Uwe Wesels Buch behandelt trotz seiner schmalen 150 Seiten das Thema "Stellung von Frauen in frühen Gesellschaften" umfassend und kompetent, wobei er sich auf die wissenschaftlich relevante Literatur stützt, die zu diesem Thema verfügbar ist.
Er beginnt mit einer kurzen Besprechung von Bachofens "Das Mutterrecht", das als wissenschaftlich sehr umstritten gilt, weil es seine Argumentation ausschließlich auf Mythen aufbaut. Bestätigt wurden Bachofens Thesen scheinbar durch die Beobachtungen des Ethnologen Morgan, der im 19. Jahrhundert die Sozialstruktur der Irokesen untersuchte. Aber Morgan konnte diese Gesellschaft nicht mehr im Urzustand untersuchen, sondern musste vieles zu rekonstruieren versuchen, da die Irokesen schon lange Jahre in Reservaten lebten. Zumindest war die Irokesengesellschaft, bevor man sie in Reservate steckte, eine matrifokale und matrilineare. Zu keiner Zeit konnte man aber von einem reinen Matriarchat sprechen, obwohl die Frauen eine starke Machtstellung hatten. Diese Machtstellung lässt sich aber durch lange Abwesenheitszeiten der Männer erklären (Kriege, Jagd). Sie verschob sich nach der Reservation wieder zugunsten der Männer.
Auch die historische Nachprüfung der vom antiken Geschichtsschreiber Herodot geschilderten angeblich matriarchalischen Gesellschaften in Lykien, Ägypten und Kreta ergab zwar eine bessere gesellschaftliche Stellung von Frauen, aber keineswegs Matriarchate. Herodots Fehleinschätzung lässt sich mit der eklatant schlechten Stellung von Frauen in den griechischen Stadtstaaten erklären. Aus dieser Perspektive betrachtet musste Herodot jede bessere Stellung von Frauen als Frauenherrschaft vorkommen.
Im ethnologischen Teil nimmt Wesel u.a. auch Bezug auf biologische Einflüsse. Allerdings werden diese Einflüsse in der Manier der Zeit (das Buch erschien 1980) heruntergespielt. Schade nur, dass dies in der 8. Auflage des Buches von 1999 nicht korrigiert wurde, obwohl viele der biologischen Einflüsse heute nicht mehr geleugnet werden können. So stellt Wesel auf S. 87 die Frage "Kann man bei Primaten die Natur des Menschen entdecken?" und verneint diese Frage. Sie ist für sich aber schon falsch gestellt, denn sie müsste eigentlich lauten: "Kann man beim Menschen die Natur der Primaten entdecken?". Diese Frage ist aber von Ethologie, vergleichender Verhaltensforschung, Evolutionspsychologie und Verhaltensgenetik längst mit Ja beantwortet.
Im Kapitel "Familienstruktur, Natur und Kultur, Sexismus" diskutiert Wesel auch einige feministische Thesen, die eine Erklärung für die verbreitete Schlechterstellung von Frauen zu liefern versuchen. Keine dieser Thesen bezieht auch nur im Ansatz biologische Erklärungen mit ein. So könnte gerade das wichtigste Merkmal des Geschlechtsdimorphismus, nämlich die Fähigkeit Nachkommen zu produzieren, zu dieser Schlechterstellung geführt haben: Weibliche Individuen sind insofern für eine Population eine lebenswichtige "Resource", weil nur sie das Überleben einer Population gewährleisten können. Selbst, wenn fast alle männlichen Individuen sterben würden, könnte eine Population überleben. Umgekehrt jedoch so gut wie nie. Das führt evolutionsbiolgisch zur Begünstigung von instinktiven Verhaltensweisen zum Schutz von weiblichen Individuen, die auch zu "Bevormundung" führen könnten. Dieses Muster ist in der Natur weit verbreitet und könnte auch die Schlechterstellung von Frauen weitaus plausibler erklären als die von Wesel referierten Thesen.
Fazit des Buches ist, dass es zwar in der Vergangenheit Gesellschaften gab, in denen Frauen bedingt durch Matrifokalität und Matrilinearität wesentlich besser gestellt waren, von Matriarchaten konnte man jedoch zu keiner Zeit sprechen. Dieser Mythos bleibt also das, was viele Mythen sind: Wunschvorstellungen von Menschen. Wesel beleuchtet alle Aspekte des Themas und schreibt einen gut lesbaren Stil. Im Anhang befinden sich ein kurzes Glossar der wichtigsten Begriffe zum Thema und eine umfangreiche Liste der zitierten Literatur. Ich kann das Buch jedem empfehlen, der sich unvoreingenommen und kompetent mit diesem Thema befassen will.