Entschleunigung ist der Schlüssel zu diesem Buch. Wer dieses Tempo nicht annehmen kann oder mag, dem muss "Der Nachsommer" als Krönung der Langeweile erscheinen. Allerdings entgeht diesem Leser dann auch ein Kunstwerk des humanen Entwicklungs- und Bildungsideals, welches eben die Seele des Werkes ist. Natürlich ist dieses Bildungsideal in der jetzigen Welt, in der Bildung rein marktwirtschaftlich wettbewerblich verstanden wird und nicht die Entfaltung und Entwicklung der eigenen Persönlichkeit zum Zweck hat, so weit außerhalb unseres Radars, dass dieses Buch heute wohl kaum noch die Leser findet, die es verdient. Friedrich Nietzsche, dessen eigener im Vergleich zu Stifters Stil so unterschiedliche, der für mich doch zum Schönsten gehört, was in deutscher Sprache je erreicht wurde, hat dieses Buch geliebt wie kein anderes. Von einem Unzeitgemäßen zum anderen. Mag das Ideal dieser Erzählung so auch nicht lebbar sein (das zwangsläufige Schicksal eines jeden Ideals, das Scheitern an der "Wirklichkeit"), so kann man doch darin, wenn man denn Lust und Muße dazu findet, erkennen, weshalb in der heutigen Zeit Bildung in ihrem ursprünglichen Sinne nicht mehr, oder wenn doch, dann nur zufällig, beiläufig, trotzdem entsteht. Dieses Buch muss nicht jedermann gefallen, aber wem es sich öffnet, der hat einen großen Schatz der Weltliteratur und die Relativität der Zeit für sich entdeckt. Vielleicht auch eine Ahnung davon, dass Selbstverwirklichung und Charakterbildung nicht nur das Geschwafel esoterischer Selbsthilfebücher sein muss.