärung. Diese Schranke war nicht wie alle anderen mittelalterlichen Lettner für den liturgischen Gebrauch bestimmt, sondern sie bildet die ins Innere gewendete Portalfassade des Westchors. Dass ihr Skulpturenprogramm derart eindringlich die Erlösung der Menschheit durch Christus vor Augen führt, hängt mit der Funktion des Westchors als Stätte ständiger Fürbitte für die Verstorbenen zusammen.
Gelungene photographische Wiedergabe
Die von Janos Stekovics hergestellten Abbildungen sind ausnahmslos farbig. Zwischen Gesamtaufnahmen und Details herrscht ein idealer Ausgleich. Der Architekturhistoriker wünschte sich ein paar zusätzliche Tafeln mit einzelnen Baugliedern und vor allem eine überschaubarere Gesamtansicht des Äusseren als diejenige auf der hinteren Umschlagseite. Alle Aufnahmen verdienen indessen höchstes Lob. Statt der heute gängigen Effekthascherei strebte der Photograph eine einwandfreie Bilddokumentation an. Die Lichtführung ist stets ausgeglichen, und wo mit Kunstlicht gearbeitet wird, gleicht sich dieses dem Tageslicht an. So erscheinen Architektur und Bildwerke weder zu flach noch allzu kontrastreich, und ihre Polychromie tritt deutlich hervor. Noch nie wurden die Naumburger Figuren so abgebildet. Mit Erstaunen erkennt man, wie unglaublich viel von der originalen Farbfassung bzw. ihrer spätmittelalterlichen Erneuerung noch erhalten ist. Ebenso glücklich ist die Wahl der Bildausschnitte. Die grossenteils in den Hauptachsen aufgenommenen Innenansichten bringen den Raum zum Atmen. Bei den Gesamtaufnahmen der Figuren hat der Photograph das nötige Umfeld berücksichtigt, nämlich die für gotische Bildwerke dieser Zeit unabdingbaren Konsolen, Baldachine, ferner die architektonische Rahmung durch Säulchen, Arkaden und Friese. Mit einem Blick erkennt man, wie sehr die Monumentalskulptur der Gotik in den übergeordneten Kontext des Bauwerks eingebunden ist. Das ist gerade auch bei den Naumburger Stifterfiguren der Fall, obwohl sie innerhalb der Bildhauerei ihrer Zeit ein Höchstmass an wirklichkeitsnaher Verlebendigung der menschlichen Gestalt vor Augen führen. Dieses Spannungsverhältnis eindrücklich ins Bild eingefangen zu haben kann dem Photographen nicht hoch genug angerechnet werden.
Mit den hervorragenden Abbildungen und der sorgfältigen Ausstattung des Bandes haben Photograph und Verlag dem Autor, der in diesen Tagen 70 Jahre alt geworden ist, ein ausgesprochen schönes Geburtstagsgeschenk gemacht. Selten hat ein erstklassiger wissenschaftlicher Text, der sich sowohl an die Fachwelt als auch an einen grösseren Leserkreis wendet, eine derart adäquate Illustration erhalten.
Peter Kurmann
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