„Der Morgen der Trunkenheit" - erst am Ende dieses eindrucksvollen Buches habe ich wirklich begriffen, was uns dieser Titel zu sagen hat : Ist der nächtliche Genuss des Weines den Schmerz des Morgens wert? Ich möchte Euch/Sie nicht irreführen - dieser wunderschöne Roman hat in erster Linie nichts mit schnöder Trinkerei zu tuen, wenngleich auch dies ein Aspekt des Leidens der Ich-Erzählerin ist.
Aber nun genug der Verwirrung, komme ich zum Inhalt : Eine alte Iranerin erzählt während der neunziger Jahre ihrer jungen Nichte ihr Leben, welches in den zwanziger Jahren als Tochter einer sehr wohlhabenden, adeligen Familie begann. In vielen Details wird das Leben dort in Theran beschrieben - auch dank eines Glossars, in dem die persischen Begriffe erklärt werden, erschliesst sich so dem Leser/der Leserin ein umfangreiches Bild der adeligen, iranischen Gesellschaft der 30er/40er Jahre vor dem nur am Rande erwähnten Hintergrund politischer und geschichtlicher Veränderungen. In dieser Geschichte geht es nicht um die großen Ereignisse, nein - hier erzählt uns Mahbube, die Erfahrene, ihr Leben - aufgewachsen behütet und überwacht in der abgeschiedenen Welt des Adels, verliebt sich das junge Mädchen in einen gesellschaftlich vollkommen unakzeptablen Mann aus der Unterschicht und geht für diese Liebe, für diese Trunkenheit, durch kaum zu ertragende Qualen. Was sie dabei durchmacht wird von der Autorin geduldig und in allen Einzelheiten beschrieben.
Das Buch beeindruckt sowohl durch eine spannende Handlung als auch durch die überzeugende Schilderung der Gefühlsvorgänge im Herzen der jungen Frau.
Dies zu lesen bereitete mir nicht immer Vergnügen, da ich meine eigene Ungeduld spürte, manchmal dachte ich z.B. : „Mahbube - das kannst du dir doch nicht gefallen lassen! Tu doch etwas!"
Aber sie lässt es sich gefallen, denn sie wurde nicht auf ein Leben ausserhalb ihrer vertrauten Welt vorbereitet. Dies ist ein weiterer interessanter Aspekt des Buches : Weder die recht künstliche, durch diverse Regeln und Anstand/Moral bestimmte adelige Lebens-Haltung, noch die sich später als rauh, brutal und vulgär herausstellende Welt ihres Geliebten weisen dem Leser einen wirklich gangbaren, ehrlichen Weg. Einen Weg, auf welchem die Menschen wirklich offen miteinander reden und an einer klugen, liebevollen Beziehung zu arbeiten in der Lage sind.
Zwischen diesen beiden Poolen entsteht ein Spannungsfeld in dem Mahbube fast zerrissen wird... Aber mehr will ich nicht verraten.
Ich kann nur empfehlen, dieses niveauvolle, schöne, aber auch traurige Stück Literatur zu lesen, nach einigen Seiten wird es Dir - zukünftigeR LeserIn ( wobei die meisten wohl eher Leserinnen sein werden ) schwer fallen, das Buch aus der Hand zu legen, das Schicksal dieser empfindsamen Frau lässt uns nicht mehr los - bis zur letzten Seite.