Daß in diesem Jahr noch ein neues Album von Michy Reincke in die Welt fällt, war nun wirklich nicht zu erwarten. Keineswegs nur, weil das Jahr schon fast hinüber ist, vielmehr, weil es mit "Jetzt ist schön" erst 2009 ein Album randvoller neuer Stücke gab und "Palais salam", diese wundervolle Platte kunstvoll entspannter Neuaufnahmen, erst Ende Oktober letzten Jahres erschien.
Umso größer jetzt die Überraschung, dass unter dem eigenwillig gelungenen Titel "Der Name kommt mir nicht bekannt vor" nun schon so zügig wieder neues Liedgut vom Hamburger mit der frankophilen Seele erscheint. Aus der Überraschung wird nach erstem Hören des neuen Albums sehr rasch dickes Staunen, einmal mehr tiefes Bewundern, echte Berührung und beglücktes Entzücken, was sich dann zu dauerhafter Freude an den 13 neuen Songs vermischt und wandelt.
Einmal mehr denkt man sich, während das neue Album läuft, der Mann wäre in Frankreich wahrscheinlich ein Superstar. Hier kapieren ihn leider zu wenige, um über den Status des ewigen Geheimtipps hinaus zukommen.
Diese Musik bringt beinahe alles zum klingen, was in ein Universum paßt. Das Kaleidoskop der Klänge, derer er sich bedient, wird mit den Jahren immer umfangreicher und gewinnt immer mehr, immer neue Facetten - ohne dabei überladen zu wirken! Da findet sich schwerlich ein passendes Schubfach, wie es sich für einen ordentlichen Deutschen nun einmal geziemt.
Seine Fähigkeit, mit Worten Bilder zu malen, Formulierung lässig und wie nebenbei auszuspucken, die einem nicht schon tausendmal begegneten, nicht verkopft á la Grönemeyer oder Kunze und auch nicht grammatisch verschwurbelt und wortschöpferisch verschnöselt á la Lindenberg (die ich alle nicht missen möchte!), sondern mit einer vollkommen kitschfreien Herz-Sprache, sinnlich, emotional, ohne platten Zuckerguß, eben diese Sprach- und Formulierungsbegabung fasziniert immer wieder. Das beherrschte Reincke zwar schon während der Felix de Luxe - Ära in den Achtzigern äußerst gut, steigerte diese lebensechte Sprachgewaltigkeit in den Neunzigern aber um ein Vielfaches und ist inzwischen zu einer Perfektion und Brillanz gelangt, die nicht mehr steigerbar scheint. Aber das habe ich nach den Alben "Seeler" (2002), "Mach dein Herz laut" (2004) und "Jetzt ist schön" (2009) auch gedacht.
Niemand kann Traurigkeit, Nachdenklichkeit und Melancholie so tanzbar und vollkommen schmalzfrei zum klingen bringen wie Michy Reincke - zumindest nicht in Deutschland.
Bittersüß wäre wohl das richtige Wort oder mit unpathetischem Pathos. Aus dieser scheinbaren Widersprüchlichkeit, macht er seine Lieder, auf "Der Name kommt mir nicht bekannt vor" mehr noch denn je - einzigartig!
Niemand vertont die Herzrisse und Lebensschrammen, die sich jeder, der wirklich lebt und nicht nur da ist, von Zeit zu Zeit einfängt und die Narben und Beulen die man hilflos anderen zufügt und die einem selbst als schmerzliche Erinnerung nachlaufen, so "anfaßbar" wie er. Die große Kunst dabei ist, weder tränenschwer abzusaufen, noch es schnöde, pseudo-cool und beliebig abzutun. Diese Kunst ist das Parkett was Michy Reincke betanzt ohne auszurutschen.
So erscheint mit "Der Name kommt mir nicht bekannt vor", kurz bevor die Zahl 2011 nur eine weitere Jahreszahl ist, die Vergangenes markiert, noch unverhofft und unerwartet eines der schönsten Alben dieses Jahres.
Auch wenn Michy Reincke nicht den Eindruck erzeugt, als legte er darauf allzu großen wert, ich verneige mich respektvoll, denn ein euphorischer Applaus wäre nicht genug Anerkennung für dieses mächtig imponierende Album.
Oder anders, siehe Cover - zum niederknien!