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Die Forderung nach standrechtlichen Maßnahmen wich ab 1944 überwiegend der Auffassung, daß eine ordentliche Strafverfolgung in rechtsstaatlichem Rahmen Vergeltung und Willkür vorzuziehen sei. Das bisherige Völkerrecht versagte jedoch hinsichtlich der Legitimität einer juristischen Würdigung durch die Siegermächte. Es mußten innovative Rechtsinstrumente her, und so wurden die NS-Verbrechen als Verschwörung (conspiracy) gedeutet, im anglo-amerikanischen Recht ein durchaus brauchbarer Straftatbestand. Darüber hinaus lautete die Anklage auf systematische Vorbereitung eines Angriffskrieges. Beide Punkte waren die tragenden Säulen der Nürnberger Prozesse.
Über die Notwendigkeit der Einrichtung des Gerichtshofes kann es, auch wenn juristische Mängel bestanden, keinen Zweifel geben: Der Nationalsozialismus war ja nicht vom deutschen Volk überwunden und beseitigt worden, und die Abrechnung mit den führenden Nazis und ihren Handlangern -- die Hauptkriegsverbrecher, die Angeklagten der zwölf Nachfolgeprozesse sowie das "einfache Mordpersonal" der Dachauer Prozesse -- konnte somit auch nicht in deutscher Verantwortung erfolgen.
Der erhoffte erzieherische Effekt stellte sich bei der breiten Bevölkerung, die die Urteilssprüche höchstens als Reinwaschung von der eigenen Schuld begrüßte, kaum ein. Immerhin erbrachten die alliierten Verfahren eine Quellenlage, von der die Geschichtswissenschaft bis heute zehrt. Das Nürnberger Tribunal war "die größte politologische und historische Forschungsstätte, die jemals existiert hat". Im vorliegenden Buch wird erfolgreich die Anstrengung unternommen, den Inhalt der äußerst umfangreichen Aktenbestände auf geringen Raum zu komprimieren und dennoch die Kernaussagen allgemeinverständlich herauszustellen. Ein empfehlenswerter Einstieg ins Thema. --Jürgen Grande
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