Kurzbeschreibung
Voller Ungeduld wartet das bengalische Ehepaar Ashima und Ashoke auf einen Brief von der Großmutter aus Kalkutta. Denn sie muss für den Erstgeborenen des nach Amerika ausgewanderten Paares einen Namen auswählen, so will es die Tradition. Doch welcher Name dem Enkel zugedacht war, wird die Familie nie erfahren. Der Brief ist verloren gegangen und die Großmutter kurz nach der Geburt gestorben. Ashoke nennt seinen Sohn aus einem Impuls heraus Gogol, nach Nikolai Gogol, seinem Lieblingsautor. So beginnt der Junge sein Leben unter falschen Vorzeichen. Eine großes Unglück, glauben seine Eltern, denn nur der richtige, der schicksalhafte Name kann dem Leben Halt geben. Und schließlich wird es das Kind, das in einem fremden Land aufwachsen muss, schon schwer genug haben.
Ashima und Ashoke setzen alles daran, ihren Sohn in der indischen Kultur zu verwurzeln. Doch für Gogol gilt nur eines: Er möchte ein richtiger Amerikaner werden. Er drängt seine Eltern dazu, Thanksgiving zu feiern und isst lieber Roastbeef statt Samosas. Später studiert er Architektur, hat immer wieder neue Freundinnen und trinkt Alkohol - alles gegen den Willen der Eltern. Bis sein Vater stirbt. Mit Ashokes Tod beginnt Gogols so umsichtig konstruierte amerikanische Fassade zu bröckeln.
Ashima und Ashoke setzen alles daran, ihren Sohn in der indischen Kultur zu verwurzeln. Doch für Gogol gilt nur eines: Er möchte ein richtiger Amerikaner werden. Er drängt seine Eltern dazu, Thanksgiving zu feiern und isst lieber Roastbeef statt Samosas. Später studiert er Architektur, hat immer wieder neue Freundinnen und trinkt Alkohol - alles gegen den Willen der Eltern. Bis sein Vater stirbt. Mit Ashokes Tod beginnt Gogols so umsichtig konstruierte amerikanische Fassade zu bröckeln.
Klappentext
"Lahiris Sätze sind einfach, elegant und voller suggestiver Kraft."
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Frankfurter Allgemeine Zeitung
"Die Erzählungen sind auf ganz wundersam warme Weise melancholisch. Ein besonderer Zauber liegt über 'Melancholie der Ankunft'."
Cosmopolitan
"Der Namensvetter erfüllt mehr als alle Erwartungen an die Pulitzerpreisträgerin Jhumpa Lahiri. [...] Es ist ihr gelungen, den unvergesslich schönen Ton, der ihre Erzählungen charakterisiert, erneut erklingen zu lassen und ihn zusammen mit den Themen ihrer Prosa, Exil und Identität, zu einem großen Werk zu orchestrieren. Doch dieses Mal hat sie nicht nur Kammermusik komponiert, Der Namensvetter ist eine Symphonie."
New York Times
Über den Autor
Jhumpa Lahiri wurde als Tochter bengalischer Eltern in London geboren und wuchs in Rhode Island, USA, auf. Ihre Erzählungen erschienen in namhaften Zeitschriften und erhielten bedeutende Literaturpreise, u.a. den Pulitzerpreis und den New Yorker Book Award für das beste Debüt. Lahiri lebt in New York.
Auszug aus Der Namensvetter von Jhumpa Lahiri, Barbara Heller. Copyright © 2003. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
1968
An einem schwülen Augustabend zwei Wochen vor dem er rechneten Termin steht Ashima Ganguli in der Küche ihrer Wohnung am Central Square und mischt Reiskrispies mit Planter's-Erdnüssen und gehackten roten Zwiebeln in einer Schale. Sie gibt Salz, Zitronensaft und fein geschnittene grüne Chilischoten dazu und bedauert, dass sie kein Senföl hat.
Ihre ganze Schwangerschaft hindurch hat sie diese Mischung gegessen, eine bescheidene Annäherung an das, was man reichlich und zu einem Spottpreis in aus Zeitungspapier gefalteten Tüten in Kalkutta auf der Straße und auf den Bahnhöfen in ganz Indien bekommt. Selbst jetzt, da kaum noch Platz in ihr ist, hat sie Heißhunger darauf. Sie schüttet etwas davon in die hohle Hand, kostet und runzelt die Stirn; wie immer fehlt etwas. Sie schaut mit leerem Blick auf die Leiste über der Arbeitsfläche, an der ihre Kochgeräte hängen, alle mit einer dünnen Fettschicht überzogen. Mit dem losen Ende ihres Saris wischt sie sich den Schweiß von der Stirn. Ihre geschwollenen Füße, die sich von dem grau gesprenkelten Linoleum abheben, schmerzen. Ihr Becken schmerzt vom Gewicht des Babys. Sie öffnet einen Schrank, dessen Fächer mit schmutzigem, gelb-weiß kariertem Papier ausgeschlagen sind, das sie schon lange erneuern will, und nimmt noch eine Zwiebel heraus. Als sie die spröde Schale abzieht, runzelt sie von neuem die Stirn. Eine seltsame Wärme strömt in ihren Bauch, gefolgt von einem so heftigen Ziehen, dass sie sich krümmt, einen stummen Schrei ausstößt und die Zwiebel fallen lässt.
Das Gefühl geht vorbei, aber gleich darauf folgt ein länger anhaltender, schmerzhafter Krampf. Im Badezimmer entdeckt sie eine dicke bräunliche Blutspur in ihrem Slip. Sie ruft nach ihrem Mann Ashoke, Doktorand der Elektrotechnik am Massachusetts Institute of Technology, der im Schlafzimmer arbeitet. Er sitzt über einen Klapptisch gebeugt; als Stuhl dient ihm das Bett, zwei schmale aneinander geschobene Matratzen unter einem rot-violetten Batiküberwurf. Ashima nennt Ashoke nicht bei seinem Namen. Auch wenn sie an ihn denkt, kommt ihr sein Name nicht in den Sinn, obwohl sie ihn natürlich weiß. Seinen Familiennamen hat sie angenommen, aber sie wagt es aus Anstand nicht, seinen Vornamen zu gebrauchen. Bengalische Ehefrauen tun das nicht. Wie ein Kuss oder eine Liebkosung in einem Hindi-Film ist der Name des Ehemannes etwas Intimes und deshalb Unausgesprochenes, geschickt Verschleiertes. Und so richtet sie, statt Ashokes Namen auszusprechen, eine Frage an ihn, die man ungefähr mit »Hörst du mir zu?« übersetzen könnte.
Bei Tagesanbruch rufen sie ein Taxi, das sie durch die ausgestorbenen Straßen von Cambridge fährt, die Massachusetts Avenue hinauf und am Harvard Yard vorbei zum Mount Auburn Hospital. Ashimas Personalien werden aufgenommen, sie beantwortet Fragen nach Häufigkeit und Dauer der Wehen, und Ashoke füllt die Formulare aus. Sie wird in einen Rollstuhl gesetzt, durch die schimmernden, hell erleuchteten Flure gefahren und mit Schwung in einen Aufzug geschoben, der größer ist als ihre Küche. Auf der Entbindungsstation wird ihr in einem Zimmer am Ende des Flurs ein Bett am Fenster zugewiesen. Sie wird aufgefordert, ihren Sari aus Murshidabad-Seide gegen ein geblümtes Baumwollnachthemd zu tauschen, das nur bis zu den Knien reicht, was ihr ein wenig peinlich ist. Eine Krankenschwester bietet ihr an, den Sari für sie zusammenzufalten, stopft ihn dann aber, entnervt von dem sechs Meter langen, glatten Stoff, irgendwie in ihren blau-grauen Koffer. Ihr Gynäkologe, ein hagerer, gut aussehender Mann, ein Mountbatten-Typ mit feinem sandfarbenem, zurückgekämmtem Haar, kommt herein und untersucht sie. Der Kopf des Kindes liege richtig, sagt Dr. Ashley, und habe sich schon ein wenig gesenkt, der Muttermund sei drei Zentimeter geöffnet und bereits verstrichen. »Was heißt das?«, fragt Ashima. Er führt zwei Finger aneinander und wieder auseinander, um ihr das Unvorstellbare zu erklären, das ihr Körper tun muss, damit das Baby herauskann. Es werde noch einige Zeit dauern, sagte er, bei einer Erstgebärenden könnten es vierundzwanzig Stunden und mehr sein. Sie sucht Ashokes Gesicht, aber er ist hinter den Vorhang getreten, den der Arzt zugezogen hat. »Ich komme später wieder«, sagt er auf Bengali zu ihr, und eine Schwester sagt: »Keine Sorge, Mr. Ganguli, es ist noch lange nicht so weit. Von jetzt an kümmern wir uns um sie.«
Jetzt ist sie allein, durch Vorhänge von den drei anderen Frauen im Zimmer getrennt. Eine heißt Beverly, wie sie Gesprächsfetzen entnimmt, eine andere Lois, und links von ihr liegt Carol. »Verdammt, verdammt, das ist ja furchtbar«, sagt eine von ihnen. Dann eine Männerstimme: »Ich liebe dich, mein Schatz.«
Worte, die Ashima von ihrem Mann noch nie gehört hat und auch nicht zu hören erwartet; sie sind nicht so. Zum ersten Mal in ihrem Leben schläft sie allein, von Fremden umgeben; ihr Leben lang hat sie entweder im Zimmer ihrer Eltern oder neben Ashoke gelegen. Sie wünscht, die Vorhänge wären offen, und sie könnte mit den amerikanischen Frauen reden. Vielleicht hat eine von ihnen schon einmal ein Kind bekommen und könnte ihr sagen, was auf sie zukommt. Aber sie hat gehört, dass die Amerikaner großen Wert auf ihre Privatsphäre legen, trotz ihrer öffentlichen Sympathiebekundungen, trotz ihrer Miniröcke und Bikinis und obwohl sie auf der Straße Händchen halten und auf dem Cambridge Common aufeinander liegen. Sie spreizt die Finger auf der riesigen, strammen Trommel, zu der ihr Bauch geworden ist. Wo die Füße und Hände des Babys im Moment wohl sind? Es ist jetzt nicht mehr unruhig; in den vergangenen Tagen hat es, von einem gelegentlichen Flattern abgesehen, nicht mehr gestoßen, geboxt oder sich gegen ihre Rippen gedrückt. Sie fragt sich, ob sie die einzige Inderin im Krankenhaus sei, doch dann erinnert ein leichtes Zucken des Babys sie daran, dass sie genau genommen ja nicht allein ist. Es ist seltsam, denkt sie, dass ihr Kind an einem Ort geboren wird, an dem man normalerweise leidet oder stirbt. Die cremefarbenen Fliesen, die cremefarbenen Deckenplatten, die straff gespannten weißen Laken haben nichts, was sie trösten könnte. In Indien, denkt sie, gehen die Frauen zu ihren Eltern, wenn sie ein Kind zur Welt bringen, fort von Ehemann, Schwiegereltern und Hausarbeit, ziehen sich für eine Weile in die Kindheit zurück, wenn das Baby kommt.
Eine Wehe setzt ein, heftiger als die vorhergehende. Ashima schreit auf, drückt den Kopf ins Kissen. Ihre Finger umklammern die kühlen Bettstreben. Niemand hört sie, keine Schwester kommt herbeigeeilt. Sie soll die Wehendauer messen, hat man ihr gesagt, und so schaut sie auf ihre Armbanduhr, ein Abschiedsgeschenk ihrer Eltern, das sie ihr, als sie sie zuletzt gesehen hat, inmitten von Trubel und Tränen auf dem Dum-Dum-Flughafen übers Handgelenk gestreift haben. Erst im Flugzeug - sie saß zum ersten Mal in ihrem Leben in einer Boac Vickers VC-10, deren ohrenbetäubenden Start sechsundzwanzig Mitglieder ihrer Familie von der Aussichtsplattform aus verfolgten -, erst als sie über Gegenden Indiens schwebte, in denen sie noch nie gewesen war, und dann noch weiter, als Indien schon hinter ihr lag, bemerkte sie die Uhr zwischen den Kaskaden ihrer Hochzeitsarmreife: Metall, Gold, Korallen, Muscheln. Jetzt hat sie noch zusätzlich ein beschriftetes Plastikarmband mit einem Schildchen, das sie als Patientin des Krankenhauses ausweist. Sie trägt die Uhr mit dem Zifferblatt auf der Innenseite ihres Handgelenks. Auf der Rückseite sind ihre ehelichen Initialen eingraviert: »A. G.«, umgeben von den Wörtern »wasserdicht«, »antimagnetisch« und »stoßfest«.
Amerikanische Sekunden ticken an ihrem Puls. Eine halbe Minute lang spannt sich ein Band aus Schmerz um ihren Bauch, ein Schmerz, der in ihren Rücken ausstrahlt und die Beine hinabschießt. Dann lässt er nach. Mithilfe ihrer Hände rechnet sie die indische Zeit aus. Sie berührt mit der Daumenspitze jede Sprosse der braunen Leitern auf ihren Fingerrücken und hält auf dem Mittelfinger inne: Neuneinhalb Stunden später ist es in Kalkutta, schon Abend, halb neun. In der Küche ihrer Eltern in der Amherst Street gießt in diesem Augenblick ein Diener den Abendtee in dampfende Gläser und stellt Maria-Kekse auf ein Tablett. Ihre Mutter, die sehr bald Großmutter sein wird, steht vor dem Spiegel ihres Frisiertischs und entwirrt ihr hüftlanges Haar, das noch immer mehr schwarz als grau ist. Ihr Vater sitzt am Fenster über seinen Tisch mit der geneigten, tintenfleckigen Platte gebeugt und zeichnet, raucht, hört Die Stimme Amerikas. Ihr jüngerer Bruder Rana sitzt auf dem Bett und lernt für eine Physikprüfung. Sie sieht den grauen Zementboden im Wohnzimmer ihrer Eltern genau vor sich, spürt die immer gleich bleibende Kühle unter den Füßen, die der Boden selbst an den heißesten Tagen ausstrahlt. Ein riesiges Schwarz-Weiß-Foto ihres Großvaters väterlicherseits hängt an der rosa getünchten Wand; gegenüber, hinter trüben Glasscheiben, eine mit Büchern, Papieren und den Aquarellfarbtöpfen ihres Vaters voll gestopfte Nische. Einen Moment lang verflüchtigt sich das Gewicht des Babys, verschwindet hinter der Szene, die sie vor sich sieht und die dann ebenfalls verschwindet hinter einem blauen Streifen des Charles River, dichten grünen Baumwipfeln, Autos, die den Memorial Drive hinauf- und hinunterfahren.
In Cambridge ist es elf Uhr vormittags, schon Essenszeit im vorgezogenen Tageslauf der Klinik. Ein Tablett mit warmem Apfelsaft, Götterspeise, Eis und kaltem Brathuhn wird ihr ans Bett gebracht. Patty, die freundliche Schwester mit dem Verlobungsbrillanten am Finger und dem rötlichen Pony, der unter ihrer Haube hervorschaut, erklärt Ashima, dass sie besser nur die Götterspeise essen und den Apfelsaft trinken solle. Das ist ihr ganz recht, sie hätte das Huhn ohnehin nicht angerührt. In Amerika isst man die Haut mit, doch vor kurzem hat sie einen netten Metzger in der Prospect Street entdeckt, der die Haut für sie entfernt. Patty kommt, um die Kissen aufzuschütteln, das Bett zu machen. Von Zeit zu Zeit streckt Dr. Ashley den Kopf durch die Tür. »Kein Grund zur Besorgnis«, säuselt er, hält ein Stethoskop an Ashimas Bauch, tätschelt ihr die Hand, bewundert ihre Armreife. »Alles völlig normal. Wir erwarten eine völlig normale Entbindung, Mrs. Ganguli.«
Aber für Ashima ist nichts normal. Seit anderthalb Jahren, seit sie in Cambridge lebt, ist überhaupt nichts mehr normal. Es sind nicht so sehr die Schmerzen, die wird sie irgendwie überstehen, das weiß sie. Es ist das, was danach kommt: Mutterschaft in einem fremden Land. Denn schwanger zu sein, morgens mit Übelkeit im Bett zu liegen, die schlaflosen Nächte, das dumpfe Pochen im Kreuz, die ständigen Toilettengänge, das alles war nur die eine Seite. Die ganze Zeit über hat sie, obwohl alles immer beschwerlicher wurde, über die Fähigkeit ihres Körpers, Leben hervorzubringen, gestaunt, wie ihre Mutter, ihre Großmütter und ihre Urgroßmütter vor ihr. Dass es so weit von daheim geschah, unbeaufsichtigt, unbeobachtet von denen, die sie liebt, hat das Wunder noch größer gemacht. Aber sie hat Angst davor, ihr Kind in einem Land aufzuziehen, in dem sie mit niemandem verwandt ist, über das sie so wenig weiß, in dem das Leben so zaghaft und karg scheint.
»Wie wär's mit einem kleinen Spaziergang? Das wird Ihnen gut tun«, sagt Patty, als sie das Essenstablett holen kommt.
Ashima blickt von einer zwei Jahre alten Ausgabe der Zeitschrift Desh auf. Sie hatte das Heft auf dem Flug nach Boston gelesen und bringt es deshalb nicht fertig, es wegzuwerfen. Die etwas rauen in Bengali-Schrift bedruckten Seiten bieten ihr immer wieder Trost. Sie hat die Kurzgeschichten, Gedichte und Artikel ein Dutzend Mal gelesen. Auf Seite elf ist eine Federzeichnung ihres Vaters, der als Illustrator für die Zeitschrift arbeitet: Die Skyline des nördlichen Kalkutta an einem nebligen Januarmorgen, vom Dach ihres Hauses aus gesehen. Sie stand hinter ihrem Vater, als er die Zeichnung anfertigte, betrachtete ihn, wie er sich über die Staffelei beugte, eine Zigarette im Mundwinkel, um die Schultern ein schwarzes Kaschmirtuch.
»Ja, gut«, sagt Ashima.
Patty hilft ihr aus dem Bett, streift ihr erst den einen, dann den anderen Hausschuh über, legt ihr ein zweites Nachthemd um die Schultern. »In ein paar Tagen haben Sie nur noch den halben Umfang«, sagt sie, während Ashima sich mühsam aufrichtet. »Können Sie sich das vorstellen?« Sie fasst Ashima am Arm, und zusammen gehen sie auf den Flur hinaus. Nach wenigen Schritten bleibt Ashima mit zitternden Beinen stehen. Eine neue Schmerzwelle steigt in ihr auf. Sie schüttelt den Kopf, ihre Augen füllen sich mit Tränen. »Ich kann nicht.«
»Doch. Drücken Sie meine Hand. Drücken Sie, so fest Sie wollen.«
Nach einer Weile gehen sie weiter, in Richtung Schwesternzimmer. »Was wünschen Sie sich - einen Jungen oder ein Mädchen?«, fragt Patty.
»Hauptsache, es hat zehn Finger und zehn Zeh«, erwidert Ashima. Denn diese anatomischen Details, diese speziellen Zeichen des Lebens kann sie sich am schwersten vorstellen, wenn sie das Baby in ihren Armen vor sich sieht.
Patty lächelt, etwas zu breit, und da bemerkt Ashima ihren Fehler, weiß, dass sie »Zehen« hätte sagen müssen. Es tut fast so weh wie die letzte Wehe. Sie hat Englisch studiert. In Kalkutta, vor ihrer Heirat, bereitete sie sich auf einen Universitätsabschluss vor. Sie gab Kindern aus der Nachbarschaft Nachhilfestunden, in ihren Häusern, auf ihren Terrassen, auf ihren Betten, half ihnen, Tennyson und Wordsworth auswendig zu lernen, Wörter wie sign und cough richtig auszusprechen, den Unterschied zwischen dem aristotelischen und dem shakespeareschen Drama zu begreifen. Auf Bengali kann Zeh auch Zehen bedeuten.
Eines Tages, als sie vom Unterricht nach Hause kam, empfing ihre Mutter sie an der Tür und sagte, sie solle gleich in ihr Zimmer gehen und sich zurechtmachen, ein Mann erwarte sie. Es war der Dritte in drei Monaten. Der Erste war ein Witwer mit vier Kindern gewesen, der Zweite, ein Zeitungskarikaturist, der ihren Vater kannte, hatte bei einem Busunglück den linken Arm verloren. Zu ihrer großen Erleichterung hatten beide sie nicht gewollt. Sie war neunzehn und noch mitten im Studium, sie hatte es nicht eilig, Braut zu werden. Gehorsam, aber ohne irgendwelche Erwartungen löste sie ihr Haar und flocht es neu, wischte den Kajalstift ab, der unter ihren Augen verschmiert war, und trug mit einer Quaste Cuticura-Puder auf. Sie legte den hauchdünnen, papageiengrünen Sari, den ihre Mutter auf dem Bett bereitgelegt hatte, in Falten und steckte ihn in ihren Unterrock. Vor der Wohnzimmertür blieb sie stehen. »Sie kocht gern«, hörte sie ihre Mutter sagen, »und sie kann ausgezeichnet stricken. Mit der Jacke, die ich anhabe, war sie nach einer Woche fertig.«
Ashima musste über die Geschäftstüchtigkeit ihrer Mutter lächeln; sie hatte für die Jacke fast ein Jahr gebraucht, und selbst dann hatte ihre Mutter noch die Ärmel stricken müssen. Sie sah zu Boden, dorthin, wo die Gäste ihre Schuhe abzustellen pflegten. Neben zwei Paar Chappals standen dort Herrenschuhe, die anders aussahen als alle, die sie je in den Straßen, Bussen oder Straßenbahnen von Kalkutta oder bei Bata im Schaufenster gesehen hatte. Sie waren braun, mit schwarzen Absätzen und cremeweißen Senkeln und Ziernähten. An den Seiten war ein Streifen linsengroßer Löcher eingeprägt, und die Spitzen waren mit einem hübschen Muster verziert, das aussah, als sei es mit einer Nadel in das Leder gestochen worden. Ashima schaute genauer hin und entdeckte innen den Namen des Herstellers, in kaum noch erkennbaren goldenen Lettern: Soundso und Söhne. Auch die Größe stand da, achteinhalb, und die Buchstaben USA. Und während ihre Mutter weiter ihr Loblied sang, konnte Ashima einem plötzlichen, überwältigenden Drang nicht widerstehen und stieg in die Schuhe hinein. Schweiß von den Füßen des Besitzers mischte sich mit ihrem, und ihr Herz klopfte heftig; noch nie hatte sie etwas erlebt, was der Berührung eines Mannes näher gekommen wäre. Das dicke, zerfurchte Leder war noch warm. Am linken Schuh hatte der Schnürsenkel auf seinem Zickzackweg ein Loch ausgelassen, ein Versehen, das ihr die Befangenheit nahm.
Sie streifte die Schuhe ab und betrat das Zimmer. Der Mann saß in einem Rattansessel, seine Eltern auf dem Rand des Bettes, in dem ihr Bruder nachts schlief. Er war ein wenig füllig, von etwas gelehrtenhaftem Aussehen, aber noch jung, mit einer dicken, schwarzen Brille auf der vorspringenden Nase. Sein sauber gestutzter Schnurrbart ging in einen Kinnbart über und verlieh ihm eine elegante, irgendwie aristokratische Note. Er trug braune Socken, braune Hosen und ein grün-weiß gestreiftes Hemd und blickte düster auf seine Knie hinab.
Er schaute nicht auf, als sie hereinkam, doch während sie den Raum durchquerte, spürte sie seinen Blick. Bis sie wieder verstohlen zu ihm hinsehen konnte, fixierte er erneut teilnahmslos seine Knie. Er räusperte sich, als wolle er etwas sagen, schwieg aber weiterhin.
An einem schwülen Augustabend zwei Wochen vor dem er rechneten Termin steht Ashima Ganguli in der Küche ihrer Wohnung am Central Square und mischt Reiskrispies mit Planter's-Erdnüssen und gehackten roten Zwiebeln in einer Schale. Sie gibt Salz, Zitronensaft und fein geschnittene grüne Chilischoten dazu und bedauert, dass sie kein Senföl hat.
Ihre ganze Schwangerschaft hindurch hat sie diese Mischung gegessen, eine bescheidene Annäherung an das, was man reichlich und zu einem Spottpreis in aus Zeitungspapier gefalteten Tüten in Kalkutta auf der Straße und auf den Bahnhöfen in ganz Indien bekommt. Selbst jetzt, da kaum noch Platz in ihr ist, hat sie Heißhunger darauf. Sie schüttet etwas davon in die hohle Hand, kostet und runzelt die Stirn; wie immer fehlt etwas. Sie schaut mit leerem Blick auf die Leiste über der Arbeitsfläche, an der ihre Kochgeräte hängen, alle mit einer dünnen Fettschicht überzogen. Mit dem losen Ende ihres Saris wischt sie sich den Schweiß von der Stirn. Ihre geschwollenen Füße, die sich von dem grau gesprenkelten Linoleum abheben, schmerzen. Ihr Becken schmerzt vom Gewicht des Babys. Sie öffnet einen Schrank, dessen Fächer mit schmutzigem, gelb-weiß kariertem Papier ausgeschlagen sind, das sie schon lange erneuern will, und nimmt noch eine Zwiebel heraus. Als sie die spröde Schale abzieht, runzelt sie von neuem die Stirn. Eine seltsame Wärme strömt in ihren Bauch, gefolgt von einem so heftigen Ziehen, dass sie sich krümmt, einen stummen Schrei ausstößt und die Zwiebel fallen lässt.
Das Gefühl geht vorbei, aber gleich darauf folgt ein länger anhaltender, schmerzhafter Krampf. Im Badezimmer entdeckt sie eine dicke bräunliche Blutspur in ihrem Slip. Sie ruft nach ihrem Mann Ashoke, Doktorand der Elektrotechnik am Massachusetts Institute of Technology, der im Schlafzimmer arbeitet. Er sitzt über einen Klapptisch gebeugt; als Stuhl dient ihm das Bett, zwei schmale aneinander geschobene Matratzen unter einem rot-violetten Batiküberwurf. Ashima nennt Ashoke nicht bei seinem Namen. Auch wenn sie an ihn denkt, kommt ihr sein Name nicht in den Sinn, obwohl sie ihn natürlich weiß. Seinen Familiennamen hat sie angenommen, aber sie wagt es aus Anstand nicht, seinen Vornamen zu gebrauchen. Bengalische Ehefrauen tun das nicht. Wie ein Kuss oder eine Liebkosung in einem Hindi-Film ist der Name des Ehemannes etwas Intimes und deshalb Unausgesprochenes, geschickt Verschleiertes. Und so richtet sie, statt Ashokes Namen auszusprechen, eine Frage an ihn, die man ungefähr mit »Hörst du mir zu?« übersetzen könnte.
Bei Tagesanbruch rufen sie ein Taxi, das sie durch die ausgestorbenen Straßen von Cambridge fährt, die Massachusetts Avenue hinauf und am Harvard Yard vorbei zum Mount Auburn Hospital. Ashimas Personalien werden aufgenommen, sie beantwortet Fragen nach Häufigkeit und Dauer der Wehen, und Ashoke füllt die Formulare aus. Sie wird in einen Rollstuhl gesetzt, durch die schimmernden, hell erleuchteten Flure gefahren und mit Schwung in einen Aufzug geschoben, der größer ist als ihre Küche. Auf der Entbindungsstation wird ihr in einem Zimmer am Ende des Flurs ein Bett am Fenster zugewiesen. Sie wird aufgefordert, ihren Sari aus Murshidabad-Seide gegen ein geblümtes Baumwollnachthemd zu tauschen, das nur bis zu den Knien reicht, was ihr ein wenig peinlich ist. Eine Krankenschwester bietet ihr an, den Sari für sie zusammenzufalten, stopft ihn dann aber, entnervt von dem sechs Meter langen, glatten Stoff, irgendwie in ihren blau-grauen Koffer. Ihr Gynäkologe, ein hagerer, gut aussehender Mann, ein Mountbatten-Typ mit feinem sandfarbenem, zurückgekämmtem Haar, kommt herein und untersucht sie. Der Kopf des Kindes liege richtig, sagt Dr. Ashley, und habe sich schon ein wenig gesenkt, der Muttermund sei drei Zentimeter geöffnet und bereits verstrichen. »Was heißt das?«, fragt Ashima. Er führt zwei Finger aneinander und wieder auseinander, um ihr das Unvorstellbare zu erklären, das ihr Körper tun muss, damit das Baby herauskann. Es werde noch einige Zeit dauern, sagte er, bei einer Erstgebärenden könnten es vierundzwanzig Stunden und mehr sein. Sie sucht Ashokes Gesicht, aber er ist hinter den Vorhang getreten, den der Arzt zugezogen hat. »Ich komme später wieder«, sagt er auf Bengali zu ihr, und eine Schwester sagt: »Keine Sorge, Mr. Ganguli, es ist noch lange nicht so weit. Von jetzt an kümmern wir uns um sie.«
Jetzt ist sie allein, durch Vorhänge von den drei anderen Frauen im Zimmer getrennt. Eine heißt Beverly, wie sie Gesprächsfetzen entnimmt, eine andere Lois, und links von ihr liegt Carol. »Verdammt, verdammt, das ist ja furchtbar«, sagt eine von ihnen. Dann eine Männerstimme: »Ich liebe dich, mein Schatz.«
Worte, die Ashima von ihrem Mann noch nie gehört hat und auch nicht zu hören erwartet; sie sind nicht so. Zum ersten Mal in ihrem Leben schläft sie allein, von Fremden umgeben; ihr Leben lang hat sie entweder im Zimmer ihrer Eltern oder neben Ashoke gelegen. Sie wünscht, die Vorhänge wären offen, und sie könnte mit den amerikanischen Frauen reden. Vielleicht hat eine von ihnen schon einmal ein Kind bekommen und könnte ihr sagen, was auf sie zukommt. Aber sie hat gehört, dass die Amerikaner großen Wert auf ihre Privatsphäre legen, trotz ihrer öffentlichen Sympathiebekundungen, trotz ihrer Miniröcke und Bikinis und obwohl sie auf der Straße Händchen halten und auf dem Cambridge Common aufeinander liegen. Sie spreizt die Finger auf der riesigen, strammen Trommel, zu der ihr Bauch geworden ist. Wo die Füße und Hände des Babys im Moment wohl sind? Es ist jetzt nicht mehr unruhig; in den vergangenen Tagen hat es, von einem gelegentlichen Flattern abgesehen, nicht mehr gestoßen, geboxt oder sich gegen ihre Rippen gedrückt. Sie fragt sich, ob sie die einzige Inderin im Krankenhaus sei, doch dann erinnert ein leichtes Zucken des Babys sie daran, dass sie genau genommen ja nicht allein ist. Es ist seltsam, denkt sie, dass ihr Kind an einem Ort geboren wird, an dem man normalerweise leidet oder stirbt. Die cremefarbenen Fliesen, die cremefarbenen Deckenplatten, die straff gespannten weißen Laken haben nichts, was sie trösten könnte. In Indien, denkt sie, gehen die Frauen zu ihren Eltern, wenn sie ein Kind zur Welt bringen, fort von Ehemann, Schwiegereltern und Hausarbeit, ziehen sich für eine Weile in die Kindheit zurück, wenn das Baby kommt.
Eine Wehe setzt ein, heftiger als die vorhergehende. Ashima schreit auf, drückt den Kopf ins Kissen. Ihre Finger umklammern die kühlen Bettstreben. Niemand hört sie, keine Schwester kommt herbeigeeilt. Sie soll die Wehendauer messen, hat man ihr gesagt, und so schaut sie auf ihre Armbanduhr, ein Abschiedsgeschenk ihrer Eltern, das sie ihr, als sie sie zuletzt gesehen hat, inmitten von Trubel und Tränen auf dem Dum-Dum-Flughafen übers Handgelenk gestreift haben. Erst im Flugzeug - sie saß zum ersten Mal in ihrem Leben in einer Boac Vickers VC-10, deren ohrenbetäubenden Start sechsundzwanzig Mitglieder ihrer Familie von der Aussichtsplattform aus verfolgten -, erst als sie über Gegenden Indiens schwebte, in denen sie noch nie gewesen war, und dann noch weiter, als Indien schon hinter ihr lag, bemerkte sie die Uhr zwischen den Kaskaden ihrer Hochzeitsarmreife: Metall, Gold, Korallen, Muscheln. Jetzt hat sie noch zusätzlich ein beschriftetes Plastikarmband mit einem Schildchen, das sie als Patientin des Krankenhauses ausweist. Sie trägt die Uhr mit dem Zifferblatt auf der Innenseite ihres Handgelenks. Auf der Rückseite sind ihre ehelichen Initialen eingraviert: »A. G.«, umgeben von den Wörtern »wasserdicht«, »antimagnetisch« und »stoßfest«.
Amerikanische Sekunden ticken an ihrem Puls. Eine halbe Minute lang spannt sich ein Band aus Schmerz um ihren Bauch, ein Schmerz, der in ihren Rücken ausstrahlt und die Beine hinabschießt. Dann lässt er nach. Mithilfe ihrer Hände rechnet sie die indische Zeit aus. Sie berührt mit der Daumenspitze jede Sprosse der braunen Leitern auf ihren Fingerrücken und hält auf dem Mittelfinger inne: Neuneinhalb Stunden später ist es in Kalkutta, schon Abend, halb neun. In der Küche ihrer Eltern in der Amherst Street gießt in diesem Augenblick ein Diener den Abendtee in dampfende Gläser und stellt Maria-Kekse auf ein Tablett. Ihre Mutter, die sehr bald Großmutter sein wird, steht vor dem Spiegel ihres Frisiertischs und entwirrt ihr hüftlanges Haar, das noch immer mehr schwarz als grau ist. Ihr Vater sitzt am Fenster über seinen Tisch mit der geneigten, tintenfleckigen Platte gebeugt und zeichnet, raucht, hört Die Stimme Amerikas. Ihr jüngerer Bruder Rana sitzt auf dem Bett und lernt für eine Physikprüfung. Sie sieht den grauen Zementboden im Wohnzimmer ihrer Eltern genau vor sich, spürt die immer gleich bleibende Kühle unter den Füßen, die der Boden selbst an den heißesten Tagen ausstrahlt. Ein riesiges Schwarz-Weiß-Foto ihres Großvaters väterlicherseits hängt an der rosa getünchten Wand; gegenüber, hinter trüben Glasscheiben, eine mit Büchern, Papieren und den Aquarellfarbtöpfen ihres Vaters voll gestopfte Nische. Einen Moment lang verflüchtigt sich das Gewicht des Babys, verschwindet hinter der Szene, die sie vor sich sieht und die dann ebenfalls verschwindet hinter einem blauen Streifen des Charles River, dichten grünen Baumwipfeln, Autos, die den Memorial Drive hinauf- und hinunterfahren.
In Cambridge ist es elf Uhr vormittags, schon Essenszeit im vorgezogenen Tageslauf der Klinik. Ein Tablett mit warmem Apfelsaft, Götterspeise, Eis und kaltem Brathuhn wird ihr ans Bett gebracht. Patty, die freundliche Schwester mit dem Verlobungsbrillanten am Finger und dem rötlichen Pony, der unter ihrer Haube hervorschaut, erklärt Ashima, dass sie besser nur die Götterspeise essen und den Apfelsaft trinken solle. Das ist ihr ganz recht, sie hätte das Huhn ohnehin nicht angerührt. In Amerika isst man die Haut mit, doch vor kurzem hat sie einen netten Metzger in der Prospect Street entdeckt, der die Haut für sie entfernt. Patty kommt, um die Kissen aufzuschütteln, das Bett zu machen. Von Zeit zu Zeit streckt Dr. Ashley den Kopf durch die Tür. »Kein Grund zur Besorgnis«, säuselt er, hält ein Stethoskop an Ashimas Bauch, tätschelt ihr die Hand, bewundert ihre Armreife. »Alles völlig normal. Wir erwarten eine völlig normale Entbindung, Mrs. Ganguli.«
Aber für Ashima ist nichts normal. Seit anderthalb Jahren, seit sie in Cambridge lebt, ist überhaupt nichts mehr normal. Es sind nicht so sehr die Schmerzen, die wird sie irgendwie überstehen, das weiß sie. Es ist das, was danach kommt: Mutterschaft in einem fremden Land. Denn schwanger zu sein, morgens mit Übelkeit im Bett zu liegen, die schlaflosen Nächte, das dumpfe Pochen im Kreuz, die ständigen Toilettengänge, das alles war nur die eine Seite. Die ganze Zeit über hat sie, obwohl alles immer beschwerlicher wurde, über die Fähigkeit ihres Körpers, Leben hervorzubringen, gestaunt, wie ihre Mutter, ihre Großmütter und ihre Urgroßmütter vor ihr. Dass es so weit von daheim geschah, unbeaufsichtigt, unbeobachtet von denen, die sie liebt, hat das Wunder noch größer gemacht. Aber sie hat Angst davor, ihr Kind in einem Land aufzuziehen, in dem sie mit niemandem verwandt ist, über das sie so wenig weiß, in dem das Leben so zaghaft und karg scheint.
»Wie wär's mit einem kleinen Spaziergang? Das wird Ihnen gut tun«, sagt Patty, als sie das Essenstablett holen kommt.
Ashima blickt von einer zwei Jahre alten Ausgabe der Zeitschrift Desh auf. Sie hatte das Heft auf dem Flug nach Boston gelesen und bringt es deshalb nicht fertig, es wegzuwerfen. Die etwas rauen in Bengali-Schrift bedruckten Seiten bieten ihr immer wieder Trost. Sie hat die Kurzgeschichten, Gedichte und Artikel ein Dutzend Mal gelesen. Auf Seite elf ist eine Federzeichnung ihres Vaters, der als Illustrator für die Zeitschrift arbeitet: Die Skyline des nördlichen Kalkutta an einem nebligen Januarmorgen, vom Dach ihres Hauses aus gesehen. Sie stand hinter ihrem Vater, als er die Zeichnung anfertigte, betrachtete ihn, wie er sich über die Staffelei beugte, eine Zigarette im Mundwinkel, um die Schultern ein schwarzes Kaschmirtuch.
»Ja, gut«, sagt Ashima.
Patty hilft ihr aus dem Bett, streift ihr erst den einen, dann den anderen Hausschuh über, legt ihr ein zweites Nachthemd um die Schultern. »In ein paar Tagen haben Sie nur noch den halben Umfang«, sagt sie, während Ashima sich mühsam aufrichtet. »Können Sie sich das vorstellen?« Sie fasst Ashima am Arm, und zusammen gehen sie auf den Flur hinaus. Nach wenigen Schritten bleibt Ashima mit zitternden Beinen stehen. Eine neue Schmerzwelle steigt in ihr auf. Sie schüttelt den Kopf, ihre Augen füllen sich mit Tränen. »Ich kann nicht.«
»Doch. Drücken Sie meine Hand. Drücken Sie, so fest Sie wollen.«
Nach einer Weile gehen sie weiter, in Richtung Schwesternzimmer. »Was wünschen Sie sich - einen Jungen oder ein Mädchen?«, fragt Patty.
»Hauptsache, es hat zehn Finger und zehn Zeh«, erwidert Ashima. Denn diese anatomischen Details, diese speziellen Zeichen des Lebens kann sie sich am schwersten vorstellen, wenn sie das Baby in ihren Armen vor sich sieht.
Patty lächelt, etwas zu breit, und da bemerkt Ashima ihren Fehler, weiß, dass sie »Zehen« hätte sagen müssen. Es tut fast so weh wie die letzte Wehe. Sie hat Englisch studiert. In Kalkutta, vor ihrer Heirat, bereitete sie sich auf einen Universitätsabschluss vor. Sie gab Kindern aus der Nachbarschaft Nachhilfestunden, in ihren Häusern, auf ihren Terrassen, auf ihren Betten, half ihnen, Tennyson und Wordsworth auswendig zu lernen, Wörter wie sign und cough richtig auszusprechen, den Unterschied zwischen dem aristotelischen und dem shakespeareschen Drama zu begreifen. Auf Bengali kann Zeh auch Zehen bedeuten.
Eines Tages, als sie vom Unterricht nach Hause kam, empfing ihre Mutter sie an der Tür und sagte, sie solle gleich in ihr Zimmer gehen und sich zurechtmachen, ein Mann erwarte sie. Es war der Dritte in drei Monaten. Der Erste war ein Witwer mit vier Kindern gewesen, der Zweite, ein Zeitungskarikaturist, der ihren Vater kannte, hatte bei einem Busunglück den linken Arm verloren. Zu ihrer großen Erleichterung hatten beide sie nicht gewollt. Sie war neunzehn und noch mitten im Studium, sie hatte es nicht eilig, Braut zu werden. Gehorsam, aber ohne irgendwelche Erwartungen löste sie ihr Haar und flocht es neu, wischte den Kajalstift ab, der unter ihren Augen verschmiert war, und trug mit einer Quaste Cuticura-Puder auf. Sie legte den hauchdünnen, papageiengrünen Sari, den ihre Mutter auf dem Bett bereitgelegt hatte, in Falten und steckte ihn in ihren Unterrock. Vor der Wohnzimmertür blieb sie stehen. »Sie kocht gern«, hörte sie ihre Mutter sagen, »und sie kann ausgezeichnet stricken. Mit der Jacke, die ich anhabe, war sie nach einer Woche fertig.«
Ashima musste über die Geschäftstüchtigkeit ihrer Mutter lächeln; sie hatte für die Jacke fast ein Jahr gebraucht, und selbst dann hatte ihre Mutter noch die Ärmel stricken müssen. Sie sah zu Boden, dorthin, wo die Gäste ihre Schuhe abzustellen pflegten. Neben zwei Paar Chappals standen dort Herrenschuhe, die anders aussahen als alle, die sie je in den Straßen, Bussen oder Straßenbahnen von Kalkutta oder bei Bata im Schaufenster gesehen hatte. Sie waren braun, mit schwarzen Absätzen und cremeweißen Senkeln und Ziernähten. An den Seiten war ein Streifen linsengroßer Löcher eingeprägt, und die Spitzen waren mit einem hübschen Muster verziert, das aussah, als sei es mit einer Nadel in das Leder gestochen worden. Ashima schaute genauer hin und entdeckte innen den Namen des Herstellers, in kaum noch erkennbaren goldenen Lettern: Soundso und Söhne. Auch die Größe stand da, achteinhalb, und die Buchstaben USA. Und während ihre Mutter weiter ihr Loblied sang, konnte Ashima einem plötzlichen, überwältigenden Drang nicht widerstehen und stieg in die Schuhe hinein. Schweiß von den Füßen des Besitzers mischte sich mit ihrem, und ihr Herz klopfte heftig; noch nie hatte sie etwas erlebt, was der Berührung eines Mannes näher gekommen wäre. Das dicke, zerfurchte Leder war noch warm. Am linken Schuh hatte der Schnürsenkel auf seinem Zickzackweg ein Loch ausgelassen, ein Versehen, das ihr die Befangenheit nahm.
Sie streifte die Schuhe ab und betrat das Zimmer. Der Mann saß in einem Rattansessel, seine Eltern auf dem Rand des Bettes, in dem ihr Bruder nachts schlief. Er war ein wenig füllig, von etwas gelehrtenhaftem Aussehen, aber noch jung, mit einer dicken, schwarzen Brille auf der vorspringenden Nase. Sein sauber gestutzter Schnurrbart ging in einen Kinnbart über und verlieh ihm eine elegante, irgendwie aristokratische Note. Er trug braune Socken, braune Hosen und ein grün-weiß gestreiftes Hemd und blickte düster auf seine Knie hinab.
Er schaute nicht auf, als sie hereinkam, doch während sie den Raum durchquerte, spürte sie seinen Blick. Bis sie wieder verstohlen zu ihm hinsehen konnte, fixierte er erneut teilnahmslos seine Knie. Er räusperte sich, als wolle er etwas sagen, schwieg aber weiterhin.