In Duerrs Buch finden sich einige interessante Kritikpunkte an der Eliasschen Theorie. In diesem ersten Band geht Duerr vor allem auf die Annahme von Elias ein, dass die Sexualität des Menschen früher noch nicht hinter die Kulissen der Intims- und Privatsphäre verbannt war. Er gibt Beispiele dafür, dass "nackt" im Mittelalter oftmals nur bedeutet hat, dass der Betreffende unzureichend bekleidet war; z.B. war Nudus im Mittelalter ein Begriff für die Armen, die nur ein Schafsfell umgeworfen hatten. Weiterhin ist auch der Verweis von Duerr interessant, dass im Mittelalter Bilder nach dem Simultanprinzip angefertigt wurden (d.h. dass Szenen nebeneinander gestellt wurden, die sich tatsächlich nicht nebeneinander abspielten), da Elias sich häufiger bei seiner Darstellung des Zivilisationsprozesses auf Bilder bezieht. Durch die Lektüre dieses Buches wird man auf mögliche Fehl- oder Überinterpretationen von Elias aufmerksam gemacht und es werden einem alternative Interpretationsmuster vorgelegt. Dennoch bleibt das Buch für Soziologen enttäuschend. Duerr nimmt sich einige Aspekte aus Elias' Theorie heraus und zeigt eine Unzahl von Beispielen auf, die seine eigene Interpretation stützen. Dabei handelt es sich um eine stark selektive Auswahl von Beispielen und Duerr versucht, hinsichtlich seiner Beispiele, die Magie der großen Zahl für sich zu nutzen. Hierbei geht er nach dem Prinzip vor, dass eine möglichst große Anzahl von anschaulichen, teils amüsanten Beispielen Beweis genug sein müssen für seine individuelle Interpretation. Unbefriedigend aus soziologischer Sicht ist auch, dass sich nicht einmal ein Ansatz einer eigenen Zivilisationstheorie zeigt. Allerdings dürfte dies auch nicht Anspruch von Duerr gewesen sein, der Prof. für Ethnologie und Kulturgeschichte ist. Letzlich ist auch zu kritisieren, dass Duerr nur geringe soziologische Kenntnisse zu besitzen scheint (oder in diesem Buch von sich gibt) und dadurch einige Äußerungen aus soziologischer Perspektive zu stark vereinfacht, induzierend und generalisierend sind und dadurch "laihenhaft" wirken. Dennoch sollte das Buch für eine kritische Lesart der Eliasschen Lektüre genutzt werden, da es durchaus gangbare Alternativinterpretationen enthält.