Sinnlos ist der Weg der 'Selbst-Verbesserung' und endlos die Versuche von außen auferlegter Disziplinierung mit dem Ziel Freiheit. Und ausgesprochen tückisch die Fallen des spirituellen Materialismus. Wir erfahren in diesem Buch, wie durch Ego-Prozesse der Eindruck von Kontinuität entsteht (Aufflackern von Besitzdenken, Aggression, Verwirrung etc.) und wie wir die eigenen Projektionen dazu verwenden, unsere Existenz zu bestätigen. Überhaupt beschreibt Chögyam Trungpa in diesem Buch den Stufen-Weg als einen, der uns loslöst von unserer Bestätigungssucht, unserem Anerkennungswahn, unserem Nicht-All-Ein-Sein können. Deshalb ist Langeweile unabdinglich, so der Autor, Langeweile ist unbedingt notwendig, weil sie das Gegenteil von (Ego-)Bestätigungen darstellt. Wir dürfen nicht leichtfertig sein, und auch Leichtfertigkeit auf keinen Fall mit wahrer Spontaneität verwechseln. Der cosmic joke: das riesige Konstrukt, das sich Ego nennt, wird durch aktive Meditation nach und nach abgetragen, all die Illusionen, Gerüste, Konzepte, Meinungen, Vor-Stellungen werden in einem durchaus schmerzhaften Prozess aufgegeben: 'Ich und mein Hoheitsgebiet' werden durchschaut und losgelassen. Die übernommenen Traditionen und auch die abgelehnten Institutionen der Gesellschaft müssen wir verstehen lernen. Wir müssen die hypnotische Zugkraft der Dogmen verstehen, um mit Vernunft aus ihnen heraustreten zu können.
Das Buch enthält viele von Buddhas Listen, die der Autor im Text sehr gut erläutert: So zum Beispiel die drei Arten von duhkha (hier übersetzt: die drei Formen von Schmerz), die sechs Spielarten von Realität bzw. 'Realitätstunnel' (R.A. Wilson), die fünf skandhas (die das Ego konstituieren), die zehn Paramitas (transzendentale Eigenschaften, die sich allmächlich und behutsam entfalten) und die zehn Bhumis (Stufen/spirituelle Ebenen auf dem Erleuchtungsweg).
Vom Hinayana (mit dem Ziel Arhat) über das Mahayana (mit dem Ziel der Befreiung aller fühlenden Wesen) zum Vajrayana, Yoga (Vereinigung mit den Energieformen des Universums) und Tantra (Kontinuität des Weges), der Autor breitet die Tiefe des tibetischen Buddhismus vor dem westlichen Lesenden aus wie kaum ein anderer. Ich vergebe nur vier Sterne, weil das Buch allzu offensichtlich an Mitglieder der Hetz-Konsumwahn-Kosmetik-Karriere-Wegwerf-Gesellschaft gerichtet ist.
Mich hat der Abschnitt über das 'Löwengebrüll' und negative Negativität besonders beeindruckt (Kap. IV).