Denis Johnson wurde 1949 in München geboren, zählt heute zu den wichtigsten Schriftstellern der amerikanischen Gegenwartsliteratur. 1963 veröffentlichte er seinen ersten Roman "Angels" (Engel der Hölle). Es folgten vier weitere Romane, einige Gedichtbände und sein wohl berühmtestes Buch "Jesus' Son". 2007 erhielt er den National Book Award für den Roman über den Vietnam Krieg "Tree of Smoke". In seinem bisherigen Werk, wo es immer wieder um Engel, Apokalypse und Auferstehung von den Toten geht, ließ eigentlich nichts darauf schließen, dass er einmal einen College - Roman schreiben würde. Der Roman "Der Name der Welt" stammt aus dem Jahr 2000 und Thomas Überhoff bringt bei seiner brillanten Übersetzung die "trockene und oft lyrische Prosa" Johnsons vorzüglich ins Deutsche rüber. Doch sehr schnell merkt der Leser, dass es bei diesem Roman nicht um das Universitätsleben geht, sondern um die Trauer und was diese mit dem Leben eines Menschen machen kann. Dabei ist seine Sprache immer die Prosa eines Dichters, die mit einer Prise schaudernder Apokalypse bemäntelt ist. Wenn man in Der Name der Welt" etwas ausmachen will, was an die anderen Bücher des Autors erinnert, dann ist es zweifellos die beunruhigende schreckliche Düsternis, die in der Figur des Protagonisten herrscht und in der Befreiung die Johnson ihr dann im Laufe der Lektüre schenkt.
Zum Plot: Mike Reed, ist ein smarter fünfzigjähriger Assistenzprofessor an einer amerikanischen Universität im mittleren Westen. Er hat vor vier Jahren seine Frau und seine Tochter bei einem Verkehrsunfall verloren. Am Tag des Unfalls fuhr der Nachbar, ein seniler General, Richtung Highway. Nach acht Kilometern übersah er ein Stoppschild und stieß mit dem Lieferwagen eines Floristen zusammen. Anne und Elsie waren sofort tot, überall lagen Blumen auf der Straße verstreut. Seit dem Unfall spielten Abschottung, Distanziertheit, Lähmung und Furcht eine wesentliche Rolle in seinem Leben. Nur langsam kann er sich mit dem schmerzlichen Verlust abfinden. Eigentlich geht er nur selten aus dem Haus. In Zusammenhang mit diesem Unfall denkt Reed einen dieser wunderbaren Johnson Sätze:"in unser aller Namen fühlte ich mich einsam und auf einmal wusste ich, da war kein Gott."
Seine Lehranstellung ist begrenzt. Vielleicht bietet ein Essen bei einem Kollegen die Gelegenheit zu einer Kontaktaufnahme mit einem neuen Arbeitgeber. Rumpunsch wird serviert und ein wenig Musik gemacht im landsitzgroßen Haus des Leiters der Musikhochschule. Hier begegnet dem Protagonisten eine beschwipste, rothaarige Kunststudentin mit einem blauen Samtkleid, die Cello spielt. Ihre elfenbeinfarbene Wange überzog sich beim ersten Kontakt mit Röte, ihre Stimme bekam ein klangvolles "gefährliches" Timbre. Ungeplant berühren sich hier zum ersten Mal zwei Leben. Reed nimmt sie eigentlich gar nicht wirklich wahr, denn Jahre war er bisher um seine Vergangenheit herum gekreist, war in gewisser Weise ein Mensch der tot war.
Genau vier Jahre nach dem Unfalltag besucht er in einem Kunstseminar eine "Cannon-Performance". Auf einer Plattform sitzt eine Frau mit weit gespreizten Beinen. Von der Hüfte an ist sie nackt und sie ist gerade dabei sich ihren eingeschäumten Mons pubis mit einem Einmalrasierer zu rasieren. Nach einer Weile erkennt er die junge Frau. Es ist die beschwipste Cellistin. Sie hat rotes Haar, hübsche blaue Augen und eine helle Haut. Er findet nur noch einen Platz, bei dem er der Performerin beinahe in den Schoß kriechen muss. Die Vorführung endet damit, dass sich die Künstlerin die feuchten Schaumreste abwischt und sich ankleidet.
Bei einer Dinerparty im Hause des Dekans trifft er die rothaarige Cellistin wieder. Sie arbeitet für den Partydienst. Als er nach einem Häppchen greift sagt sie:"Hallo, Michael Reed." Dann erfährt er ihren Namen, Flower Cannon und bekam damit gleichzeitig die Erklärung warum die Performance Cannon hieß. Und von nun an bewegen sich, wie häufig bei Denis Johnson, zwei Existenzen, wie sie eigentlich unterschiedlicher nicht sein können, auf einen Moment der Zusammenkunft zu. Die Geschichte hat auch wieder einen epiphanieschen Touch, denn Reed wandte sich von der Offenbarung ab und der Welt wieder zu.
Konsterniert beginnt er in der Folgezeit ihr nachzuspüren, trifft sie an den unterschiedlichsten Orten, bei den verschiedensten Anlässen, als Kirchensängerin beim Gottesdienst in einer Zimmerkirche der protestantischen Freikirche aber auch als Stripteasetänzerin in einer Nachtbar, wo sie die wöchentlichen Wettbewerbe gewinnt weil sie alles zeigt. Langsam bewegen sich ihre Wege aufeinander zu, sie fordert ihn heraus und man ahnt bereits, dass in Gestalt dieser jungen Rothaarigen der Hauptfigur vom Autor die Erlösung geschenkt wird. Um es kohärent zu machen, er sah in Florence den Geist seiner Tochter. Der Hass fällt von ihm ab, er startet in ein vielversprechenderes neues Leben, das er am Schluss dann doch noch als gelungen und durchaus bemerkenswert findet. Der Autor erlaubt sich schließlich noch einen Scherz, indem er den Geschichtsprofessor zum Journalisten werden lässt.
Ein kompakter sehr kluger Roman, rundum gut und einfühlsam erzählt. Johnson ein großer Humanist, führt uns nah an Leben und Tod heran, lässt Grenzen verwischen, verzichtet bewusst bei dem Protagonisten auf jegliches Pathos und Selbstmitleid. Eine Prosa die mit erstaunlicher Kraft, eindrucksvoller Ausstrahlung, und viel Poesie die unterschiedlichsten Leseinteressen bedienen kann.