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Buchnotiz zu : Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.09.2002
Ganz deutlich sagt Hermann Kurzke gleich zu Anfang, was er von diesem Autor, "Indiens renommierterstem Psychoanalytiker", und einem Buch mit solchem Titel im besten Fall erwartet: "etwa eine Psychoanalyse radikaler Formen von Religiosität" oder eine "Rezeptur des Ekstatischen". Er zeigt sich enttäuscht, dass selbiges die interessierten Leser jedoch nicht erwartet, sondern "nur Geschichten". Kurzkes Interpretation der Handlung und ihrer Figuren - das Hin und Her um einen Mystiker, der zum Guru wird, verehrt aber wenig sympathisch, und dessen eifrigen Schüler, der zu einem nationalistischen Hinduismus übergeht - spitzt sich daraufhin zu: dies sei der Blick eines "unentschiedenen Voyeurs" auf den Weg Indiens in eine "pragmatische Modernität". Was dem Rezensenten daran nicht gefällt, sagt er ebenfalls sehr deutlich: dass nicht Analyse und kritische Aufarbeitung der "Seele Indiens" versucht wird, sondern im Kern "eine alte Trauer" um das Verschwinden archaischer Spiritualität zelebriert wird.
© Perlentaucher Medien GmbH
Ganz deutlich sagt Hermann Kurzke gleich zu Anfang, was er von diesem Autor, "Indiens renommierterstem Psychoanalytiker", und einem Buch mit solchem Titel im besten Fall erwartet: "etwa eine Psychoanalyse radikaler Formen von Religiosität" oder eine "Rezeptur des Ekstatischen". Er zeigt sich enttäuscht, dass selbiges die interessierten Leser jedoch nicht erwartet, sondern "nur Geschichten". Kurzkes Interpretation der Handlung und ihrer Figuren - das Hin und Her um einen Mystiker, der zum Guru wird, verehrt aber wenig sympathisch, und dessen eifrigen Schüler, der zu einem nationalistischen Hinduismus übergeht - spitzt sich daraufhin zu: dies sei der Blick eines "unentschiedenen Voyeurs" auf den Weg Indiens in eine "pragmatische Modernität". Was dem Rezensenten daran nicht gefällt, sagt er ebenfalls sehr deutlich: dass nicht Analyse und kritische Aufarbeitung der "Seele Indiens" versucht wird, sondern im Kern "eine alte Trauer" um das Verschwinden archaischer Spiritualität zelebriert wird.
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Süddeutsche Zeitung, 15. März 2002
"Die schwindende Kunst des Begehrens. Der indische Psychoanalytiker Sudhir Kakar über das Kamasutra, verwundete Identität und religiöse Konflikte. Der Inder Sudhir Kakar ist Psychoanalytiker und Romancier. Er hat sich mit Mystik, Ekstase und den konflikten zwischen Hindus und Moslems befasst."
Kurzbeschreibung
Sudhir Kakar erkundete in seinem vielbeachteten ersten Roman Kamasutra oder die Kunst des Begehrens spielerisch die Varianten der erotischen Ekstase. In Der Mystiker erzählt er uns nun die verstörende Geschichte eines jungen Inders, der die Grenzen seines Bewußtseins hinter sich läßt und erstaunliche Erfahrungen spiritueller Ekstase durchlebt. Es ist die Geschichte, wie einer, fast wider Willen, zum Mystiker wird, wie er die innere Wahrheit seiner Visionen gegen den aufgeklärten Verdacht, Halluzinationen aufzusitzen, verteidigen muß; es ist die Geschichte eines Menschen, der zur falschen Zeit seine innere Erfüllung in der Vereinigung mit dem "Göttlichen" sucht, in einer Zeit, die gelernt hat, solche Bestrebungen als klaren Ausdruck von geistiger Erkrankung zu deuten. Es ist aber auch die Geschichte der Begegnung zweier höchst unterschiedlicher Männer, der eine verwurzelt in den indischen Traditionen, bereit, sich höheren Erfahrungen zu unterwerfen, der andere in der Rationalität des Westens erzogen und in dem Willen bestärkt, das Schicksal in die eigene Hand zu nehmen. Der Roman erprobt die Fähigkeiten dieser beiden Männer, sich auf ganz andere Anschauungen, auf Verdrängtes und auf ganz und gar Unverständliches einzulassen. Er zeichnet auf dem Hintergrund dieser Biographien das Bild eines Indiens im Umbruch, vom langsamen Verschwinden der weiblichen Gottheiten, die so prägend waren für das Selbstverständnis der Hindus, und des Beginns der Herrschaft militanterer Götter, die von den heutigen Hindu- Nationalisten beschworen werden.
Über den Autor
Sudhir Kakar, geboren am 25. Juli 1938 in Nainital (Indien), ist praktizierender Psychoanalytiker in Neu-Delhi. Lehraufträge führten ihn an die Universitäten von Harvard, Princeton, Chicago, Wien und Melbourne. 1998 wurde ihm in Frankfurt die Goethe-Medaille verliehen. Seine zahlreichen Sachbücher wurden in viele Sprachen übersetzt. Von ihm liegen bei C.H.Beck bereits vor: Schamanen, Heilige und Ärzte (1984), Der Heilige und die Verrückte (zusammen mit Catherine Clément, 1993) und Die Gewalt der Frommen. Zur Psychologie religiöser und ethnischer Konflikte (1997). Über seinen ersten Roman Kamsutra oder die Kunst des Begehrens (1999) schrieb Kushwant Sing: «Der beste Roman über Sinnlichkeit und Sex, den ich je gelesen habe.»
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'Der Kirtan, der seit über vierhundert Jahren nicht unterbrochen worden war, erstarb auch nicht, als die Leiche einige Stunden vor Sonnenaufgang entdeckt wurde. Die beiden jungen Mönche sangen weiter 'Nur der lebt wirklich, der Rama verehrt, Nur der lebt wirklich, der Ihn aufrichtig liebt', selbst dann noch, als das Kloster vom Klang der Holzsandalen, die über das Kopfsteinpflaster klapperten, und von aufgeregten Rufen 'Mahantji ist tot!' aus dem Schlaf gerissen wurde. Die Stimmen bebten, fingen sich jedoch wieder, als die Sänger ihre Fassung wiedergewannen und erfolgreich dem Drang widerstanden, aufzuspringen und mit den anderen zu den Teichen hinunterzustürzen. Als im Laufe des Nachmittags die Polizei eintraf, war Madhavacharyas Leiche gewaschen, in ein weißes Baumwolltuch gehüllt und auf dem Marmorboden der großen puja-Halle aufgebahrt worden. Die meisten Mönche standen unsicher in kleinen Grüppchen zusammen, und die täglichen Aufgaben blieben unerledigt, obwohl Vishnu Das darauf b estanden hatte, ein eiliges Morgen-arati zu verrichten. Er stand düster und respekteinflößend neben dem Leichnam und hob hin und wieder einen Zeigefinger, um einen der Mönche heranzuwinken und ihm dringende Anweisungen zuzuflüstern. Obwohl er erst noch formell zum neuen mahant von Galta bestimmt werden mußte, hatte Vishnu Das bereits die Leitung übernommen. Der Inspektor, der im Büro des mahant die Verhöre durchführte, fand, der Junge wirke deutlich jünger als achtzehn. Der Tod des alten Mönchs schien ihn stark mitgenommen zu haben. Seine Augen waren weit aufgerissen, während seine rechte Hand unwillkürlich immer wieder nach einer nicht vorhandenen Stütze griff, als fürchte er, seine Beine würden ihn nicht länger tragen. Der Inspektor mochte Gopals offenes Gesicht, das im Moment immer wieder von Trauer überzogen wurde, doch er hatte den Eindruck, daß er 'nicht ganz da' sei . . .