Mit "Der Name Dieser Band Ist Karpatenhund" beschreiten die vier jungen Kölner zwar neue, kantigere Wege, wissen aber gerade deshalb zu überzeugen.
Seit der Bandgründung 2004 lief es für Karpatenhund aus Köln ziemlich gut. 2007 enterte das Debütalbum "#3" die Charts und der Song "Gegen Den Rest" wurde für die ARD-Serie "Türkisch Für Anfänger" als Titelmelodie eingesetzt. Nun könnten sie direkt bei solchen Erfolgen anknüpfen. Doch stattdessen gibt sich "Der Name Dieser Band Ist Karpatenhund" eher etwas sperriger, wodurch die Band an Profil gewinnt.
Mit dem neuen Werk wollen Karpatenhund anscheinend ein bisschen den Neuanfang wagen. Was sich schon daran zeigt, dass sie ihr laut eigener Aussage, das "bisher strikt numerisches Tonträger-Betitelungssystem um Titel" erweitern. Das mit dem Namen musste aber wohl auch einfach noch mal deutlich gesagt werden, denn viele schreiben ihn gelegentlich mit einem "r" zuviel.
Aber auch musikalisch werden etwas andere Wege eingeschlagen. Auffällig ist vor allem der erhöhte Einsatz von Blasinstrumenten auf gut der Hälfte der Platte - wobei im Video zur Single "Wald" der Trompeten-Part gegen Ende leider zugunsten einer kompakteren Songlänge einfach weggekürzt wurde.
"Anfang (Black Box Recorder)" eröffnet das Album mit einem sehr flächigen Sound. Die Lyrics setzen erst nach fast zwei Minuten ein und strafen den Songtitel sogleich Lügen: "Das ist nicht der Anfang./ Das ist kein Ende./ Das ist nicht dazwischen./ Es ist nirgendwo./ Das ist keine Richtung./ Das ist nichts."
Dieses Verlorensein zieht sich anschließend wie ein roter Faden durch sämtliche Songs. Bei "Boden" hat Sängerin Claire Oelkers das Gefühl, zerlegt und falsch wieder zusammengebaut worden zu sein. Dass Erde und Sonne sich auch ohne sie noch weiter drehen, befürchtet sie in "Plastic Soul". Laut "Rorschach", das nach einem berühmten Psychiater benannt wurde, fühlt sie sich nur von Lügnern und Idioten umgeben, während sie Tintenflecke anstarrt.
Dazu passt natürlich, dass Karpatenhund gerade auch auf "A Tribute To Die Fantastischen Vier" ausgerechnet den "Paranoia Blues (Schizophren)" angestimmt haben: "Nur ich bestimm, wohin ich geh, wo ich beginn./ Bestimm die Dinge, die ich glaube, und auf was ich mich besinn./ Denn ich steh selber mittendrin./ Du kannst in meinem Ding den Sinn nicht sehn./ Denn nur ich weiß, das ich bin, was ich bin - nicht schizophren."
Dass "Wald" als Single ausgewählt wurde, war eine sehr gute Entscheidung. Hier wird alles präsentiert, womit sich Claire auch auf dem Rest der Scheibe beschäftigt: innere Leere, Ziellosigkeit, Misstrauen und reine Langeweile. Doch vielleicht ist das Ganze nur ein geschicktes Spiel, wie der Songtext von "Lost Weekend" andeutet: "Wenn du nur zehn Minuten wartest, wirst du mich durchschauen./ Und das ganze Kartenhaus wird zusammenfallen./ Ich habe zur Hälfte die Wahrheit gesagt - und mir die andere Hälfte ausgedacht."
Ob wahr oder nicht, spielt eigentlich keine Rolle. "Der Name Dieser Band Ist Karpatenhund" bietet einfach genug tanzbare Nummern mit Ecken und Kanten, um sicherzustellen, dass bestimmt auch 2009 für Karpatenhund ziemlich gut laufen dürfte.
Kurzbeschreibung
Gegründet 2005 und benannt nach der dritten Folge der Jugendserie Die Drei Fragezeichen machten Karpatenhund ab 2006 von sich reden. Spätestens mit ihrem Debütalbum im Mai 2007 und dem dazugehörigen Hit 'Gegen Den Rest' (auch bekannt als Titelsong der preisgekrönten ARD-Serie Türkisch Für Anfänger) wurden sie bekannt für ihren sehr poppigen, aber auch stets etwas schrägen, sperrigen und seltsamen Sound, der sich weigerte, sich zwischen Indierock und lupenreinem Pop zu entscheiden.
2008 zog sich die Band zurück, um an ihrem zweiten Album Der Name Dieser Band Ist Karpatenhund zu arbeiten, das deutlich düsterer ausfallen sollte als der Vorgänger. Sie sind einige Schritte weg vom süßlich-schrägen Gitarren-Poprock gegangen, haben etwas mehr 80s und New Wave in den Mix geworfen. Die Grundstimmung ist nüchterner und dichter als beim ersten Album, mehr New Order, Cure, Devo, Talking Heads, Blondie. Viele der neuen Songs verzichten auf 'große' Refrains und Gitarrenwände, sind zwar eingängig, aber mehr noch eindringlich. Sie funktionieren viel stärker über Baß und Schlagzeug, Rhythmusgitarren gibt es kaum noch. Es sind auf den ersten Blick keine Mitsing-Hymnen wie ihre bekannten und chartserprobten Singles aus dem Debutalbum, aber erstaunliche, wahnwitzige, erhabene und wunderschöne Songs; tanzbar, seltsam, unheimlich, einzigartig und ein mutiger und konsequenter Schritt, den nicht jeder erwartet hätte.
In der ersten Single Wald gesteht Claire Oelkers über einen stoisch treibenden Beat und einen wütend knurrenden Baß: "Ich bin so leer wie die Straßen einer Kleinstadt nachts um halb drei". Für das Video wurde die Band vom echo-nominierten Regisseur Hagen Decker nachts in einen Wald gestellt, die Bilder erinnern an Twin Peaks oder Blair Witch Project. Viele der Bäume wurden in Silberfolie eingepackt, was die Optik noch surrealer macht. Der unterkühlte Charakter von Musik und Video wird auch im Album-Artwork weitergeführt: im CD-Booklet sind Röntgenbilder von Schädeln abgebildeten, wobei es sich um echte Aufnahmen der Schädel der Bandmitglieder handelt, die sich extra dafür röntgen ließen.