Hörbücher als Lesungen sind gut. Hörspiele, wenn sie so gemacht sind wie dieses, Meisterwerke!
Ein wahrer Film für die Ohren ist die wunderbare Hörspielbearbeitung von Umberto Ecos Historienthriller "Der Name der Rose". Selbst wer Film und Buch nahezu in- und auswendig kennt, wird begeistert sein!
Kann man tatsächlich an die 1000 Seiten Weltliteratur zu einem gelungenen Hörspiel auf 340 Minuten verknappen, ohne die sorgfältig recherchierte, literarische Vorlage aus den Augen zu verlieren? Ja, man kann! Unter der Regie von Otto Düben erwacht die mittelalterliche Welt - trotz gewisser Verkürzungen - detailgetreu und überzeugend zu neuem Leben.
Das Hörspiel entstand bereits 1986 als Gemeinschaftsproduktion von BR, SWF und NDR. Dieses Alter hört man ihm nicht an! Was die Stimmen angeht, jagt eine Meisterleistung die nächste, und die Hintergrundgeräusche sind derart realistisch, dass man sich fühlt, als sei man vor Ort mit dabei. Eine Inszenierung auf höchstem Niveau! Auf sechs CDs erwarten rund fünfeinhalb Stunden purer Hörgenuss!
Für lange Autofahrten ist dieses Hörspiel allerdings nicht uneingeschränkt zu empfehlen: Es eignet sich, wenn man es entweder bereits kennt, ein zuverlässiges Navi an Bord hat oder aber den Weg notfalls auch blind zurücklegen könnte. Die Aufmerksamkeit wird beim Hören einfach dermaßen gebannt, dass anspruchsvolle sonstige Tätigkeiten auf der Strecke bleiben. Man kann nicht anders, man lauscht fasziniert.
Hier waren Kenner am Werk, sowohl hinter als auch vor den Kulissen.
Die Handlung
Im Jahre 1327 begibt sich der Franziskaner William von Baskerville als Sonderbeauftragter des Kaisers mit einer heiklen Mission in ein norditalienisches Benediktinerkloster an den Hängen des Apennin. An seiner Seite der Novize Adson von Melk, der spätere Erzähler der Geschehnisse. Nur sieben Tage umfasst ihr Aufenthalt, doch diese sieben Tage haben es in sich: Mehrere rätselhafte Todesfälle ereignen sich. Unfälle? Morde? Was steckt dahinter? In bester Sherlock-Holmes Manier begibt sich William von Baskerville, früher ein Inquisitor, auf Spurensuche. Sein Weg führt schließlich in die Bibliothek, an den Ort, an dem sich alles entscheiden wird...
Charaktere und Sprecher
Die Stimme des Erzählers überzeugt voll und ganz: Eindringlich und glaubwürdig führt Heinz Moog als greiser Adson durch die Handlung. Wärme, Ruhe und Lebenserfahrung kommen allein durch seine Stimme zum Ausdruck. Man hört, dass er sich dem Lebensende nähert, vorher aber noch etwas Wesentliches mitzuteilen hat.
Unterbrochen wird seine Schilderung durch lebendige, direkte Einschübe, die Szenerie und Ereignisse plastisch werden lassen. Wie eine vertonte Erinnerung. Der junge Adson, gesprochen von Christian Schulz, soll eigentlich 17 Jahre alt sein, klingt stimmlich allerdings deutlich älter. Dennoch: Die Unsicherheit und Schüchternheit des Novizen setzt der Sprecher herausragend um!
Pinkas Braun leiht seinem Meister, William von Baskerville, die Stimme. Intelligent, überlegen, kritisch ' besser kann man die Rolle des Franziskanermönchs nicht besetzen! Auch die gewisse Überheblichkeit, die er an den Tag legt, erinnert an Sherlock Holmes.
Ebenfalls zu hören ist Helmut Stange als Kellermeister Remigius von Varagine. Vor dem inneren Auge entsteht sofort das entsprechende Bild des für die Verpflegung zuständigen Mönchs: wohlgenährt, Nase und Wangen vom Weingenuss gerötet - und plauderfreudig.
Beachtlich ist die Leistung Wolfgang Reichmanns, der den Außenseiter Salvatore glaubwürdig in Szene setzt. Das allein nur mit der Stimme zu bewerkstelligen, ist große Kunst!
Fazit: Dieses Hörspiel sollte man sich keinesfalls entgehen lassen!