Kürzlich las ich eine Ausgabe der Zeitschrift 'Herdfeuer', in der ich eine wirklich sehr ausführliche und aufschlussreiche Rezension über den Mythen-Tarot von Voenix las. Da ich diese sehr gelungen finde, fragte ich bei dem Verfasser Kurt Oertel an, diese Rezension auf dem Portal von 'amazon.de' veröffentlichen zu dürfen. Da er keinerlei Einwände hatte, kommen nun also auch die Leser von amazon in den Genuss dieser objektiven Zeilen eines bekannten Fachmannes aus der Heiden-Szene:
Der Mythen-Tarot - Eine Reise durch die Welt der erotischen Sagen. (Mit freundlicher Genehmigung von Kurt Oertel)
Bei Interessenten dieses Werkes bedarf es bei zwei Dingen wohl kaum besonderer Aufklärungsarbeit: zum einen darüber, was der Tarot ist (unabhängig von eigenen Erfahrungen damit), zum zweiten über Kunst und Werk von Voenix, dessen Illustrationen dankenswerterweise schon lange auch unsere Zeitschrift (Herdfeuer) zieren.
Ein ganz neuer Ansatz ist aber der, sich für Bildgestaltung und Inhalte nicht der überlieferten Archetypen des Tarot, sondern der Figuren und Handlungsstränge aus indoeuropäischen Mythen und Sagen zu bedienen. So nahe liegend das angesichts von deren Vielschichtigkeit und Materialfülle auch zu sein scheint, so ist doch bisher niemand darauf verfallen - möglicherweise deshalb nicht, weil bisherige Gestalter (und Nutzer) des Tarot zu sehr in einem magisch-esoterischen Weltbild ohne heidnisch-religiöse Komponente befangen waren. Aber kann eine solche 'Umarbeitung' funktionieren? Sie kann - und zwar wunderbar - erreichen die Karten durch die mit den Bildinhalten nun verbundenen Mythen und Sagen doch eine größere Dichte und Intensität, leichtere Zugänglichkeit, und damit eine auch im Detailreichtum viel bessere Vermittlung. Die behandelten Mythen entstammen zum ersten der griechischen Antike, zum zweiten der keltischen Mythologie - hier vor allem dem Ulster-Zyklus (um Cú Chullain und Finn MacCumhaill) sowie dem Artus-Stoff - und zum dritten der altnordischen Überlieferung (letztere allerdings schon deshalb in Minderheit, da der Autor eben diese ja in "Weltenesche - Eschenwelten" bereits zum Gegenstand eines ganz eigenen Götterorakels gemacht hatte und sich entsprechende Wiederholungen dadurch in diesem Fall verboten).
Zu Mythen allgemein schreibt Voenix: '"Dabei schaffen sie ein überindividuelles, archetypisches Reservoir an Bildern, eine die Seele des Menschen mit Gestalten und Ereignissen füllende eigene Welt. Diese wiederum besteht aus einem Stoff, aus dem unsere Gefühle, Sehnsüchte, Träume und Ängste gewoben sind. Wer also die Seele des Menschen entschlüsseln will, wird demnach unweigerlich an den Mythen nicht vorbei kommen. Das mythische Denken, also jenes Denken, das die Mythen schafft und handhabt, ist dabei zwischen dem Traumdenken und dem sprachlichen Denken zu suchen, wobei es vom Traum den Charakter des Bildhaften, Dramatischen und vor allem Symbolischen besitzt, von der Erzählung hingegen den Charakter des klar Artikulierten, in dem die wesentlichsten Erzählstränge fast immer in einem festen oder tieferen Zusammenhang stehen" (S. 14).
Diese Sichtweise lässt einem schon den ersten Stein von der Seele fallen, neigt heutige heidnische Mythendeutung doch zu oft zu einem reinen Rückfall ins 19. Jahrhundert und der Reduzierung des Mythos auf ausschließlich jahreszeitliche Naturvorgänge. Voenix bekennt sich denn auch ausdrücklich zu Jungs Tiefenpsychologie, wobei er aber gleichzeitig deren Grenzen erkennt und betont: "Jegliche Interpretation eines Mythos ist immer abhängig von der subjektiven Wahrnehmung seines Betrachters, dessen Ansätze mindestens ebenso viel über ihn selbst bzw. über seine persönliche Sichtweise der Welt offenbaren'" (S. 20).
Aber wohlgemerkt, dieses Buch will keine Mythentheorie oder eine letztgültige Deutung erreichen, ebenso wenig ist dies ein Sachbuch über antike Religionsgeschichte, weshalb man über ein paar wenige, sachlich eher dubiose religionshistorische Aussagen unbeschwert hinwegliest, denn man sollte bei der Lektüre nie vergessen, dass es hier allein um die Dienstbarmachung des Mythos für den Tarot geht, und zu diesem Zweck dürfte der Ansatz des Verfassers tatsächlich der erfolgversprechendste sein.
Der Aufbau des Buches ist dem seines Götterorakels '"Weltenesche -' Eschenwelten"' nicht unähnlich: Nach einer auch für Interessierte ohne jedes Vorwissen gut lesbaren Einführung über den Mythos und seine Bedeutung, Wesen und mögliche Ursprünge des Tarot, seiner persönlichen Herangehensweise an das Projekt und der Vorstellung der benutzten Mythenkreise erfolgt die Vorstellung jeder Einzelkarte. Die wiederum unterteilt sich in folgende Rubriken: Abbildung der Karte, erste positive und negative "Impulsworte" und eine Bildbeschreibung (die man nicht leichtfertig überlesen sollte, macht sie doch klar, wie minutiös jedes Detail der Darstellung bedacht wurde und wie wichtig es ist). Dem folgt eine Nacherzählung des entsprechenden Mythos, gefolgt von einer 'Deutung', die oft historische mit psychologischen Hintergründen vereint. Einer "mythischen Entsprechung", die thematisch verwandte Figuren in anderen Mythen aufzählt, folgt letztendlich die Deutung der Karte selbst unter verschiedenen Aspekten, wobei nicht genug betont werden kann, dass diese - wie bei allen divinatorischen Techniken - immer nur Anregung für die Erforschung entsprechender Aspekte des eigenen Selbst sein kann und gerade der Tarot weniger auf simple Zukunftsschau, sondern vielmehr als Hilfe zu innerer Selbstfindung bzw. Selbstwerdung und dem Erkennen der eigenen "Schattenanteile" dabei ausgelegt ist. Im Anhang finden sich neun einfache bis komplizierte Legesysteme und Anleitung zu ihrer Anwendung. Was die Erschließung all dieser Mythen hinsichtlich ihrer Zuordnung zu den Arkana des Tarot betrifft, ist Voenix bei deren Auswahl und textlicher Darstellung mit Sicherheit ein großer Wurf gelungen, der gerade unter heidnischem Aspekt durch seine menschlichen Bezüge der Sagen und Mythen weit über die Verständnisebene der ansonsten eher abstrakten Archetypen herkömmlicher Tarots hinausreicht.
Die Gestaltung eines Tarot-Decks stellt immer ganz besondere Anforderungen an einen Künstler, die weit über die rein technisch-handwerklichen Aspekte von Kunst hinausgehen. Denn bereits die bildlichen Darstellungen - und nicht erst die dahinter stehenden abstrakten Bedeutungen - sollen dem Benutzer möglichst direkte und einfache Zugänge zu den entsprechenden Aspekten des eigenen Selbst vermitteln, da "der Tarot seinem Wesen nach reines Bild ist'" (S. 21). Deshalb wählt jeder Benutzer hier auch individuell die Version, die ihm diesen eigenen Zugang bestmöglich zu vermitteln im Stande ist. Und wie weit das bei Voenix' Darstellungen der Fall ist, kann nur jeder für sich persönlich entscheiden.
Bei all dem hatte Voenix von Anfang an den Plan, dem "mittlerweile etwas angestaubten Tarot-Markt" (S. 390) mit diesem Deck etwas mehr erotische Sinnlichkeit zu verpassen, was sowohl mit dem Inhalt vieler Mythen als auch mit dem Stil Voenix' problemlos vereinbar war. Das mag im Einzelfall zwar über das hinausgehen, was man im biederen Bereich der "Hausfrauen-Esoterik" gewohnt ist, wer aber die bisherigen Arbeiten von Voenix kennt, weiß auch, dass eine deftige und pralle Erotik fast schon eine Art von Markenzeichen seiner Kunst ist. Und als in besonderem Maße erotisch betont kann man sowieso nur eine kleine Minderheit der Karten bezeichnen, da Nacktheit bei bildlichen mythologischen Darstellungen sowohl in der Antike wie auch seit der Renaissance kunstgeschichtlicher Normalfall ist. Und gerade durch ihr Eingebundensein in den mythischen Hintergrund erlangt sie auch bei den von Voenix etwas "mutiger" angelegten Darstellungen viel eher ihre unbefangene Natürlichkeit zurück. Etwas irreführend mag lediglich der Untertitel '"Eine Reise durch die Welt der erotischen Sagen'" sein, könnte der doch nahe legen, hier seien die Stoffe durchgängig bewusst unter diesem Aspekt ausgewählt worden, was so nicht stimmt und angesichts der anspruchsvollen Zielsetzung wohl auch gar nicht möglich gewesen wäre.
Das Werk kommt als aufwändig und liebevoll gestaltetes Luxus-Set daher, das allein schon in der Hand liegend einen sinnlichen Genuss bereitet. Die Karten befinden sich in einer eigenen Box, die zusammen mit dem Buch den Inhalt eines ebenso schön gestalteten Schubers ausmacht, der auch noch im Buchregal als optische Attraktion hervorsticht. Und dass hier auch bei der technischen Herstellung nicht mehr Schein als Sein angestrebt wurde (wie sonst so oft), zeigt sich z.B. in dem bemerkenswerten (aber leicht zu übersehenden) Umstand, dass das Buch selbst in edler (und teurer) Fadenheftung gebunden ist, die zuverlässig und auf ewig verhindert, dass man bei häufigem Gebrauch bald mit einer Sammlung sich lösender Einzelseiten konfrontiert ist. Der Preis dafür ist deshalb auch alles andere als überteuert.